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Wahl in Amerika : Mit dem Witzkandidaten wird es ernst

  • -Aktualisiert am

Nicht zu scherzen aufgelegt – Trump bei einer Rede in Charleston am 5. Mai 2016. Bild: AP

Niemand in den amerikanischen Medien wollte glauben, Donald Trump könne Präsidentschaftskandidat werden. Nun ist den Spöttern das Lachen vergangen. Ihre Prognosen waren allesamt falsch. Was nun?

          Donald Trump ist kaum noch aufzuhalten. Nachdem sein aussichtsreichster Konkurrent um die Präsidentschaftskandidatur im Lager der Republikaner, Ted Cruz, aufgegeben hat, scheint festzustehen, dass die Amerikaner im November die Wahl haben – zwischen Hillary Clinton und ebenjenem Trump. Was bis eben noch als kolossaler Witz erschien, ist ernstzunehmende Wahrheit. Und prompt wandelt sich der Blick der amerikanischen Medien auf diesen Donald Trump. Für Zuschauer des Fernsehsenders NBC wurde das besonders augenfällig. Denn der sendet seine Abendnachrichten am Tag nach Trumps Sieg in Indiana aus dem Foyer des Trump Tower. Aber nicht nur NBC stellt sich neu auf Trump ein.

          Zunächst mit spöttischem Amüsement, dann mit wachsender Verzweiflung hatten führende Publikationen in den vergangenen Monaten negiert, dass Trump realistische Chancen auf die Kandidatur habe – darunter die „Washington Post“, der „New Yorker“, „Atlantic“, die „Huffington Post“ und der fast kultisch verehrte Prognosen-Blog „Five Thirty Eight“. Doch dann kam es doch so, wie man es nicht für möglich halten wollte.

          „Das republikanische Pferderennen ist vorbei, und der Journalismus hat verloren“, schreibt die „New York Times“. Der Autor Jim Rutenberg erinnert an die legendäre Schlagzeile vom November 1948, als die „Chicago Tribune“ mit „Dewey defeats Truman“ voreilig den falschen Mann zum neuen Präsidenten kürte. Denn für die amerikanischen Medien war so gut wie abgemacht, dass Trump es nie bis zur Kandidatur schaffen würde. Die Einschätzung lautete, die Wähler würden seine Show bald durchschauen, die Regeln des politischen Diskurses brächten ihn zu Fall und die Republikanische Partei werde seine Nominierung niemals unterschreiben.

          Peter und der Wolf auf amerikanisch

          Vielen Beobachtern erschien Trump lächerlich, undenkbar, sogar beschämend. „Donald Trump wird nicht der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, auch nicht der 46. oder welche Zahl Sie auch immer nennen mögen. Seine Chance, die Nominierung zu gewinnen, ist gleich null“, schrieb James Fallows vom „Atlantic“-Magazin. Bis dato hätten schließlich sämtliche Amtsinhaber zuvor in irgendeiner Form im öffentlichen Dienst gestanden. „Jeder weiß, dass Trump verblassen wird, sobald sein theatralischer Auftritt den Reiz des Neuen verliert“, meinte Fallows.

          David Remnick, der Chefredakteur des „New Yorker“, unterfütterte den Blick voraus ebenfalls mit der Vergangenheit. Trumps Ausflüge in die Politik seien immer schon wenig mehr als bloße Erweiterungen seiner Marke gewesen – „der ganze Schwindel wird bald vorbei sein“, glaubte Remnick und nannte Trump einen „Witzkandidaten“.

          Auch andere hielten das Ganze für einen Scherz. Die „Huffington Post“ verbannte ihre Trump-Berichterstattung zwischenzeitlich in den Unterhaltungsteil. Der CBS-Chef Leslie Moonves ulkte, Trumps Präsidentschaft möge nicht gut für Amerika sein – „aber sie ist verdammt gut für die Einschaltquoten“. Er hoffe, dass Trump so weitermache, sagte Moonves dem „Hollywood Reporter“: „Der Rubel rollt, und es macht Spaß!“

          Aber gerade der Quoten- und Entertainment-Rausch der Medien habe zu einem „spektakulären Versagen“ der politischen Berichterstattung beigetragen, folgert Jim Rutenberg in der „New York Times“. „Die Fehler häuften sich: die falschen Voraussagen, die Übertreibung kleinster Entwicklungen im Rennen, der leichtfertige Umgang mit dem, was sich als ernstzunehmende Kandidatur im republikanischen Bewerberfeld erwies.“

          Republikanische Partei schwächer und Medien schlimmer als gedacht

          Sogar das vermeintliche Orakel der Nation, Nate Silver, der mit der korrekten Prognose der Wahlergebnisse in 49 von fünfzig Bundesstaaten im Jahr 2008 zum Superstar der politischen Berichterstattung aufgestiegen war, lag vollkommen daneben. Noch Ende November des vergangenen Jahres ermahnte er auf seinem Blog „Five Thirty Eight“ die Medienkollegen: „Hört auf, euch von Trumps Umfrageergebnissen in Panik versetzen zu lassen!“ Die Trump damals eingeräumte Chance von zwanzig Prozent sei viel zu hoch gegriffen, urteilte Silver.

          Jetzt streut man sich allseits Asche aufs Haupt. In der „New York Times“ bekennt Nate Cohn unter der Schlagzeile „Was ich an Trump falsch verstanden habe“, er habe den Kandidaten unterschätzt. Auch die schlechte Interpretation von Daten und verkannte Zusammenhänge führte Cohn ins Feld – sowie eine Fehleinschätzung der republikanischen Wählerschaft und ihres Widerstandes gegen die Parteiführung. James Fallows gibt im „Atlantic“ zu, er müsse neue Regeln lernen. Nate Silver räumt ein, er habe „das republikanische Rennen im Grunde verkannt“: „Die Wähler sind stärker stammesgebunden, als ich dachte, die Republikanische Partei ist schwächer, als ich dachte, und die Medien sind schlimmer, als ich dachte.“

          Der „Datenjournalismus“, also die Konzentration auf die Analyse von Meinungsumfragen, ist entzaubert worden. Er ersetze eben keine umfassende Berichterstattung, mahnt Jim Rutenberg in der „New York Times“, es fehle das Korrektiv der Recherche vor Ort. „Die Tatsache, dass viele von uns mit den Voraussagen so völlig falsch lagen“, sagt David Remnick im Gespräch mit „Politico“, „mag auch der Abneigung geschuldet sein, glauben zu wollen, dass solche Strömungen so weitreichend und erfolgreich angesprochen werden können.“ Dass die „beißende Kritik der Kommentatoren Trump nichts anhaben konnte“, hat viele Journalisten zweifellos überrascht.

          Sogar die Fox-News-Journalistin Megyn Kelly, die mit scharfen Fragen zu Trumps frauenfeindlichen Äußerungen zu dessen persönlicher Erzfeindin avancierte, wird kleinlaut. Mitte April machte sie einen Besuch im Trump Tower, um ihn zur Premiere ihrer neuen Talkshow einzuladen. Das inzwischen aufgezeichnete Gespräch wird am 17. Mai gesendet. Das neue Verhältnis zwischen der amerikanischen Presse und Donald Trump wird es garantiert spiegeln.

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