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„Tatort“ aus Berlin : Er setzt alles auf eine Karte

  • -Aktualisiert am

Hauptkommissar Karow (Mark Waschke) und Christine (Ursina Lardi), die Witwe seines toten Partners, befinden sich in Geiselhaft. Bild: rbb/Oliver Vaccaro

Mit der Folge „Dunkelfeld“ schließt Berlins „Tatort“ eine Mordgeschichte in vier Teilen ab. Da kann man als Zuschauer schnell den Überblick verlieren.

          Wenn es ganz schlimm wird, liegt zum Glück immer irgendwo ein Nagel im Sand herum, mit dem sich die Handschellen doch noch öffnen lassen. Und wenn das mit dem Nagel nicht klappt, dann muss man eben seinem Folterknecht den Ohrring abbeißen. Der Nagel wäre die appetitlichere Variante gewesen, aber Robert Karow, schweißgebadeter Berliner Kriminalkommissar am Martermäuerchen, nimmt, was er kriegen kann, um die Hände frei zu bekommen. Immer noch erforscht er die Umstände des Mordes an seinem früheren Partner Gregor Maihack. Dass der erschossen und nicht ertränkt wurde, dass der Drogenclan um den mysteriösen „Hakari“ dahintersteckt und die Tatwaffe in seine Kommode geschmuggelt wurde, ist ihm inzwischen klar. Aber nicht nur die schöne Witwe von Maihack, mit der er ein Verhältnis hatte, glaubt nicht an seine Unschuld.

          Während Karow in den letzten drei „Tatort“-Folgen aus Berlin immer wieder durch andere Fälle von seinem eigentlichen Fahndungsziel abgelenkt wurde, kann er sich in „Dunkelfeld“, dem vierten und letzten Teil der „Tatort“-Mini-Serie, auf den mysteriösen Polizistenmord konzentrieren. Nina Rubin, Karows Kollegin, hat sich einen Tag frei genommen, um die Barmizwa ihres Sohnes zu feiern und den schiefen Familiensegen zurechtzurücken. Karow kann also auf eigene Faust ermitteln – ein Zustand, der dem zynischen Einzelgänger sowieso am liebsten ist. Aber kaum hat Nina den Kreuzkümmel in den Rote-Bete-Salat gerührt, klingelt ihr Telefon: „Ein Motorrad, zwei Schüsse, drei Sekunden“; der Kronzeuge, den Karow regelwidrig in einer ungepanzerten Limousine zum Verhör fahren ließ, wurde getötet. Karow muss nun alles auf eine Karte setzen – auf eine Handyspeicherkarte, um genau zu sein, auf der ein Video-Mitschnitt von Maihacks Ermordung vorhanden sein soll.

          Bitte auf Hemdmonogramme, Halsketten und Hakennasen achten

          Um die zu finden, rast er von einer Witwe zur nächsten, liefert sich der Gegenseite aus, lässt sich von einem Junkie die Oberschenkel brechen und von seiner Exfreundin das Blut von den Schläfen lecken. Am Ende ist er dann sehr froh, dass seine Kollegin ihre Familienfeier vorzeitig verlässt, um die Fährte mit aufzunehmen.

          „Dunkelfeld“ ist für den Zuschauer, der die vorherigen Folgen verpasst und den Blick in die ARD-Mediathek gescheut hat, kein leichtes Spiel. Man muss sehr aufmerksam sein, um sich im Gewirr der Andeutungen nicht zu verlieren. Es braucht kombinatorisches Geschick, das auf Hemdmonogramme, Halsketten und Hakennasen achtet, sonst verliert man den Anschluss. Immer wieder werden kurze, schwarzweiße Rückblenden eingespielt, um die Erinnerung aufzufrischen beziehungsweise erst anzulegen. Aber um zu erreichen – was etwa der amerikanischen Serie „Homeland“ in ihren Vorabclips vorzüglich gelingt –, dass der Zuschauer knapp und gleichzeitig umfassend über das Geschehene informiert wird, muss man mehr auffahren als ein paar wackelige Rückblenden. Das „Was bisher geschah“ ist ein eigenes, ziemlich herausforderndes Genre, das zumindest dieser „Tatort“ (Regie Christian von Castelberg) auf eine zu leichte Schulter nimmt.

          Im richtigen Augenblick ist sie zur Stelle: Kommissarin Nina Rubin (Meret Becker, links).

          Trotzdem bleibt man dabei und gefangen – nicht vom leidlich spektakulären Plot, sondern von den gespaltenen Persönlichkeiten der beiden Hauptfiguren. Mark Waschke spielt einen ungreifbaren Robert Karow, der im Anzug überm weißen T-Shirt aussieht wie aus einer C&A-Werbung und ein wenig zu sehr in seine Ausstrahlung verliebt ist, als dass sein Wesen wirklich anziehend wirken könnte. In fremden Küchen trinkt er gerne mit nacktem Oberkörper die Smoothie-Reserven leer und drückt sich Tränen aus den Augen – aber zum melancholischen Einzelgänger fehlt ihm die Lässigkeit. Meret Becker hat die typische „Berliner Schnauze“, sagt „jenau“ und „Mäuschen“ und wirkt immer etwas nölig-gelangweilt. Ob sich hinter ihrer unbeteiligten Art nicht auch eine große Traurigkeit verbirgt, kann man schwer sagen. Blauäugig-naiv ist sie nur dem Anschein nach. Wenn es drauf ankommt, ist sie zur rechten Zeit am richtigen Ort, selbst wenn der ein schmutziges Baugerüst ist und daheim schon die Garten-Lampions brennen.

          Ein Staatsanwalt, der selbst beim Kotzen Sexappeal bewahrt

          Obwohl das Drehbuch (Stefan Kolditz) kein Zusammenspiel zwischen den beiden vorgesehen hat, gelingt ihnen am Ende doch der Anflug einer Beziehung – auch wenn die sich zunächst in zwei Ohrfeigen realisiert. Während die Nebenfiguren eher blass bleiben und variieren – die hilfreich hübsche Hospitantin (Carolyn Genzkow) im selben Tempo an Charakter gewinnt, wie der emotional-unterkühlte Staatsanwalt (Holger Handtke) ihn verliert, die leidende Polizistenwitwe (Ursina Lardi) noch beim Kotzen ihren Sexappeal bewahrt und ihr schnurrbärtiger Entführer (Gerdy Zint) so berlinerisch nuschelt, dass man ihn kaum versteht –, bleibt die eigentliche Hauptrolle unbesetzt: Berlin kommt – sieht man von einigen Paradehintergründen wie Rotes Rathaus, Nollendorfplatz und U-Bahn-Bogen ab – praktisch nicht vor.

          Selbst der echte Rabbiner, der mitspielt, kommt aus Schleswig-Holstein. Hatte Karow in der letzten Folge den Bösewicht auf der Baustelle des Humboldt-Forums gestellt, liegt der hier zappelnd im Luxuspool im Irgendwo. Die experimentelle, „horizontale“ Erzählweise des Berliner „Tatorts“ endet mit einem Panoramablick – beim nächsten Mal dürfte es durchaus wieder etwas vertikaler und lokaler zugehen.

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