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Polizeiruf 110: „Morgengrauen“ : Herbst ist auch was Schönes

  • -Aktualisiert am

Zwei Liebesblinde: Karen Wagner (Sandra Hüller) und Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) Bild: BR/Erika Hauri

Eigentlich werden im „Polizeiruf“ aus München zwei Mörder gesucht. Aber der Kommissar will lieber mit der Gefängnisleiterin tanzen, statt den Fall aufzuklären. Eine gute Entscheidung.

          Dass der Sommer sich dem Ende neigt, erkennt man zuverlässig daran, dass erstens die Bundesliga wieder läuft und zweitens der Krimi ins Fernsehen zurückkehrt. Beides geschieht an diesem Wochenende. Den Anfang nach gefühlten Monaten voller Ödnis in der Glotze macht am Sonntagabend ein „Polizeiruf 110“ aus München, der sich als Einstimmung auf die dunkleren Jahreszeiten hervorragend eignet. An einen Krimi, in dem die Sonne seltener schien, das Deckenlicht funzeliger war und die nächtliche Ansicht grell erleuchteter Hochhäuserfenster deprimierender wirkte, kann man sich zumindest kaum erinnern. Dass dies im Fall des Kommissars Meuffels keineswegs etwas Schlechtes heißen muss, das weiß man hingegen noch.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          So dauert es in der neuen Folge „Morgengrauen“ zwar eine Weile, bis man diesem schweigsamen Mann wieder gerne zusieht. Denn Meuffels, den der Schauspieler Matthias Brandt mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kargheit ausstattet, tut wieder viel dafür, sich als der verschlossenste unter den nicht wenigen schweigsamen Kommissaren zu zeigen. Aber irgendwann, als er zum zweiten oder dritten Mal in die Justizvollzugsanstalt geht, um erst den Mord an einem jungen Geigenspieler und dann den vermeintlichen Selbstmord eines Insassen aufzuklären, wird deutlich, dass alles, was nicht gesagt wird, fortan den Kern dieses Falls bildet. Und zwar vor allem, weil Meuffels im Gefängnis einer Frau begegnet, die ihm in seinem oft vergeblichen Ringen um Worte in nichts nachsteht.

          Tanz zweier Taubstummer

          Das Zusammentreffen von Karen Wagner (in jeder Hinsicht bemerkenswert: Sandra Hüller), die das besagte Gefängnis leitet, und Meuffels gleicht dem Tanz zweier Taubstummer, die trotz ihres Alters noch nicht begriffen haben, dass gerade am Anfang auch Details eine wichtige Rolle spielen. Diese Unbeholfenheit verbindet sie und beschert dem Film etliche Szenen von trauriger Schönheit: Wie sie einander in ihrem Büro sprachlos gegenüberstehen, dann das Telefon klingelt, und sie sagt „Telefon“, worauf er antwortet „Ja, Telefon“; wie sie ihm, der sie längst schutzlos ansieht, einen Kaffee anbietet und die „Geschmacksrichtung Lila“ preist, worauf er sagt „Ja, Lila ist gut“, das ist grotesk und großartig zugleich. Die Spannung, die zwischen diesen beiden besteht, ist gerade weil sie so spröde daherkommt, nicht minder wichtig für den Film als der Fall, um den es eigentlich geht.

          Da passt es ausnahmsweise gut, dass Alexander Adolph, der für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, beides miteinander verbunden hat. Denn im Gefängnis arbeitet auch der Psychologe Max Steiner (hier in einer Nebenrolle: Axel Milberg), den Meuffels noch aus Schulzeiten kennt. Nach Jahren sehen sie sich wieder, klopfen sich auf die Schultern, verabreden sich zum Sonntagstee – und haben sich doch nicht viel zu sagen. Selbst bei der Frage, ob der noch jugendliche Insasse Martin Scharl (Manuel Steitz) wirklich Selbstmord begangen haben könnte, vermag der Psychologe dem Kommissar nicht weiterzuhelfen. Dafür flüstert er Meuffels Zweifel ein, was die ehrlichen Absichten von dessen neuer Liebschaft angeht. Von manipulativen Spielchen und Anzeigen wegen sexueller Belästigung ist auf einmal die Rede. Unversehens und in nur wenigen Minuten verschieben sich somit die Fronten in diesem stillen Stück, für welches das Gefängnis dann auf gleich mehreren Ebenen als geeignete Metapher erscheint.

          Dass Meuffels schließlich sogar mit seinem ehrgeizigen, notgeilen und verschlagenen Kollegen Oberpriller (Andreas Lust) zusammenarbeiten muss, den er gerade erst so elegant in die Schranken verwiesen hat, erscheint dann nur noch folgerichtig. Es gehört eben zu diesem „Polizeiruf“, dass hier nicht viel gelingt. Ja, am Ende gibt es zwar einen Mörder, und der Fall ist gelöst. Aber erklärt ist damit nichts. Denn es bleiben einem diese Gestalten im Gedächtnis, die für das Miteinander, das sie begehren, nicht geschaffen sind. Und die einander trotzdem neunzig Minuten lang wie Wölfe umkreisen, die einer Witterung folgen, aber keiner Spur.

          Tatortsicherung

          Wie häufig sind Morde und Selbstmorde tatsächlich in deutschen JVAs? Diese und andere offene Fragen zum „Polizeiruf 110“ aus München beantworten Experten am Sonntag von 21.45 Uhr an unter faz.net/tatortsicherung. Parallel zur Fernsehausstrahlung veröffentlichen wir die Fragen zum Miträtseln auf dem Twitter-Account @FAZ_Feuilleton und unter #Tatort.

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