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„Polizeiruf 110 - In Flammen“ : Rechte Märtyrerin

  • -Aktualisiert am

Reaktionäre Reaktion: Bukow (Charly Hübner) und Erik Meissner (Patrick von Blume) geraten aneinander. Bild: NDR

Zwischen einem „national befreiten“ Biobauernhof und dem Tod im Dienste der „Bewegung“: Im Rostocker „Polizeiruf 110“ ist ein Mord Teil der Politik.

          Von der mehr oder minder gelungenen Einzelgestaltung abgesehen, erscheinen Themenhäufungen in „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ manchmal wie eine List zeitgeschichtlicher Vernunftanstrengung. Aktuell zum Beispiel: Eine Absicht wird nicht vermuten, wer sich mit den Planungsvorläufen der ARD-Sender auskennt.

          Der „Polizeiruf 110“ vom Sonntag jedenfalls war Mitte 2017, vor der Bundestagswahl, abgedreht, kann mithin kaum als Reflex auf deren Ausgang gelten. Der Aufstieg einer rechtspopulistischen Partei, die mit Angstmache Erfolg sucht, war in ähnlicher Weise im ebenfalls vom NDR verantworteten Dezember-„Tatort: Dunkle Zeit“ Thema.

          Beide Krimis stellen eine Frauke-Petry-Figur im Wahlkampf in den Mittelpunkt. Im „Tatort“ spielte sie Anja Kling als charismatische Machthungrige, die mit der „Ausweitung des Sagbaren“ jongliert. Der „Tatort“ setzte auf die Darstellung der Verführungskraft angeblich tabuisierter Positionen. Das hob sich vom öffentlich-rechtlichen Erklärmodus zwar ab, war aber nicht durchweg gelungen. Vor allem, weil eine krude Bonnie-und-Clyde-im-linken-Block-Geschichteund der Ausgang des Falls den Entlarvungsanspruch unterboten.

          Zu viel Rücksicht auf „Polizeiruf“-Konventionen

          Mit Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Sascha Bukow (Charly Hübner) gibt es nun mehr Butter bei die Fische. Im „Polizeiruf 110“ aus Rostock wird die aufsteigende Politgröße Sylvia Schulte (Katrin Bühring), beliebte Oberbürgermeister-Kandidatin der PFS („Partei für Freiheit und Sicherheit“), nach einem umjubelten Auftritt Opfer eines offensichtlichen Hassmords. Jemand verbrennt sie bei lebendigem Leib, direkt nach der Einstiegsszene, in der es auf einer Bürgerhausbühne um die Verachtung der „alten Parteien“, deren angebliche Unterwanderung der „Mainstream-Medien“, Familien in Armut, die bei der „Tafel“ anstehen und Mütter, die von Hartz IV leben, geht; um Frauen, die sich „nachts nicht auf die Straße trauen“ und „slawistische Mörder“, die „nicht abgeschoben werden“.

          „Euer Land, holt es euch zurück“, ruft die Politikerin in die Kamera. Die Rede aber stammt nicht aus der Rechtsaußenecke. Schultes Spin-Doctor ist ein syrischer Flüchtling mit Universitätsabschluss, nach zwei Jahren so gut integriert, dass er aus Opportunismus eine Partei mit fremdenfeindlicher Politik, aber besten Aufstiegschancen unterstützt. Karim Jandali (Atheer Adel) dient sich nach Schultes Ermordung dem Fraktionschef der PFS im Mecklenburg-Vorpommerschen Landtag, Roland Herlau (Michael Wittenborn), als Berater an. Der will Schultes Tochter Lena (Pauline Rénevier) gewinnen – die Tochter einer Märtyrerin im Dienst der „Bewegung“. Seine Pressekonferenz benutzt er als Versuch der Abrechnung mit Rechtsstaat und Polizei – und bläst zur Jagd auf Fremde.

          König und Bukow, gebeutelt durch ihr anstehendes Disziplinarverfahren, durJchleuchten Schultes Vergangenheit und „wilde ugend“. Sie war mit einem radikalen Ideologen verheiratet, der mit bezopft Brot backenden Kindern und braver Hausfrau Lilli (Lisa Hagmeister) nun einen „national befreiten“ Biobauernhof betreibt. Erik Meissner (Patrick von Blume) feiert Sonnenwende und „Reichsbürger“-Haltung. Die „Tatorte“ von SWR und BR bewegten sich zuletzt in einem ähnlichen Milieu. Ausgerechnet Bukow aber verteidigt die „Abgehängten“ gegen König, die „vom rot angemalten Ross herunter“ argumentiere (Charly Hübner selbst engagiert sich mit Dokumentarfilmen gegen Versuche, Vorstellungen von heimatlicher Scholle mit Blut-und-Boden-Ideologie zu vergiften). Verfassungsschutz und rechte Untergrundgestalten verkomplizieren die Lage. Weitere Märtyrer, so scheint es, sollen die Narration von der Verfolgung aufrechter Bürger verstärken. Kommissariatsleiter Röder (Uwe Preuss) ist hochnervös wegen des „politischen Minenfelds“. Die Kollegen Pöschel (Andreas Guenther) und Volker Thiesler (Josef Heynert) sind weniger zimperlich.

          Zum Ende hin nehmen das Buch von Florian Oeller und die Regie von Lars-Gunnar Lotz zu viel Rücksicht auf „Polizeiruf“-Konventionen. Zur bewussten Provokation, wie sie Skandinavier oder Briten in Fernsehstücken hinbekommen, scheinen die Macher hierzulande noch kaum bereit.

          Der Polizeiruf 110: In Flammen läuft am Sonntag, 10. Juni, um 20.15 Uhr im Ersten.

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