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Polizeiruf aus München : Wenn die verkehrten Kreise im Kreis verkehren

Dreh dich nicht um, keinen Schritt weiter: Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) hält die Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer) auf Abstand. Bild: Christian Schulz

Der Regisseur Christian Petzold verwandelt den „Polizeiruf 110“ in einen Modellbaukasten mit winzigen Figuren. So wird der Krimi zum Metafilm. Ist das Kunst oder Langeweile?

          3 Min.

          „Geht es Ihnen auch so, dass das alles wieder so eine Kreiswelt ist?“ Was der Tatverdächtige vom Kommissar in einer dieser dunklen Verhörszenen wissen will – zwei Menschen am Tisch, Worte hin, Worte her, Schweigen, Statik –, mit denen Christian Petzold (Buch und Regie) seinen Münchner „Polizeiruf“ segmentiert, soll auch der Zuschauer fragen. Sonst hieße dieser neunte Fall um Kommissar Meuffels (Matthias Brandt) nicht „Kreise“, sonst drehte sich der Ermittler, der dieses Mal von einer gleichermaßen erfahrenen wie innerlich ramponierten Kollegin (Barbara Auer) begleitet wird, nicht selbst im Kreis.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sonst beschriebe nicht die ganze Handlung eine Kreisbewegung, begleitet von einem fast zu Tode genudelten Popsong in Endlosschleife („I’m not in love“ von 10CC). Sonst hätten wir es nicht mit einem so kleinen Figurenkreis zu tun, den es in bedächtigem Tempo abzuschreiten gilt. Oder eher: auf Autofahrten durch den Regen oder die Nacht zu umfahren gilt, wobei Verhörsituationen zwischen den beiden Kommissaren entstehen, künstliche Nähe in einem von der Welt abgeschlossenen Raum. Oder Erzählkapseln, in denen zwei Menschen probeweise mögliche Wirklichkeiten rekonstruieren.

          Nur die Modelleisenbahn fährt scheinbar nicht im Kreis

          Die Rundreise beginnt für die Ermittler bei der Toten im Wald. Sie wissen nicht, was wir wissen: Dass eine andere Autofahrt, bei der ein Stricher und eine brennende blonde Frauenperücke eine Rolle spielten, mit dem zusammenhängen muss, was Meuffels und Constanze Hermann am Tatort vorfinden. Um die Erdrosselte muss noch ihr ebenfalls erwürgter Hund im – richtig – Kreis herumgesprungen sein, bevor der Mörder sie halbherzig unter Laub begrub und ihr den Slip auszog. Weiter nichts. Aber Constanze Hermann weiß: „Das ist eine Reminiszenz. Er hat sie gekannt.“

          Wer könnte die ermordete Möbelfabrikantin besser gekannt haben als ihr Ex-Mann, den alle nur „der Brauer“ nennen, und dem Justus von Dohnányi eine gehemmte Höflichkeit mitgibt, die Schlimmstes vermuten lässt. Ihn umzirkeln die Ermittlungen bald, nach Stationen beim Sohn des Opfers, einer Zeugin und einem Angestellten, von dem wir erfahren, wie verhasst diese Frau war, die Brauer in der Firma ausgebootet und zu Hause gedemütigt hat. Obwohl er als Möbeldesigner alles für den Betrieb war. Aber der sollte nun ja auch verkauft werden. Benannt hatte seine Frau das Geschäft nach sich und ihrem Hund.

          Bald heißen sie Hanns (Matthias Brandt) und Constanze (Barbara Auer) füreinander.
          Bald heißen sie Hanns (Matthias Brandt) und Constanze (Barbara Auer) füreinander. : Bild: Christian Schulz

          Ist das also nicht wieder so eine kleine Kreiswelt? Mit Figürchen in der Landschaft – Unternehmertochter, Produktionsleiter, Parvenu, Geliebte, Hund, Stricher, Kommissarin, Kommissar, diverse Autos und ein Zug – wie sie Brauer in die Miniaturwelt seiner Modelleisenbahn hineindrapiert? In der fährt der Zug, eine weitere Bedeutsamkeit, nicht im Kreis. Es sieht zumindest nicht so aus, der unterirdischen Schienen wegen.

          Literarisch, nicht mäandernd

          Wie Brauer, der als die dritte Hauptfigur in diesem bis zum Schluss offenen Spiel auftritt, betreibt Petzold in „Kreise“ Modellbau. Der Krimi als Metafilm über die Methodik der erzählerischen Konstruktion, das Erschaffen von Räumen mit Worten und Bildern und wie man sie mit Menschen und Objekten füllt. Ostentativ trägt Meuffels am Ende ein Modell des Verhörraums vor sich her, in dem er und sein Gegenüber einander spiegeln. Auch das ist Konzept, wie Dialogzeilen, die als Echos funktionieren und scheinbar Unzusammenhängendes aufrufen. Sie sollen, so wohl das Kalkül, den geschlossenen Kreis sprengen. „Ist das eine neue Fragetechnik, so mäandernd?“, fragt Brauer. Literarisch sei das, antwortet Meuffels.

          Mäander und Kreisbahnen ineinander verschränkt ergeben das Gegenteil einer Spur, die vom Rätsel bis zur Lösung führt. In „Kreise“ schaffen sie eine kunstvoll arrangierte Statik, die schwer zu ertragen ist. Durchschossen wird sie nur von einer sekundenkurzen Verfolgungsjagd und der tastenden Annäherung zwischen Hanns und Constanze, wie sie füreinander bald heißen. Sie lässt ihn ihr Leben stückchenweise zusammensetzen wie das einer Verdächtigen (Alkoholikerin, der Platz an der Theke, die Autoschlüssel der anderen). Er weiß, dass sie unerreichbar bleibt. Ihre Gespräche bewegen sich irgendwo zwischen Therapiesitzung und Polizeischule, was sie immerhin selbstironisch bemerken dürfen. Ihr Spiel ist exzellent. Lebendig oder auch nur lebensgroß wird es nie. Das würde dem Modellbaugedanken widersprechen, dem der Krimi sich unterwerfen muss. Ist das Kunst? Oder Langeweile? Als der Nachtpförtner wieder Brahms auflegt und selbst ein Gang über den Flur auf diesem Klangteppich Scheinbedeutsamkeit erhält, sagt Constanze: „Bei Klassik gibt es einen merkwürdigen Respekt.“

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