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Youtube-Satire „Ucho prezesa“ : Das Ohr des Herrschers

Populär: Robert Gorski von der Kabarettgruppe Moralnego Niepokoju als Jaroslaw Kaczynski in der Youtube-Mini-Serie „Ucho prezesa“ (Das Ohr des Präses) Bild: dpa

Es ist was faul im Staate Polen. Die Satire „Ucho prezesa“ spießt es bei Youtube auf – und hat großen Erfolg. Doch die Frage ist: Nutzt sie dem karikierten Partei-Pascha Kaczynski damit nicht sogar?

          3 Min.

          Endlich haben die Polen wieder etwas zu lachen. Das Land ist tiefgespalten, aber nicht in Aufruhr: Die Opposition hat sich abgekämpft, aber wenig erreicht. Ihr Bekenntnis zu Rechtsstaat und Pluralismus hat viele Ältere auf die Straße gebracht, die noch wissen, wie bitter das graue Brot der Diktatur schmeckt. Die Jüngeren wissen das nicht mehr, aber sie empören sich, dass Polen immer noch ärmer ist als die westlichen Nachbarn. Derweil rollt die Dampfwalze der PiS, der Kaczynski-Partei, unerbittlich weiter. Ihr Programm: konservative Revolution statt liberaler Reformen, Loyalität zu Personen statt zu demokratischen Verfahren, straffer Zentralismus statt Pluralismus. Da tut es gut, wenn man über die Machthaber zumindest lachen kann. Im Januar stellte eine Schauspielertruppe auf Youtube ihr Programm vor: „Ucho prezesa“, „Das Ohr des Präses“. Der Terminus Präses bezeichnet in Polen den Chef einer Partei, eines Vereins. Aber in Polen gibt es nur einen wichtigen Präses: Jaroslaw Kaczynski, Chef der alleinregierenden PiS. Alle kämpfen um den Zugang zu seinem Lauschorgan. Diese wöchentlichen Youtube-Satiren erreichen die Massen: Nach einem Monat hatten die ersten vier Folgen, dazu die Trailer insgesamt fast dreißig Millionen Zuschauer gehabt.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Wie kommt das? „Das Ohr des Präses“ blickt in die wahre Zentrale des neuen Zentralismus: in das Parteibüro Kaczynskis in der Warschauer Nowogrodzka-Straße. Die Handlung spielt im Arbeitszimmer des Chefs, allenfalls kommt noch das Vorzimmer mit der mächtigen Vorzimmerdame Basia in den Blick. Das Arbeitszimmer selbst: Schreibtisch, Stehlampen mit altmodischen Schirmen, eine Schrankwand, auf der eine Büste des Nationalhelden Marschall Pilsudski thront. Dazu ein Globus, auf dem nur ein riesiges Polen zu sehen ist. Besser kann man provinzielles Denken nicht abbilden.

          Górski lässt Kaczynski menschlich wirken

          Und dann der Präses, gegeben von dem Warschauer Kabarettisten Robert Górski, Jahrgang 1971, dem Erfinder dieser Polit-Show. Górski sieht Kaczynski nicht ähnlich; doch das Spiel seiner Mundwinkel, das Auf und Ab seiner Augenbrauen, das Salbadern über Gott und die Welt: Präses, ja, du bist’s! Kaczynski wirkt hier recht menschlich. Was faul ist in diesem Staat, sind die Beziehungen des Chefs zu seinen Untergebenen. Fast immer ist ein Mann ohne Eigenschaften im Raum, der mit seinem adjutantenhaften Diensteifer dem polnischen Innenminister Blaszczak nachempfunden ist. Als schauspielerische Leistung ebenso beeindruckend der stahlharte „Kriegsminister“ Macierewicz: ein kahlköpfiger Mephisto, der - wie im wirklichen Leben - als Einziger seinem Parteichef das Wasser reichen kann.

          Personenkontrolle: Auf der Bühne von „Ucho Prezesa“ ist was los.

          Deformation der Demokratie: Kaczynski war nicht der Einzige in Polen, der versuchte, eine Regierung „vom Rücksitz aus“ zu steuern, ohne selbst ein Kabinettsamt innezuhaben. Aber er hat das Modell zur Perfektion getrieben. Dementsprechend erscheint sein Zögling, der junge Staatspräsident Duda, in der Satire gleichsam als Notar des Parteichefs, wichtig nur wegen der Ausfertigung der Gesetze. Selbst gegen Basia kommt er nicht an. Nicht auszudenken, was der reale Präsident empfindet, wenn er sich derart durch den Kakao gezogen sieht.

          Schon bald sahen sich die Persiflierten gezwungen, Stellung zu beziehen. Aus der Parteizentrale verlautete, der Präses habe gelacht, und zwar herzhaft - vor allem über sich selbst. Daraufhin äußerte sich der Innenminister ähnlich. Nur der Staatspräsident wagte es, den Satirikern einen inhaltlichen „Fehler“ anzukreiden.

          Die Liberalen sind schwerer zu parodieren

          Die Autoren des „Ohrs“ muss das Echo freuen. Hatte doch Górski vor wenigen Jahren (im öffentlichen Fernsehen und zur Freude der damaligen Opposition) den seinerzeitigen Regierungschef Donald Tusk gespielt. Die Liberalen seien schwerer zu parodieren, sagt Górski im Rückblick; die knorrigen Konservativen von heute dagegen seien „interessanter und charakteristischer“.

          Ist nun das „Ohr“ wirklich politisch? Das innige Verhältnis des „Kriegsministers“ zu seinem ebenso jungen wie umstrittenen Pressesprecher Misiewicz, eine die Regierung schwer belastende Personalie, haben die Autoren schön aufgespießt. Aber vor allem zeigen ihre Sendungen Intrigen und Kleinkriege, während sie viele politische Themen umschiffen. Górski sagt, er wolle nicht die PiS verspotten, sondern „diese drückende, lähmende Atmosphäre im Land auflockern, die uns alle geradezu würgt“. In Interviews hält er sich mit Kritik an der PiS zurück, äußert sich teilweise respektvoll über Kaczynski. Während die meisten Figuren des Regierungslagers schlecht wegkommen, kann sich der Vorsitzende, der weiß, dass er im Volk reichlich unbeliebt ist, freuen, dass er auch in der Satire der Sonnenkönig ist, um den der Globus namens Polen kreist.

          So ist die Wirkung des „Ohrs“ nicht abschließend zu bewerten. Selbst die liberale „Polityka“ kam nach eingehender Analyse zu keinem klaren Ergebnis. Lässt der Satire-Kaczynski den wahren Kaczynski harmloser, freundlicher erscheinen? Oder hält Autor Górski nur sein Pulver trocken, um bei einer Zuspitzung der Lage in Polen richtig aufzudrehen? Es bleibt spannend. Und alle Fragen offen.

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