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Plädoyer vor dem Ethikrat: Matthias Habich und Lars Eidinger in „Gott von Ferdinand von Schirach“. Bild: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Ter

Streit um von Schirachs „Gott“ : Mediziner gegen Mediziner

Der Film „Gott von Ferdinand von Schirach“ beschwört eine heftige Kontroverse herauf. Palliativmediziner und Psychologen werfen ihm vor, er stelle die Frage nach dem Recht auf assistierten Suizid falsch. Andere Palliativmediziner und Juristen sagen nun, die Kritiker verzerrten alles von A bis Z.

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          Zur Ausstrahlung des Films „Gott von Ferdinand von Schirach“ in der vergangenen Woche in der ARD hatte sich eine Gruppe von Palliativmedizinern und Psychologen zu Wort gemeldet, die dem Stück vorwarf, es stelle die falsche Frage. Die Frage sei nicht, ob es ein Recht auf Suizid, sondern ob es ein solches auf einen „assistierten“ Suizid gebe und was daraus folge. Dieser Gruppe von Kritikern tritt nun eine zweite Gruppe von Palliativmedizinern, Juristen und Ethikern entgegen und protestiert gegen den Protest: Er interpretiere das Urteil des Bundesverfassungsgerichts falsch und stelle den Film verzerrt dar.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So treffe es nicht zu, dass das Bundesverfassungsgericht geurteilt habe, dass „alle Menschen, unabhängig von Alter und Leiden, einen Anspruch auf einen assistierten Suizid haben sollten“ und ein „Rechtsanspruch auf einen assistierten Suizid“ festgeschrieben werde. Ein solcher Anspruch sei „sowohl ethisch als auch juristisch ein Recht, dem eine Leistungspflicht einer anderen Person entspricht“. Und dieses habe das Bundesverfassungsgericht bei der Suizidhilfe ausdrücklich verneint. So heiße es in der Entscheidung unter anderem: „Niemand kann verpflichtet werden, Suizidhilfe zu leisten.“ In der Begründung des Urteils heiße es: „Aus dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben leitet sich kein Anspruch gegenüber Dritten darauf ab, bei einem Selbsttötungsvorhaben unterstützt zu werden.“

          Was die Darstellung des Ärztekammervertreter bei von Schirach angeht, von der die Mediziner und Psychologen, die Film und Stück kritisieren, meinen, sie wirke wie „aus der Zeit gefallen“, verweisen die Autorinnen und Autoren der Replik darauf, dass Ärzteverbandvertreter in den vergangen Jahren mit exakt jenen Argumenten und Sichtweisen aufgetreten seien, wie bei von Schirach zu hören.

          Achtung einer wohlüberlegten Selbstbestimmung

          Auch stimme es nicht, dass von Schirach, wie ihm die Kritiker des ersten Offenen Briefs vorhalten, „die Arbeit von Tausenden in Deutschland tätigen Menschen, die als Mediziner, Psychiater, Psychologen, Palliativmediziner, Pflegekräfte, Seelsorger, Mitarbeiter von Hospizen, Krisendiensten und Beratungsstellen, der Polizei, Feuerwehr oder einfach ehrenamtlich engagiert mit suizidalen Menschen zu tun haben“ negiere oder entwerte. Denn die genannten Gruppen kümmerten sich „in der Regel um Menschen, die nicht-freiverantwortliche Suizidimpulse haben“, und ihre Arbeit werde nicht entwertet, „wenn man darüber spricht, wie mit Situationen umzugehen ist, in denen diese Tätigkeit an die Grenzen ihrer Wirksamkeit stößt“. Mit ihrer Darstellung bewirkten die Kritiker eine „unterschwellige Pathologisierung und Psychiatrisierung freiverantwortlicher Suizidwünsche und der dahinterstehenden Menschen“.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten. Sollte kein Berater frei sein, klappt es in jedem Fall mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

          Sämtliche Repräsentativumfragen, heißt es im zweiten Protestbrief weiter, zeigten, „dass eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung für die Legalisierung der Suizidhilfe ist, meist zwischen sechzig und achtzig Prozent“. Was von den Kritikern des ersten Brief als Stand der Wissenschaft zum assistierten Suizid dargestellt werden, seien „pure Spekulationen“. Der Vergleich mit Zahlen aus den Niederlanden sei irreführend, einen „Dammbruch“ heraufzubeschwören sei „unbegründete Angstmacherei“.

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