https://www.faz.net/-gqz-6z3v5

Polizeiruf 110: Die Gurkenkönigin : Ich bin die Polizei!

  • -Aktualisiert am

Kommissarin Tamara Rausch (Sophie Rois) geht aufs Land und räumt auf. Polizeihauptmeister Krause (Horst Krause) scheint erstaunt Bild: rbb/Oliver Feist

Rotzig, clever, sexy: Sophie Rois gibt ein erstklassiges Gastspiel als Kommissarin beim „Polizeiruf 110“ aus Brandenburg. In „Die Gurkenkönigin“ jagt sie einen Vampir.

          2 Min.

          Herrlich ist es hier draußen“, sagt die Kommissarin im modisch schmalen Lederblouson, „fast zu schön für einen Mordversuch“. So, wie der Brandenburger Spreewald in der neuen Folge von „Polizeiruf 110“ gezeigt wird, kann man ihr bloß beipflichten: Das viele Grün! Die malerischen Kanäle! Die friedliche Landschaft fast ohne Autos, Menschen, Windräder. Gewisslich umweltschonend wird die regionale Gemüsespezialität in einer Fabrik namens „Gurkenkönig“ verarbeitet, die bis nach China exportiert. Aber irgendjemanden scheint das zu stören, denn ein maskierter Mann überfällt Luise König, fesselt die Chefin im Keller an einen Stuhl, gießt Benzin aus - und als der alarmierte Dorfpolizist Krause (Horst Krause) auftaucht, nimmt ihm der Übeltäter im Vampirkostüm die Dienstwaffe ab und verschwindet spurlos.

          Die Gurkenkönigin hat allerdings eindeutig kein Interesse daran, dass die Polizei die Angelegenheit aufklärt, und gerät damit, obwohl sie doch das Opfer ist, in Verdacht: Wen will sie schützen? Und warum? Die provinzielle Idylle hat, das wird schnell klar, bei aller charmanten Naturbelassenheit erhebliche Risse.

          Ein freies Leben: ohne Rücksicht auf Gurkengläser

          Bestimmt von Enteignung, Rückübertragung und finanziellen wie mentalen Kraftakten beim Wiederaufbau der Fabrik treffen Ost- und Westgeschichten hart aufeinander. Dazu kommen bei der ganzen Familie noch Träume von einem freien Leben ohne Rücksicht auf Gurkengläser, Verkaufsquoten und Provenienz. Mögen die Geschäfte auch gut gehen, knirscht es trotzdem merklich im Privatbereich: Die Eheleute verbringen die Nächte in getrennten Schlafzimmern, der Liebhaber der Chefin will nicht abserviert werden, die erwachsenen Töchter streiten um denselben Mann, der Großvater im Rollstuhl war nie ein Engel.

          Dem Regisseur Ed Herzog gelingt es witzig, lässig und sehr sophisticated, die erzählerisch überzeugenden Themenkomplexe in ihrer Widersprüchlichkeit plausibel zu verknüpfen. Spannung wird wie nebenbei erzeugt und grundiert den Film auf amüsante wie inspirierte Weise, und dabei gibt es nur eine einzige Leiche. Ein wenig zitiert die locker-ironische Machart vielleicht den Humor der legendären, längst verblichenen ORF-Krimiserie „Kottan ermittelt“. Auch gespielt wird auf höchstem Niveau. Die charismatische Sophie Rois, Star an der Berliner Volksbühne und im Februar mit dem Ernst-Lubitsch-Preis für ihre Rolle in Tom Tykwers Beziehungskomödie „Drei“ ausgezeichnet, vertritt die wegen ihrer Schwangerschaft pausierende Maria Simon, die ansonsten die Brandenburger Ermittlerin verkörpert.

          Rotzig, clever und sexy

          Die jetzt aus der Großstadt Berlin abgestellte Kriminalhauptkommissarin Tamara Rusch glänzt bei Sophie Rois in einer wunderbar fidelen Mischung aus Rotzigkeit, Cleverness und Sexappeal und genießt den Ausflug in den urig bäuerlichen Zonenrand sichtlich. Herzhaft beißt sie etwa in die Gewürzgurken und setzt unliebsame Anordnungen durch, indem sie unmissverständlich lustvoll ihre Autorität betont: „Ich bin die Polizei!“ Susanne Lothar brilliert als undurchsichtige Unternehmerin, die unter ihrem eiskalten Businesspanzer ein heißes, fast sympathisches Herz verbirgt. Gekonnt unsentimental zeigt Bernhard Schütz den verzweifelt bodenständigen Fabrikanten, der zwar König heißt, aber in Wahrheit ein Bettler ist.

          Klischees werden in diesem hinreißenden Film so leicht aufgebaut wie ausgehebelt, ob durch die geistreich komischen Dialoge von Wolfgang Stauch oder die famose Kameraführung von Torsten Breuer. Selbst die über jedem Krimi lastende Frage nach der Schuld wird von der Kommissarin völlig prosaisch und stilsicher bündig beantwortet: „Schuld ist immer der, der abdrückt.“

          Polizeiruf 110: Die Gurkenkönigin läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

          Weitere Themen

          Noch irgendwelche Fragen?

          Fernsehen im Wahlkampf : Noch irgendwelche Fragen?

          Fallenstellen inklusive: Den Kanzlerkandidaten blüht in der Fernseharena einiges, ob in der „Wahlarena“ der ARD oder bei Pro Sieben. Aktivistinnen drehen auf, Kinder fragen und haben einen Knopf im Ohr.

          Rückkehr auf den Wüstenplaneten Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Dune“ : Rückkehr auf den Wüstenplaneten

          Nach mehreren Verschiebungen kommt nun endlich Denis Villeneuves Neuverfilmung des Science-fiction-Klassikers „Dune“ in die Kinos. Dietmar Dath verrät, warum sich das lange Warten auf die Rückkehr auf den Wüstenplaneten gelohnt hat.

          Stell keine dummen Fragen

          Pop-Anthologie (126) : Stell keine dummen Fragen

          Wie trennt sich eine fast magisch verbundene Gesangesgruppe von seinem Publikum? „Auf Wiedersehen, my dear“ von den Comedian Harmonists war ein gezwungener Abschied, der leicht klingen sollte.

          Topmeldungen

          Australien taucht ab – aber nicht mehr mit U-Booten aus Frankreich.

          Sicherheitspakt im Pazifik : Ein Deal entzweit den Westen

          Australien, die USA und Großbritannien haben einen Sicherheitspakt geschlossen, der Canberra Zugang zu Atom-U-Booten ermöglicht. Frankreich fühlt sich durch die Vereinbarung betrogen und reagiert enttäuscht.
          Die ehemalige Geschäftsführerin der Weltbank und heutige Chefin des IWF, Kristalina Georgiewa, spricht auf dem Weltwirtschaftsforum 2019 in Davos.

          Doing-Business-Report : Weltbank manipulierte wichtige Länder-Rangliste

          Die Weltbank hat ein Ranking der Wirtschaftsfreundlichkeit von Volkswirtschaften geschönt, um China ruhig zu stellen. Das offenbart ein interner Bericht. Die neue IWF-Chefin Kristalina Georgiewa gerät daher ins Visier.
          Authentizität, Professionalität und Perfektion: Frauen haben es bei Bewerbungsbildern nicht leicht.

          Empfehlungen für Frauen : So wird das Bewerbungsbild perfekt

          Immer besser, hoffentlich perfekt: Was Bewerbungsfotos betrifft, bewegen sich Frauen auf einem schmalen Grat. Der Wunsch, sich optimal zu präsentieren, kann schnell nach hinten losgehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.