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Preis für „Charlie Hebdo“ : Satire darf immer noch alles

  • -Aktualisiert am

Chefredakteur Gérard Biard spricht anlässlich der Preisverleihung in Potsdam. Bild: dpa

Der Chefredakteur von „Charlie Hebdo“ ist sehr bewegt, als er den M100 Medienpreis entgegen nimmt. Außenminister Steinmeier lobt den Mut der Redaktion. Doch warum gibt es gerade jetzt auch Kritik an der Zeitschrift?

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          Dem französischen Satiremagazin „Charlie Hebdo“ wurde am Donnerstagabend in Potsdam der M100 Medienpreis verliehen. Die Zeitschrift war am 7. Januar dieses Jahres Ziel eines islamistischen Terroranschlags geworden, bei dem zwölf Menschen starben, darunter Karikaturisten und Redaktionsmitglieder von „Charlie Hebdo“. Der Anschlag hatte weltweite Solidaritätsbekundungen zur Folge. Einige der überlebenden Mitarbeiter des Magazins verließen nach dem Attentat die Redaktion, Chefredakteur Gérard Biard blieb – und nahm in Potsdam den Preis entgegen, sichtlich bewegt.

          Potsdams Bürgermeister Jann Jakobs (SPD) eröffnete die Preisverleihung. Er bemühte Kurt Tucholsky: „Was darf Satire? Alles“. Die Meinungsfreiheit, sagte Jakobs, sei ein hohes Gut, das es in jedem Fall zu schützen gelte. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier würdigte ebenfalls das Engagement von „Charlie Hebdo“ für die Meinungsfreiheit. Er dankte dem Chefredakteur Gérard Biard für den Mut, auch nach dem Attentat auf die Redaktion weiterzumachen. Dieser Angriff sei eine Attacke auf Freiheit und Demokratie im Herzen des Landes gewesen, das Freiheit und Demokratie für Europa errungen habe.

          Meinungsfreiheit hat nichts mit persönlichem Geschmack zu tun

          Ferdinand von Schirach hielt die Laudatio auf „Charlie Hebdo“ und ging dabei auch auf die aktuelle Kritik an dem Magazin ein. In der Ausgabe vom 9.September wurde eine Zeichnung abgedruckt, die den ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan neben einer Mc-Donalds-Reklame zeigt, die Überschrift lautete: „So nah am Ziel …!“. Die Zeichnung hatte für Empörung gesorgt, auf die Solidarität nach dem Anschlag im Januar folgten jetzt Kritik und Ablehnung. Diese Umkehr kritisierte Ferdinand von Schirach scharf. Er warnte davor, die Meinungsfreiheit von persönlichem Geschmack abhängig zu machen. Satire lebe davon, Grenzen zu überschreiten. „Dieser Preis heute“, sagte von Schirach, „ehrt die Toten - und er ehrt die Überlebenden.“ Dass es „Charlie Hebdo“ noch immer gebe, sei ein „Trotzdem“.

          Gérard Biard selbst bedankte sich – beeindruckt von der ausgedrückten Wertschätzung  -, für die Ehrung. Er verteidigte „Charlie Hebdo“ gegen den Vorwurf der Islamophobie. „Charlie Hebdo“ habe sich niemals gegen Muslime oder den Islam gerichtet. „Wir kritisieren den Islamismus als politische Ideologie." Die ersten Opfer des „totalitären Islamismus und seiner Schergen“ seien in der ganzen Welt immer und zuerst Muslime.

          Preisübergabe: Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs, „Charlie Hebdo“-Chefredakteur Gerard Biard und Laudator Ferdinand von Schirach (von links)

          „Charlie Hebdo“, sagte Biard, greife Menschen niemals an wegen dem, was sie sind, sondern kritisiere ausschließlich ihr Denken. Dabei dürfe der Respekt vor Andersgläubigen nicht dazu führen, dass etwa für Muslime andere Regeln gälten als für Christen oder Nichtgläubige. Wer anderes fordere, gehe davon aus, dass Muslime nicht mit Kritik umzugehen wüssten. So entstehe gesellschaftliche Apartheid und fänden sich Muslime auf der Seite der Benachteiligten wieder. „Die Überzeugungen und Werte, für die wir eintreten, sind universelle Werte und als solche gehören sie allen Bürgern dieser Welt.“ Daher sollten alle Bürger in der Welt für sie streiten.

          Freie Presse ist kein Geschenk des Himmels

          Begleitet wurde die Preisverleihung von Diskussionsrunden, an denen internationale Medienschaffende und Wissenschaftler teilnahmen. Journalisten, Historiker und Verleger diskutierten über die Herausforderungen und Möglichkeiten, mit der sich eine moderne Presse im digitalen Zeitalter konfrontiert sehe. Immer mehr Themen verlangten nach Aufmerksamkeit, die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums nehme jedoch ab. Themen verdrängten einander, wechselten sich gewissermaßen ab, anstatt sich zu ergänzen – so gehe der Kontext verloren. Angesichts eines wachsenden Misstrauens dem Journalismus gegenüber müsse Vertrauen wieder aufgebaut werden, durch neutrale Berichterstattung, die der Dominanz meinungsstarker Kommentierung entgegentrete.

          Der an der Mainzer Gutenberg-Universität lehrende Historiker Andreas Rödder fasste die Diskussion zusammen, indem er schloss, eine freie Presse sei kein Geschenk des Himmels und müsse ständig aufs Neue verteidigt werden. Die größte Herausforderung der Presse in einer digitalisierten Welt sei es, eine Orientierung im unüberschaubaren Netz der Informationen zu bieten und als Filter zu wirken, damit Meinungsbildung auch in Zukunft auf Tatsachen und Hintergrundinformation basiere. 

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