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Polizeiruf 110 : Und wenn doch alles ganz anders war?

  • -Aktualisiert am

Nachdenklich am Tatort: Matthias Brandt als Kommissar Bild: Wiedemann & Berg Television GmbH

Der großartige Polizeiruf „Und vergib uns unsere Schuld“ sprengt die Genre-Konventionen. Matthias Brandt glänzt in der Rolle des zweifelnden Kommissars.

          3 Min.

          Ein Notruf vorab: Geschätzte Krimidauerdienstler der ARD, erlöst uns - von diesem Vorspann. Die umgekippte Weinflasche, der rausgefingerte Ausweis, der abgeratzte Koffer, wir können es nicht mehr sehen. Tradition ist kein Hindernis. Das Intro des „Polizeiruf 110“ hat schon viele Wandlungen durchgemacht, und die aktuelle Variante ist schon sieben Jahre alt, die Musik gar siebzehn. Nie war die Gelegenheit so günstig, denn es bedarf nur eines Anrufs beim Mainzer Angstgegner: Jan Böhmermanns im ZDF uraufgeführte Blaulicht-Kapuzenhymne „Ich hab’ Polizei“, die dem deutschen Gangster-Rap den verdienten Garaus gemacht hat, muss es einfach werden. Gerne in Bild und Ton: „Brichst du Gesetz, bricht dir Polizei die Beine. Ich wähl 110, dann lernst du, was ich meine.“ Die mit den Uniformen sind einfach die coolere Gang, denn „Polizei macht nur, was Polizei will“. Und im Zweifel gilt: „Polizei hat Panzer und P99.“

          Manchmal aber hilft kein Panzer, im Gegenteil. Manchmal kommt heraus, dass das letzte Aufgebot der Staatsgewalt einfach etwas plattgewalzt hat. In diesem Fall ist es die Beichte des aufgeregten Jens Baumann (Karl Markovics spielt schön undurchschaubar), die junge Miriam (Lola Dockhorn) getötet zu haben („Es war ein Unfall“), die den hyperintegren Hanns von Meuffels - ein wieder minutiös den richtigen Ton treffender Matthias Brandt - in Erschütterung versetzt, obwohl es dauert, bis diese Erschütterung ihn voll ergreift, denn Beichten sind ominös geworden in der säkular egozentrischen Welt. Ein Geständnis mag es geben, wenn jemand mildernde Umstände wittert. Aber ein Mensch, dem sein Gewissen wichtiger ist als die Freiheit? Darf man da nicht seine Zweifel haben, zumal Kommissar von Meuffels Jahre zuvor den Mörder des Mädchens eindeutig überführt hat?

          Seelenfrieden und andere Motive

          Eine Leiche wurde zwar nie gefunden, doch der Miriam nachgestellt habende Nachbarsjunge Tim Haffling (Sebastian Griegel) hatte gestanden, das Opfer während der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahre 2006 im Wald ermordet zu haben, als das gesamte Dorf gerade gebannt den deutschen Viertelfinalwackelsieg gegen Argentinien verfolgte. War Tim, ein gemobbter Außenseiter und Heintje-Fan, von der Polizei vielleicht zu sehr in die Enge getrieben worden? Mit dem Suizid des vermeintlichen Täters im Justizvollzug beginnt dieser nachdenkliche Film nach einem Buch von Alexander Buresch und Matthias Pacht, der seine Überzeugungskraft und Spannung ganz aus einer grundsätzlichen Fragestellung bezieht: Was, wenn alles anders war? Wenn man einen Fehler gemacht hat, der sich nicht mehr revidieren lässt? Wenn man das Leid vergrößert hat? Wer vergibt diese Schuld? Fehlbarkeit ist in der Theorie allzu menschlich, in der Praxis eine Katastrophe.

          Mit ruhiger Hand hat Marco Kreuzpaintner Regie geführt. Die Kamera bedrängt Brandt dabei in ähnlicher Weise, wie ihm zunächst der Geständige, dann der Zweifel, zuletzt das Gewissen zu Leibe rücken. Freilich kann Baumann auch nur ein Selbstbezichtiger sein, der um Aufmerksamkeit buhlt, denn es gibt Widersprüche in seiner Aussage. Und obgleich seine Wohnung aussieht wie eine Dombaumeisterhütte - ein Fest für Ausstatter -, obgleich wir ihn zum Schuldbekenntnis („Mea culpa“) in der spätbarock klar zwischen Verdammnis und Erlösung unterscheidenden Asamkirche knien sehen, wirkt er nicht unbedingt fromm. Es hat sogar etwas Diabolisches, wie er von Meuffels ins Gewissen flüstert: „Der Fall war gut für Ihre Karriere, oder? Das war doch Ihr erster Fall in Bayern?“ Geht es Baumann doch um anderes als den eigenen Seelenfrieden?

          Kaum jemand aus dem televisionären Ermittlerkosmos nähme man den Schock angesichts einer möglicherweise falschen Verurteilung so sehr ab wie Brandts Kommissarfigur, die als moralische Instanz über allen niedrigen Begehrlichkeiten zu schweben scheint. Auch zerknirscht bleibt er der stilvollste Polizist, den wir haben. Im traumhaften Oldtimer-BMW kurvt er durch diesen Anti-Fall, ein Coupé E9 2.5CS, wenn der Eindruck nicht täuscht. Das Wetter wird immer schlechter, nur in den zersplitterten Rückblenden auf den Sommer 2006 scheint stets die Sonne, dominieren die warmen Farben, wie das meist ist in Erinnerungen. Eine kleine Überraschung hat der berückende Film noch in petto. Dem Unheil aber entkommt er nicht. Schließlich sehen wir von Meuffels in leicht mythischer Überhöhung seinen schwersten Gang antreten. Großes Fernsehen, das ohne alle Konventionen auskommt und die Schuldfrage einmal ganz anders stellt.

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