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„Polizeiruf 110“ im Ersten : Warten auf die Rente

  • -Aktualisiert am

Trauer am Tatort: Wolfgang Winkler als Hauptkommissar Schneider (l.), Isabell Gerschke als Oberkommissarin Lindner und Jaecki Schwarz als Hauptkommissar Schmücke Bild: MDR/Steffen Junghans

Was könnte man vermissen, wenn der „Polizeiruf“ aus Halle Geschichte ist? In „Bullenklatschen“, der vorletzten Folge, wird jede Aktualität verschenkt. Das aufregendste ist der Titel.

          Nun gehen die Lichter bald aus in Halle. Das Ende des MDR-„Polizeirufs 110“ mit Schmücke (Jaecki Schwarz) und Schneider (Wolfgang Winkler), dessen sozialkritischer Realismus für die einen so etwas wie Kult, für andere eine reine Zumutung war, ist beschlossene Sache. Mit der nächsten, der 50. Folge ist Schluss. Ist das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht?

          Vor kurzem schien es noch, als hätten die Polizisten in Halle auf ihre alten Tage ihre Beine endlich einmal in die Hand genommen und die Kurve gekriegt. Es gab zwei Folgen, in denen sich die fast sprichwörtlich gewordene statische Unaufgeregtheit der Kommissare Schmücke und Schneider zwar nicht gelegt hatte, sich dafür aber geradezu als Tugend erwies. Die Verjüngungskur zeigte sich im Auftauchen der jungen Oberkommissarin Lindner (Isabell Gerschke) am deutlichsten, aber nicht nur beim Personal gab es Neuerungen. Auch die Autoren schienen begriffen zu haben, wie man Risiko in etablierten Formaten buchstabiert, ließen Schmücke im Alleingang ermitteln und angeschossen mit dem Tode ringen (“Ein todsicherer Plan“) und in der nächsten, mit Selbstironie gespickten Folge Jaecki Schwarz vom Krankenbett aus mit dem auch ans Bett gefesselten Henry Hübchen über den Polizistenberuf räsonieren: „Alles alte Säcke, die auf die Pension warten, dumm wie Brot!“ („Blutige Straße“). Das hatte Klasse.

          Vielleicht wird es ja nach der Pensionierung aufregender

          In „Raubvögel“ aber war dann Schluss mit lustig. Und in der neuen, der vorletzten Folge ist alles beim Alten. Die Ermittlungsweise von Schmücke, Schneider und Lindner ist so naturalistisch langatmig wie eh und je. An „Bullenklatschen“ ist das Aufregendste der Titel. Dass sich beim nächsten Mal die Kommissare per Paukenschlag verabschieden, wie der verdeckte Ermittler des NDR-„Tatorts“, Cenk Batu, steht nicht zu befürchten (oder zu hoffen). Was also könnte man vermissen, wenn der „Polizeiruf“ aus Halle Geschichte ist? In „Bullenklatschen“ konzentriert sich der Fall des toten Nils Rotter (Daniel Breitfelder) auf die Arbeit von Streifenpolizisten. Rotter war mit seiner Partnerin Ilka Grein (Theresa Scholze) zu einem nächtlichen Einsatz wegen Ruhestörung in einen Hinterhof gerufen worden. Ein Mieter im sanierten Vorderhaus (“da, wo die Bonzen“ wohnen) hatte sich über die Musik der Hinterhausbewohner (Autonome und Punks) beschwert. Die Situation eskaliert, Polizisten kommen zu Hilfe und finden Rotter erschossen und Grein bewusstlos. Eine der Dienstwaffen fehlt.

          Merkwürdig ist an „Bullenklatschen“, dass ausgerechnet bei diesem Thema - kapitalismuskritische, gewaltbereite Berufsprotestierer legen sich mit der Staatsgewalt an - die Gesellschaftskritik links liegenbleibt. Occupy, Blockupy - jede Aktualität wird verschenkt, stattdessen konzentriert sich der Film auf die Beziehungen der Polizisten untereinander. Punks und Autonome sind verkleidete Pappkameraden und beteuern in Polizeiverhören brav, dass sie doch nur spielen und mit echter Gewalt nichts zu tun haben wollen. Schneider lässt sich das nicht bieten. Schmücke grübelt mit der Kriminaltechnikerin Weigand (Marie Gruber) und den Kollegen in der Zwischenzeit über Projektile, Waffenbeschädigungen, Flipchartrekonstruktionen, Splitter und Wollpullifaser. Das wirkt vor allem harmlos und grundsolide in gänzlich unaufregendem Sinn (Buch: Matthias Herbert, Regie: Thorsten Schmidt). Man ahnt gleich, dass die wiederkehrenden Rückblenden, in denen Grein an einen früheren Einsatz mit Rotter erinnert wird, der Schlüssel zum Fall sind. Auch die visuelle Gestaltung trägt nun wieder zum Eindruck des Hausbackenen bei. So kann man einen durchaus gelungenen Aufbruch auch mit voller Absicht verschenken. Man wünscht Schmücke und Schneider, dass sie nach der Pensionierung endlich was ganz Aufregendes machen dürfen.

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