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Gewalt gegen Journalisten : Prügel, bis die Polizei kommt

  • -Aktualisiert am

Stiller Protest: Menschen halten Kerzen und Banner hoch, um ein Zeichen gegen Legida zu setzen. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, sagt MDR-Intendenatin Karola Wille nach dem Angriff auf eine Reporterin. Bild: AP

Am Montagabend ist die MDR-Reporterin Ine Dippmann in Leipzig von Legida-Demonstranten tätlich angegriffen worden. Der Angriff ist kein Einzelfall. Die Gewalt gegen Journalisten nimmt zu.

          Am Montagabend ist die MDR-Reporterin Ine Dippmann in Leipzig von Legida-Demonstranten tätlich angegriffen worden. Sie wurde beschimpft und ihr wurde ins Gesicht geschlagen. Damit sei abermals „eine Grenze überschritten worden“, stellte MDR-Intendantin Karola Wille fest. Sie kündigte an, „mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln“ vorzugehen. Reporter werden bei der Berichterstattung über Demonstrationen und Aufmärsche rechter Gruppen wie Pegida oder Legida künftig von Sicherheitspersonal begleitet.

          Der Angriff auf die Reporterin ist kein Einzelfall. Jaafar Abdul Karim, Reporter und Moderator der Deutschen Welle, wollte im Oktober letzten Jahres von Pegida-Demonstranten wissen, wovor sie Angst hätten. Während der Demonstration habe ihm jemand in den Nacken geschlagen. Auch der russische Propaganda-Sender „Russia Today“ berichtete von einem tätlichen Angriff. Ein Kameramann sei „von sechs bis sieben Pegida-Teilnehmern“ zusammengeschlagen worden. Auf ihn sei so lange eingeschlagen worden, bis ihm die Polizei zu Hilfe kam.

          Beifall vom Pegida-Initiator Luzt Bachmann: Tatjana Festerling hat zu Gewalt gegen Journalisten aufgerufen. Gegen sie wurde eine Strafanzeige gestellt.

          Das hinderte die Frontfrau der Pegida-Bewegung, Tatjana Festerling, nicht, bei ihrer Rede am Montag in Leipzig offen zu Gewalt aufzurufen – auch gegen Journalisten (F.A.Z. vom 13.Januar): „Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würden sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln.“ Wegen dieser Äußerung ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft Leipzig gegen Tatjana Festerling Anzeige wegen öffentlicher Aufforderung zu Straftaten erstattet worden.

          Massiver Anstieg von Übergriffen

          Angesichts der sich häufenden Gewalt gegen Journalisten und Reportern hat der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) nun das Blog „Augenzeugen.info“ ins Leben gerufen. Hier sollen diejenigen zu Wort kommen, die Opfer rechtsextremer Gewalt wurden oder Angriffe auf Journalisten bezeugen können. Der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall, der verantwortlich für das Blog zeichnet, will wachrütteln: „Die Politik nimmt das Problem immer noch nicht wahr. Das wollen wir ändern“, sagt Überall. Der Dortmunder Journalist Marcus Arndt erzählt in dem neuen Blog von einer Pegida-Demonstration in Duisburg im Dezember letzten Jahres: „Meine Kollegin war schon auf dem Weg nach Hause, als einer der Teilnehmer zu mir kam und meinte, dass Duisburg für mich eine Nummer zu groß sei und er mich ,Presseschwuchtel‘ beobachtet und abstechen wird, sobald er mich alleine später treffen wird.“

          Opfer rechter Gewalt: Legida-Demonstranten haben die Fenster eines türkischen Schnellimbiss eingeworfen.

          Mit den Übergriffen auf Journalisten hat sich am Mittwoch auch der Kulturausschuss des Bundestags befasst. Einer Studie zufolge seien im vergangenen Jahr 49 Angriffe auf Reporter und Kameraleute registriert worden, sagte Martin Hoffmann vom Europäischen Zentrum für Presse- und Medienfreiheit in Leipzig vor dem Gremium. Seit Entstehen der Pegida-Bewegung sei ein massiver Anstieg der Übergriffe zu verzeichnen, allein aus Sachsen seien dreißig der Fälle gemeldet worden. Der Chefredakteur des Mitteldeutschen Rundfunks, Stefan Raue, sagte, die Pegida-Bewegung beschwöre mit Vorwürfen wie „Lügenpresse“ eine Art geistigen Bürgerkrieg. „Wir Medien dürfen diese Kriegserklärung nicht annehmen“, sagte er.

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