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„Polizeiruf 110: Blutige Straße“ : Endlich stochern die Altvorderen nicht mehr im Nebel

  • -Aktualisiert am

Neue Gesichter im „Polizeiruf“ aus Halle: Isabell Gerschke spielt die Kommissarin Nora Lindner, Misel Maticevic den charismatischen Staatsanwalt Ole Mahler. Bild: MDR/Andreas Wünschirs

Jugendlicher Überschwang, Action, Erotik: Der bisher so behäbige „Polizeiruf“ aus Halle ist nicht mehr wiederzuerkennen. Er zeigt Frische. Und das ist gut so.

          Was ist nur seit der letzten Folge beim „Polizeiruf“ aus Halle los? Ganze fünfundvierzig Folgen lang konnte man dem Altherrenwitz-Duo Schmücke (Jaecki Schwarz) und Schneider (Wolfgang Winkler) beim Betulich- und Harmlossein zuschauen. Las man die Vorankündigungen, konnte man sich die Fälle und die Art ihrer Aufklärung, vor allem aber das schnarchige Tempo der Ermittlungen, schon detailliert ausmalen. Das Übliche wurde in Halle auf die übliche verstaubte Weise in nur geringfügigen Variationen gezeigt.

          Eindimensionale Sozialkritik stand bei den meisten Fällen im Vordergrund; im Nebel stochern - aber bitte gemächlich - war das bevorzugte Mittel der Wahl der Hauptkommissare. Leider aber waren Schmücke und Schneider trotz ähnlicher Kleidung weder Klone Columbos, noch hatten sie das Format eines Kommissars Maigret. Sie waren einfach bloß die langweiligsten unter allen „Polizeiruf“-Ermittlern. Die Euphemismen dazu heißen „bewährt“ und „unaufgeregt“.

          Vor nicht allzu langer Zeit aber muss beim MDR jemand aufgewacht sein und die Operation „Frischer Wind“ in Angriff genommen haben. Da jetzt beim Sender sowieso eiserne Besen kehren (sollen), mag man sich gedacht haben, ist die Gelegenheit günstig, eine paar alte Zöpfe mit abzuschneiden. Für die letzte, die 46.Folge mit dem Titel „Ein todsicherer Plan“ wurde beim „Polizeiruf“ Phase eins der Verjüngungskur gestartet. Schmücke ermittelte leichtsinnig und im Alleingang, wurde angeschossen, rang mit dem Tod.

          Oldies im Dienst: Die Kommissare Schneider (Wolfgang Winkler, links), Schmücke (Jaecki Schwarz, rechts) und der Boulevardreporter Walter Klaue (Henry Hübchen, Mitte)

          Die junge Kollegin Nora Lindner (Isabell Gerschke) folgte den Spuren an der Seite von Schneider weiter, der nun in die Hufe kommen musste, aber pronto! Und es gab plötzlich sogar so etwas wie Action. In der neuen, der 47.Folge, setzt sich das fort. Und jetzt - man halte sich fest - gibt es neben Jugend (Oberkommissarin Lindner bleibt) und Action auch noch - Sex! Besser gesagt, ausgiebige Softsexszenen und Ausflüge à la „Basic Instinct“. Übrigens nicht von einer Verdächtigen, sondern der Kommissarin selbst. Ob der „Polizeiruf“ aus Halle so die Kurve kriegt?

          Korruption beim Autobahnbau

          „Alles alte Säcke, die auf die Pension warten, dumm wie Brot!“, ereifert sich Henry Hübchen als heruntergekommener Schmierenreporter Walter Klaue, als er in „Blutige Straße“ neben Schmücke, der diesmal im Krankenhaus die Strippen zieht, im Bett liegt. Klaue ist bei einem Brandanschlag auf seinen Wohnwagen fast ums Leben gekommen und vertraut Schmücke nach und nach seine Erkenntnisse über Filz und Korruption beim Autobahnbau an. Mit den „alten Säcken“ sind die Polizisten gemeint. Und Schneider stöhnt vor einer Zeugenbefragung: „Jede neue Treppe eine Herausforderung.“ Probiert es der „Polizeiruf“ aus Halle jetzt mit Selbstironie?

          Schmücke jedenfalls wirkt in diesem Fall so wendig wie selten. Jaecki Schwarz gibt sich der jungen Kommissarin gegenüber zwar gewohnt onkelhaft, nähert sich aber geradezu scharfsinnig-verschmitzt als Einziger der Lösung. Wolfgang Winklers Schneider hat Mühe, mit der Kollegin Schritt zu halten, seine Gründlichkeit aber stellt sich am Ende als Tugend heraus.

          Hübchen ist als skrupelloser Klatschjournalist ideal besetzt. Mit Misel Maticevic als charismatischem jungem Staatsanwalt Ole Mahler kann man auch nichts falsch machen. Der Fall um eine junge Frau mit Kontakten zu Sexpartys, die totgefahren wurde, weil sie über brisante Informationen über politisch Großkopferte verfügte, ist solide in der Anlage, etwas lückenhaft und unlogisch im Detail (Buch: Hans-Werner Honert), von Dror Zahavi jedoch temporeich, aber nicht zu hektisch in Szene gesetzt. Zwischen der Kommissarin und dem Staatsanwalt brennt in erotischer Hinsicht die Luft. Noch Wünsche offen? Auf Phase drei der Reform darf man gespannt sein.

          Oder nicht? Zum Schluss sagt die Kommissarin Lindner zu Schmücke: „Ich hab ’n Fehler gemacht.“ Der antwortet: „Wissen Sie, wie viele Fehler ich schon in meinem Leben gemacht habe? Morgen habe ich Reha.“

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