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Politisches Fernsehen : Ausgedachte Wirklichkeiten

  • -Aktualisiert am

Duell der Schauspieler Jimmy Smith als Matt Santos und Alan Alda als Anold Vinick 2006 Bild: Getty Images

Das Fernsehen verspricht Nähe. Die Kamera erlaubt dem Zuschauer, zu sehen, zu hören, geradezu zu fühlen, was geschieht. Das Versprechen wird heute eingelöst. Journalismus spielt dabei allerdings kaum noch eine Rolle.

          Ein Ausflug in das politische Amerika: Bevor Mitt Romney am 6. November des vergangenen Jahres die Präsidentenwahl verlor, sprach er in den fünf Wochen vor dem Wahltermin nicht ein einziges Wort mit Journalisten. Stattdessen bot er ihnen seine Idee einer guten Kandidatur als Schauspiel dar. Sie dankten es ihm und lobten seine Auftritte als Debattenredner. Nach etlichen Missgeschicken gelang Romney seine Vorführung eines fürsorglichen Volksverstehers und standfesten Staatsmanns. Dem Publikum gefiel nur einer noch besser, Barack Obama. Seit dessen Wiederwahl sieht der Präsident allerdings weit weniger Gründe für weiteres Theater. Als erster Präsident der modernen Mediengesellschaft wird er seinen Amtseid im Januar abseits der Öffentlichkeit ablegen. Die zu der „kleinen privaten“ Vereidigungszeremonie nicht eingeladenen Vertreter der White House Correspondents’ Association bemühten sich lange, ihn umzustimmen.

          Die Distanz des politischen Journalismus zur tatsächlichen Politik war nie zuvor so groß wie heute. Das ist die eine Diagnose. Doch es gilt auch eine andere: Nie zuvor konnten sich interessierte Staatsbürger durch die Medien so radikal in ihrem politischen Denkgerüst erschüttern lassen wie heute. Den Medien ist es gelungen, politische Wirklichkeit derart detailliert und überzeugend abzubilden, ihr so nah zu kommen, dass man als Zuschauer das erste Mal das Gefühl hat, tatsächlich etwas zu verstehen. Dafür war ein langer, aber lustiger Anlauf notwendig. Heute ist das vorläufige Ende der Entwicklung erreicht. Ausschnitte der Medienevolution in drei Etappen.

          Humor als Versuch politischer Diskussionen

          Es begann mit einem Witz. „Verständlich, wahr, richtig und wahrhaftig“ - Jürgen Habermas hatte es in seinem Koordinatensystem der Geltungsansprüche übersehen. Diskurse, vor allem jene, deren Teilnehmer nicht der Erschöpfung oder Langeweile erliegen sollen, müssen auch witzig sein. Für das deutsche Fernsehen ist das eine späte Einsicht. In der vergangenen Woche ist sie aber passiert. Die „heute show“, die amüsante Kopie, hatte mehr Zuschauer als ihr Original, das „heute Journal“, das direkt davor ausgestrahlt wurde.

          Wer dem Witz im politischen Journalismus ursprünglich den Boden bereitete, ist heute kaum noch zu rekonstruieren. Spätestens aber als Jon Stewart kurz vor der Jahrtausendwende im amerikanischen Fernsehen die „Daily Show“ übernahm, bemerkten auch die Europäer, dass sie das Fernsehen zu lange zu ernst genommen hatten. Staatstragende Informationen, mitgeteilt in einem Tonfall, der Objektivität und Hoffnung verspricht, aufgelockert durch besserwisserisches Kabarett - die Rezeptur war überholt. Die „Daily Show“ wurde keine Symbiose aus Information und Unterhaltung. Sie entwickelte aus dem Kondensat dessen, was das Publikum zuvor an Late Night Shows zu schätzen gelernt hatte, ein eigenes Genre. Auf den Spaß konnten sich die Zuschauer verlassen, veralbert wurden sie jedoch nie.

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