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Politisches Fernsehen : Ausgedachte Wirklichkeiten

  • -Aktualisiert am
Duell der Politiker John Kerry und George W. Bush 2004

Auch als Stephen Colbert selbst einmal das Wort ergriff und die Festrede beim White House Correspondents’ Association Dinner 2006 in Washington, nur drei Meter neben dem Präsidenten stehend, hielt. Er fühle sich dem Führer der freien Welt nahe, sagte Colbert. Auch er sage in seiner Sendung „immer die Wahrheit, ungefiltert von rationalen Argumenten.“ Der Standfestigkeit „noch am Mittwoch zu glauben, wovon man am Montag schon überzeugt war, ohne Rücksicht auf das, was Dienstag passierte“ galt sein ganzes Lob. Dafür „Bücher einfach abzulehnen, diese Dinge voller Fakten, ohne Herz“ versicherte er dem Präsidenten sein volles Verständnis. Um die breit geteilte Wirklichkeit zu beschreiben, musste der Journalist werden, was auf der anderen Seite die Politiker schon lange waren: Schauspieler.

Das Schauspiel zeigt, was wirklich sein kann

Die Idee, sich der politischen Wirklichkeit im Fernsehen gänzlich per Schauspiel zu nähern, begann mit einer Übertreibung. Zwar hat der Autor Aaron Sorkin eine neue naturalistische Stilrichtung für Fernsehserien erfunden, konsequent angewendet hatte er sie allerdings nicht. Als er 1999 mit „The West Wing“ auf Sendung ging, stellte er dem Publikum einen Präsidenten vor, der an multipler Sklerose litt, auf den ein Attentat verübt wurde, der mit einem Wirtschaftsnobelpreis geehrt war und dessen Familiennamen sich schon auf der Unabhängigkeitserklärung findet. War das zu viel des Guten? Jon Stewart hätte nicht einen Witz über ihn machen können. Das Publikum und die Kritiker liebten es, sich am Puls der Zeit zu sehen, den Herzschlag der Macht zu spüren.

Die Szenerien aus dem Alltag des Weißen Hauses waren alle ausgedacht, aber sie schienen verdächtig authentisch. Wenn die Geschichten auch fiktiv waren, die Rahmenbedingungen waren es nicht: eine kleine Gruppe von Menschen - der Stab des Präsidenten -, die unter Zeitdruck und ohne Privatleben das Wechselspiel aus Wunsch und Wirklichkeit durchlitt, während sie nicht nur die Geschäfte des Präsidenten führte, sondern auch dessen Verantwortung trug. Es ging gar nicht darum, zu zeigen, was tatsächlich passierte. Wichtig war, erleben zu können, unter welchen Bedingungen es möglich war. Darin unterschied sich die Serie nicht von der Realität. „The West Wing“ komplettierte das Bild, das Fernsehnachrichten immer nur unvollständig zeigen konnten.

Das galt erst recht, als Aaron Sorkin die Verantwortung für die Serie abgab und aus der Feder neuer Autoren im Sommer 2005 neben dem hyperidealen Präsidenten ein politischer Erbe die Bühne betrat: ein junger hispanischer Kongressabgeordneter, Matt Santos, aus der Mitte der Gesellschaft, Vater zweier Kinder, redegewandt, unterstützt von Zugewanderten, der Mittelschicht und vor allem den Jungen, die er mit Reden über Hoffnung und Wandel in seinen Bann schlug. Die Autoren von „The West Wing“ hätten Barack Obama für 2008 die mediale Bühne bereitet, hieß es Jahre später. Die Autoren sagten aber, dass sie den Senator und Professor aus Chicago schon lange kannten, als sie Matt Santos ersannen. Die Wirklichkeiten verschmolzen zu einer Realität der Massenmedien, lange bevor nun Serien wie „Homeland“ daran kaum noch einen Zweifel lassen.

Die Geschichte der Duelle

1858, zu Abraham Lincolns Zeiten, ging es noch um Inhalte, aber nicht ums Weiße Haus. Sieben Mal duellierte sich der spätere Präsident mit Stephen Douglas um die politische Hoheit in Illinois. Jede Debatte dauerte drei Stunden, nur zwei mal wurde das Wort übergeben - ein für das Medienzeitalter undenkbares Szenario. John F. Kennedy gewann 1960 das erste Fernsehduell, weil er, im Gegensatz zu Richard Nixon, rasiert, konzentriert und gebräunt war und sich an das Publikum wandte. Diese Kriterien gelten heute auch für Journalisten und Schauspieler, die sich in ernsten Debatten live im Fernsehen duellieren (unsere Bilder). Die Zuschauer entscheiden, wie und von wem sie sich überzeugen lassen.

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