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Portugal : Salazar ist der Größte

  • -Aktualisiert am

Beliebt bis heute: Antonio de Oliveira Salazar Bild: dpa

Das portugiesische Fernsehen wollte von seinen Zuschauern wissen, wen sie für den größten Portugiesen aller Zeiten halten. Das peinliche Ergebnis der Abstimmung: Gewonnen hat der Diktator Salazar.

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          „Irren ist menschlich“ steht auf dem Grabstein des portugiesischen Diktators Dr. Antonio Oliveira Salazar. Dieses Gefühl beschleicht nun auch viele seiner peinlich berührten Landsleute, seit der Verstorbene am vergangenen Wochenende - siebenunddreißig Jahre nach seinem Tod - von den Zuschauern des Staatsfernsehens RTP in der Endrunde von allen „großen Portugiesen“ der Geschichte zum Allergrößten gewählt wurde. Am Ergebnis gibt es keinen Zweifel. Mit den erreichten einundvierzig Prozent könnte Salazar jederzeit eine Regierung bilden. Oppositionsführer wäre dann mit deutlichem Abstand der Kommunist Alvaro Cunhal, der magere neunzehn Prozent erhielt.

          Da nützt es nichts, dass die Konkurrenz von RTP, also der Privatsender SIC zusammen mit der Wochenzeitung „Expresso“, schon zuvor eine eigene Umfrage machte, bei der Portugals Gründerkönig Afonso Henriques, der im zwölften Jahrhundert die Unabhängigkeit erklärte, die Rangliste anführte. Salazar kam da nur auf Platz sieben. Die nahezu zweihunderttausend Portugiesen, die an der „staatlichen“ Abstimmung teilnahmen, mussten sich dabei schon etwas gedacht haben.

          Leicht betretene Analysen

          Die Frage ist nur: Was? In die leicht betretenen Analysen mischen sich Erklärungsversuche, die von schlichter Nostalgie Vorgestriger über zeitgenössische Politikverdrossenheit, Unmut wegen der Wirtschaftskrise und Ärger über die Sparmaßnahmen der sozialistischen Regierung von Ministerpräsident José Sócrates bis zu historischer Ahnungslosigkeit einer nach der „Nelkenrevolution“ von 1974 aufgewachsenen neuen Generation reichen.

          Dabei wurde der alte Diktator den „Wählern“ in diesem von einem BBC-Vorbild kopierten Fernsehvotum nicht aufgedrängt. Sie hätten auf einer langen Liste mit hundert Persönlichkeiten auch - neben Afonso Henriques - für den Dichter Fernando Pessoa, den Seefahrer Vasco da Gama oder den ehemaligen demokratischen Präsidenten Mario Soares stimmen können. Die Briten hatten sich bei ihrem ersten Versuch für Winston Churchill, die Deutschen für Konrad Adenauer und die Amerikaner für Ronald Reagan entschieden. Die Portugiesen gaben nun in nicht geringer Zahl Salazar den Zuschlag, weil er - Tyrann hin, Tyrann her - vor allem ein „ehrlicher, kompetenter und intelligenter“ Politiker gewesen sei.

          „Ein gutes Beispiel für alle Portugiesen“

          Wer sein Grab auf dem kleinen Dorffriedhof besucht, stößt auf ähnliche Bewertungen. Dort finden sich an der Friedhofsmauer um den Marmorstein mit der Landesfahne Täfelchen mit gedruckten oder handschriftlichen Kommentaren von Freunden und Kritikern. Der „Doktor der Doktoren“, so rühmt dort ein Bewunderer, sei „fleißig, ehrlich und ein gutes Beispiel für alle Portugiesen“ gewesen. Ein Zweiter findet, dass er „ein großes Werk und ein großes Wertevakuum hinterlassen“ habe. Ein Dritter schrieb: „Jeder, der das System von Portugal gegen das von Russland eintauschen wollte, war ein Verräter an unserem Vaterland.“ Ein Vierter notierte - im Sinne von „Wenn das der Führer gewusst hätte . . .“ -, dass Salazar „von Missetätern umgeben war, denen er vertraute und die ihre Brutalitäten vor ihm versteckten“. Ein Fünfter urteilt nüchtern: „Er war das Opfer des Regimes, welches er selbst geschaffen hatte.“

          Hier, am Rande der Ortschaft Vimieiro, bewerten Besucher eines bescheidenen Familiengrabes den Mann, der Portugal von 1932 bis zu seinem Hirnschlag im Jahr 1968 autoritär regierte. Sie tun es mit der Unbefangenheit von Glossenschreibern. Jedenfalls bestätigt der Friedhofswärter, dass die Täfelchen bei Überangeboten gelegentlich ausgetauscht und aktualisiert würden. Ganz anders im spanischen „Tal der Gefallenen“ nahe dem Escorial Philipps II. wo sich Francisco Franco noch zu Lebzeiten von republikanischen Gefangenen ein Granitmausoleum errichten ließ. Dort ist der Generalissimus, der ziemlich parallel von 1939 bis 1975 das Nachbarland regierte, noch unkommentiert bestattet. Der sozialistische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero hat allerdings vor kurzem durch ein neues Gesetz den Falangisten und Altfranquisten verboten, dort am Geburts- und am Todestag Sympathiekundgebungen abzuhalten.

          Es ist dennoch unwahrscheinlich, dass Franco - und sei es bei einer „Protestwahl“ im Fernsehen - so wie der kühle und zeitlebens ausgesprochen frugale Salazar als größter Spanier auf einundvierzig Prozent käme. Aber irgendetwas an dem „Doktor der Doktoren“ fällt den Portugiesen postum noch angenehm auf. Wieder scheint der Schlüssel in einer Inschrift zu stecken. Diesmal auf der Tafel an seinem Geburtshaus neben der Zwergschule von Santa Comba Dão. Sie lautet: „Hier wurde am 28. April 1889 Dr. Oliveira Salazar geboren. Ein Herr, der regierte und nichts raubte.“

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