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Polizeiruf 110 : Brüder, zur Rente

  • -Aktualisiert am

Zwei Kapitäne mit viel Freizeit: Jochen Winkler (links) und Jaecki Schwarz lösen im MDR-“Polizeiruf“ ihren letzten Fall Bild: MDR/Steffen Junghans

Eine Ära endet, wie sie begann und stets war: Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler verabschieden sich in Zeitlupe vom „Polizeiruf“. Der Episode „Laufsteg in den Tod“ muss wirklich nichts mehr folgen.

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          Zum Fünfzigsten endlich Dienstschluss! Als Schmücke (Jaecki Schwarz) zu seinem letzten Fall gerufen wird, hat er schon etliches intus. Im Gartenlokal probiert er sich gerade gemütlich durch die Weinkarte. Entsprechend ungehalten, wenn auch milde gestimmt durch die Süffigkeit des Roten, pflaumt er den Störenfried an: „Freitag ab eins macht jeder seins.“

          Während Schneider (Wolfgang Winkler) draußen am See am Nachmittag mit seiner Lebensgefährtin das Motorboot auf Vordermann bringt, von dem Schmücke noch gar nichts weiß. Urlaub hat Schneider erst von Montag an. Aber na ja. Ist ja schon fast Wochenende. Augen fest zudrücken. So viel zum Thema Arbeitsmoral im neuen, dem fünfzigsten und letzten Fall des Kommissarpaars aus Halle, der wohl als eine Art mildsonniger Nachruf zu Lebzeiten geplant war.

          Folgerichtig erinnern Schmücke und Schneider hier nicht nur noch einmal daran, wie behäbig und betulich sie im MDR- „Polizeiruf“ über lange Jahre zu ermitteln pflegten, sondern verlegen sich gleich ganz auf eine Ruhehaltung, die an Arbeitsverweigerung grenzt. Üblicherweise ist so etwas ein Fall für die Abmahnung. Doch wo man sich rundum so intensiv auf das Privatisieren vorbereitet wie in „Laufsteg in den Tod“, nützt eben auch die Abmahnung nichts mehr.

          „Krimi“ führt zum sofortigen Einschlafen

          Schmücke und Schneider haben wir anlässlich des vorletzten „Polizeirufs“ („Bullenklatschen“) gewünscht, nach der Pensionierung endlich was ganz Aufregendes machen zu dürfen (F.A.Z. vom 19.Mai 2012). Nun wissen wir, wie man sich beim MDR das Leben von Ex-Kommissaren vorstellt: schon mittags einen im Tee haben, wahlweise Holzplanken abschmirgeln. Herrlich. Alles andere würde wahrscheinlich zu sofortigem Herzstillstand führen. Nur bei wem? Beim Zuschauer jedenfalls führt dieser „Krimi“ mutmaßlich zu sofortigem Einschlafen.

          Als wollte man zu guter oder schlechter Letzt noch einmal daran erinnern, wie überflüssig Schauspieler, Drehbuch, Kamera und Regie sich hier selbst empfinden, ist in „Laufsteg in den Tod“ alles andere wichtiger als die Krimihandlung. Man kann das irgendwie pfiffig oder gar dekonstruktiv finden. Zu viel der Ehre. Wo früher die penetrante Sozialkritik der Fälle oft nervte, macht sich zum Schluss nur noch gähnende Langeweile breit.

          Die Handlung rund um einen piefigen mitteldeutschen „Model-Contest“ mit einem Heidi-Klum-Verschnitt in der tragenden Rolle (Sonja Kirchberger als Sylvia Gregori mit starren Gesichtszügen als Halbwüchsigen-Dompteurin) - wie aus den übrig gebliebenen Resten vergangener „Brainstorming“-Runden aufgekehrt und zusammengeschustert.

          Kamera und Regie einfallslos

          Wenig Logik, keine Spannung, lieblos gezeichnete Figuren, seltsame Anschlüsse. „Germany’s Next Topmodel“-Gastjuror und Designer Thomas Rath als schwuler Modeltrainer mit Namen Jérôme Bonnair - so stellt sich Klein-Hänschen kichernd das Business vor.

          Modelfotograf Paolo Gregori (David Rott) als schmuckbehängter Lüstling; die Modelaspirantinnen als naive „Meedchen“ mit Riesenrosinen im Kopf und in akuter Lebensgefahr - Mutti hat halt auch immer gesagt, mach lieber was Solides. Nicht einmal ein paar anständige Schauwerte gibt es bei den nachgestellten „Shootings“ - um Klassen ansehnlicher ist da der bunte Pomp, den Klums feministisch fragwürdiges „GNTM“-Original entfaltet.

          Kamera und Regie (Frank Grunert und Hans Werner) - bestenfalls einfallslos. Der Rest macht auch nichts her. Assistentin Lindner (Isabell Gerschke), die, als sie sich vor wenigen Folgen auf eine gefährliche Liaison mit einem verbrecherischen Staatsanwalt einließ, noch zu den schönsten Hoffnungen berechtigte - bloße Staffage.

          Im Nachhinein bleibt der beste „Polizeiruf“ aus Halle der, in dem der angeschlagene Schmücke zur Rekonvaleszenz im Krankenhaus neben Henry Hübchen als versoffenem Boulevardjournalist lag und fast subversiv dialogisierend zu großer Form auflief. Eigentlich hatte es Schmierenreporter Klaue damals, in der 47.Folge, schon auf den Punkt gebracht: „Alles alte Säcke, die auf die Pensionierung warten, dumm wie Brot.“

          Gemeint waren die Polizisten. In der Folge „Blutige Straße“ konnte man sich noch aussuchen, ob das als ironischer oder sarkastischer Kommentar zum „Polizeiruf“ zu verstehen war. Für die Folge „Laufsteg in den Tod“ ist der Satz die reine Wahrheit.

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