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Privatfernsehen : Wo wir sind, ist unten

Und schon ist auch die nächste halbwegs passable Show wieder vorbei: Jurorin Lena und Gewinner Noah-Levi. Bild: dpa

Kann sich noch jemand an den Sender Sat.1 erinnern? Was läuft da eigentlich heute? Wie ein Beinahe-Spartenkanal seine letzten Marktanteile verschenkt.

          In Deutschland gab es einmal vier Sender oder Sendergruppen, die man zu den großen zählte. Die im Rennen um Quoten und Marktanteile die Nase vorn haben wollten: ARD, Pro Sieben Sat.1, RTL und das ZDF. Die beiden Öffentlich-Rechtlichen, finanziell dank des Rundfunkbeitrags besser ausgestattet denn je, sind nach wie vor dabei. Und auch RTL hält noch mit – zwar mit immer weniger originellem Programm, aber zumindest, was die Zuschauerzahlen angeht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Den Vierten im Bunde können wir jedoch inzwischen streichen. Als Medienunternehmen mag Pro Sieben Sat.1 lukrativ sein und kräftig Gewinne abwerfen. Hinter den einstmals auftrumpfenden Sender Sat.1 indes kann man ein Häkchen machen. Er versammelt kaum noch mehr Publikum als der kleine Schwestersender Pro Sieben. Geht es so weiter, wird Sat.1 zum Spartenkanal. Und das hat seine Gründe.

          Es ist nämlich fast nichts mehr von dem übrig, wodurch sich Sat.1 von Wiederholungkanälen wie Kabel 1 oder Super RTL unterscheidet. Kann sich noch jemand erinnern, wann wir bei Sat.1 den letzten selbstproduzierten Film in Erstausstrahlung gesehen haben? War das nicht einmal der Sender mit ansehnlichen Komödien und originellen Serien à la „Edel & Starck“? Lang ist das her, auch die beiden letzten Originale mit Identifikationspotential – Henning Baum in „Der letzte Bulle“ und Annette Frier als „Danni Lowinski“ – haben sich schon im vergangenen Sommer verabschiedet. Neue, andere Serien hat Sat.1 zwar produziert, aber schnell wieder aus dem Programm katapultiert oder erst gar nicht an den Start gelassen.

          Serien mit Schnarchpotential

          So wurde das Loch groß und größer – in dem auch gerne die Geschäftsführer verschwanden. Doch wenn gar nichts mehr funktionierte, dann gab es ja immer noch die amerikanischen Serien. „Navy CIS“, „Navy CIS L.A.“, „Hawaii 5.0“, „The Mentalist“, „Castle“ oder „Criminal Minds“ – Serien, die laufen und laufen und laufen, bis auch sie unversehens ein Ende finden. Und dann ersetzt oder ergänzt werden müssen.

          Und wenn die nächste Phalanx eingekaufter Produktionen aus lauter B-Ware besteht, wird es noch enger als eng – so wie bei Sat.1, dessen neuere amerikanische Serien allein durch ihr hohes Schnarchpotential herausragen: „Detective Laura Diamond“, „Scorpion“, „Stalker“, „Profiling Paris“, ja sogar der Ableger des als unverwüstlich geltenden „Navy CIS“ – „Navy CIS: New Orleans“ – entpuppt sich als Sedativum, mit dem Sat.1 sonntagabends, wenn das Erste mit dem „Tatort“ zehn Millionen Zuschauer versammelt, auf eine Einschaltzahl von 2,3 Millionen kommt. Da die Bilanz im restlichen Tagesprogramm nicht wesentlich anders aussieht, hat man den Eindruck, da wird gerade jemand aus dem Rennen genommen.

          Gibt es leider nur noch selten: Ambitionierte Produktionen wie „Der Rücktritt“ mit Kai Wiesinger und Anja Kling als Christian und Bettina Wulff.

          Solange die Kasse stimmt, kann das der börsennotierten Muttergesellschaft, der Pro Sieben Sat.1 Media AG, und deren Teilhabern herzlich gleichgültig sein. Knapp 2,9 Milliarden Euro Umsatz hat der Konzern im vergangenen Jahr gemacht und einen Überschuss von 354 Millionen Euro erzielt. Für 2015 verspricht der Vorstandschef Thomas Ebeling neue Rekordergebnisse. Bis 2018 soll der Umsatz auf 3,4 Milliarden Euro steigen.

          Beim Umzug verlor der Sender seine Seele

          Die Strategie, mit allerlei digitalen Nebengeschäften – sie tragen inzwischen mit 34 Prozent zum Umsatz bei – Geld zu verdienen und sich neben den sogenannten Free-TV-Sendern ein paar Bezahlkanäle zu halten, das Online-Portal My Video nicht zu vergessen, scheint zu fruchten. Es ist aber schon erstaunlich, dass das mit einem zunehmend öden Hauptprogramm geht und mit einem Hauptsender, der zur Chimäre verkommt.

          Dabei hatte mit Sat.1 (beziehungsweise dessen Vorläufer PKS) am 1. Januar 1984 die Geschichte des deutschen Privatfernsehens begonnen. Den Bruch markierte der Umzug des Senders vor sechs Jahren von Berlin nach München, den der überwiegende Teil der Belegschaft nicht mitmachte. Damals verlor der Sender, dessen Geschäftsführer und Mitarbeiter sich auch gern im internen Wettbewerb mit der Zentrale in München maßen, seine Seele. Die Hausnummer Sat.1 blieb zwar erhalten, doch kann man an ihrem Beispiel sehen, was passiert, wenn man eine Marke ihrer Qualitäten beraubt.

          Dabei ginge es auch anders. Wie wäre es denn, wenn es eine gelungenen Polit-Komödie wie die Guttenberg-Geschichte „Der Minister“ oder einen ambitionierten Film wie „Der Rücktritt“ zum Geschehen um den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff nicht nur alle Jubeljahre gäbe? Oder wie wäre es mit einer Investition in den Sport? Die Champions League muss ja nicht unbedingt im ZDF laufen. Geht es nur noch um halbwegs passable Musik-Shows („The Voice Kids“), Hollywood-Filme in der x-ten Wiederholung und darum, ein paar Leute mit einem Jahresexperiment von Ödnis in Dosen („Newtopia“) bei der Stange zu halten? Irgendwann wird das einen noch viel geringeren Monatsmarktanteil als 7,2 Prozent ergeben, bei dem Sat.1 im Augenblick liegt.

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