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Programmänderung : Fritz Pleitgen: „Ich bin zornig“

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Felix wird im Fernsehfilm „Wut” von der Gang des jungen Türken Can drangsaliert Bild: WDR/Hardy Spitz

Die ARD-Intendanten haben die Ausstrahlung des Fernsehfilms „Wut“ um zwei Tage und auf eine spätere Sendezeit verschoben. WDR-Intendant Pleitgen verurteilt diesen Schritt und spricht über die Wahl seines Nachfolgers sowie die Ullrich-Affäre.

          Fritz Pleitgen, der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, kritisiert im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Montagsausgabe) die Verschiebung des WDR-Films „Wut“, der von einem türkischen Jugendlichen handelt, der einen Mitschüler und dessen Familie tyrannisiert, scharf. „Ich bin über die Entscheidung mehr als bekümmert, ich bin zornig“, sagte Pleitgen. Die Intendanten der ARD hatten in einer Ad-hoc-Konferenz am Freitag entschieden, den Film im Ersten nicht am Mittwoch um 20.15 Uhr, sondern am kommenden Freitag um 22 Uhr zu zeigen. Die begleitende Diskussionssendung geht dann bis über Mitternacht hinaus.

          Dazu Pleitgen: „Man fürchtet offensichtlich kritische Schlagzeilen. Diese Sorge hätten wir uns besser bei anderen Vorgängen machen sollen. Man fürchtet, die Jugendschutzbestimmungen zu beschädigen. Aber dies ist ein Film für junge Menschen, wie es der Hauptdarsteller und der Regisseur ausdrücklich betonen. Der Film zeigt eine Realität, wie sie vielen Kindern und Jugendlichen begegnet, aber die wir Erwachsenen nicht wahrhaben möchten. Wir haben als öffentlich-rechtlicher Rundfunk auf die Wirklichkeit aufmerksam zu machen. Der Film sollte eine engagierte, kontroverse, weiterführende Diskussion auslösen. Dazu braucht man eine breite Öffentlichkeit. Für das Hauptabendprogramm war ein sehr guter Kompromiß ausgearbeitet worden, der dem Jugendschutz gerecht geworden wäre. Um Mitternacht eine gesellschaftlich wichtige Diskussion zu führen, ist natürlich eine vertane Chance.“

          Parteipolitik findet nicht den besten Kandidaten

          Zur Wahl seines Nachfolgers sagte Pleitgen, der am 1. Juli 2007 aus dem Amt scheiden will, daß die Entscheidung des Rundfunkrats, der den Intendanten wählt, nicht parteipolitisch dominiert werden dürfe: „Vor Intendantenwahlen entsteht immer ein merkwürdiges Fieber. Aber Parteipolitik findet nicht den besten Kandidaten. Ich habe deutlich gemacht, daß dies nicht zu akzeptieren ist. Die Mitarbeiter des WDR würden das auch nicht duldsam hinnehmen. Dann wird sich der moralische Druck auf mich wieder erhöhen, erneut anzutreten.“

          Durch seine Bereitschaft, im Falle eines Falles als Kandidat bereitzustehen, sei er jedoch niemand anderem im Wege, sagte Pleitgen: „Ich habe den Wahlvorbereitungsausschuß des Rundfunkrats ausdrücklich aufgefordert, sich umzuschauen und die bestmögliche Lösung zu finden. Ich habe niemandem den Weg verstellt. Es sind sieben Kandidaten genannt. Mit denen werden Gespräche geführt. Ich habe meine Direktoren im Sender ermutigt, sich von Rundfunkräten ansprechen zu lassen. Wer von ihnen kandidiert, wird nicht erleben, daß ich mich dagegen stelle. Für mich steht fest, daß ein profilierter Journalist mit Managementerfahrung an die Spitze des Senders gelangen sollte. Inhalte werden mehr denn je entscheiden, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine Zukunft hat oder nicht. Neulich habe ich mich mit Gerd Ruge darüber unterhalten. Er sieht das genauso.“

          „Es darf keine weiteren Fehlleistungen geben“

          Zur Jan-Ullrich-Affäre sagte Pleitgen, daß der umstrittene 200.000-Euro Vertrag ein „blödsinniger Fehler“ gewesen sei. „Wir haben das nicht früh genug gestoppt. Das werfe ich mir als Intendant vor. Andere mögen das anders sehen.“ Was personelle Konsequenzen gegen den Programmdirektor Günter Struve und den Sportkoordinator Hagen Boßdorf angehe, sagte Pleitgen, habe er sich in Boßdorfs Fall „am Ende nicht für personelle Konsequenzen ausgesprochen. Sportkoordinator Boßdorf war in diesem Fall nicht die treibende Kraft. Er hat etwas ausgeführt, was die Intendanten abgenickt hatten. Da siegt mein Gerechtigkeitsgefühl. Ihn über Bord gehen zu lassen, hätte den Fall nicht geändert. Die Sünde ist begangen worden. Zu denjenigen, die manche jetzt im Visier haben, kann ich nur sagen: Das sind gebrannte Kinder, die derartige Verträge garantiert nicht mehr durchgehen lassen werden. Hopefully!

          Nicht nur nach meinem Eindruck ist Boßdorf genug bestraft worden. Ihn jagt die eigene Vergangenheit, sie schallt ihm seit Jahr und Tag aus den Zeitungen entgegen. Daran haben seine Familie und er schwer zu tragen. Wir haben uns darauf verständigt, ihm eine zweite Chance zu geben, allerdings unter harten Auflagen - die staatsanwaltlichen Ermittlungen wegen seiner eidesstattlichen Erklärung müssen für ihn positiv ausgehen, es dürfen keine weiteren belastenden Stasi-Erkenntnisse auftauchen und es darf keine Fehlleistungen geben wie etwa beim Ullrich-Vertrag, den er im wesentlichen vom Saarländischen Rundfunk kritiklos übernommen hatte.“

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