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Politisches Fernsehen : Ausgedachte Wirklichkeiten

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Die Neuerfindung des politischen Interviews

Das humorgetragene Nachrichtensetting ist für den politischen Journalismus so besonders, weil in ihm die üblichen Regeln gerade nicht gelten. Da der Humor bereits der Normalfall ist, dient er kaum noch als Fluchtweg aus vertrackten Situationen. Wer bei Stewart als Gast witzig sein will, muss es wirklich sein. Und trotzdem bietet sich für die Gesprächskontrahenten stets ein Weg, zu zeigen, dass weder sie noch die Welt, in der sie leben, die sie zuweilen in hohen Ämtern regieren, perfekt ist: Aufrichtigkeit. Dabei spielen allerdings weniger inhaltliche Aspekte eine Rolle als die Form der Darbietung.

Als Barack Obama kurz vor der Wahl im Oktober in der „Daily Show“ zu Gast war, sprach er von sich aus seine Unzufriedenheit darüber an, dass es ihm nicht gelang, die Haftanstalt Guantánamo zu schließen. Dass dieser rhetorische Vorstoß dem Wagemut eines Wahlkämpfers geschuldet war, dass das Publikum dennoch mit ihm übereinstimmte, dass Obama selbst überrascht war, dass ihn ausgerechnet dieses vier Jahre alte Wahlversprechen wegen unveränderter politischer Tatsachen weiterhin begleitete - es lag alles auf dem Tisch. Die Wirklichkeit ist nicht perfekt, und der Lauf der Dinge ist dennoch nicht aufzuhalten, das war die Tatsache, die Obama in eine Botschaft ummünzen konnte. Romney blieb bei seinem Schauspiel.

Ungeahnte Möglichkeiten der Parodie

Auf diese Weise journalistisch an die Wirklichkeit heranzutreten, eine Situation für Aufrichtigkeit auf der einen und Anerkennung von der anderen Seite zu öffnen, ohne sie der ständigen Gefahr von Moralisierungen, Beschuldigungen und Besserwisserei auszusetzen, das hat Jon Stewart erfunden - und Stephen Colbert weiterentwickelt. Colbert überspitzt die „Daily Show“ mit Hilfe der Parodie. In Deutschland gilt dessen Sendung, der „Colbert Report“, als satirische Comedysendung. Doch diese Charakterisierung trifft nicht ganz zu. Comedy ist es nicht, weil der Humor keinem Selbstzweck folgt, und Satire nicht, weil die Zu- und Überspitzungen einem anderen Kalkül als dem Spott entspringen.

Colbert parodiert den typischen rechtskonservativen amerikanischen Nachrichtensprecher, namentlich Bill O’Reilly, der in der erfolgreichsten Nachrichtenshow Amerikas „The O’Reilly Factor“, täglich meinungsstark bei Fox News seine Welt erklärt. Colbert orientiert sich an den Prinzipien dessen Sendung, tauscht aber den latenten Hass gegen expressiven Humor und spricht aus, was, so die Unterstellung, bei Fox News nicht gesagt, aber suggeriert wird.

Politiker dürfen die Wahrheit sagen

Stephen Colbert fragte in seiner Sendung vehemente Atomwaffengegner, ob sie nicht wenigstens einsehen können, „dass so eine Atombombenexplosion einfach geil aussieht“. Und bekam zur Antwort: „Ja, aber es geht nicht nur um eine schöne Wolke aus Feuer und Rauch, sondern auch um eine gigantische Zerstörung.“ Diese neue Sachlichkeit ist die Regel in Colberts Interviews. Newt Gingrich, ehemaliger Sprecher des Repräsentantenhauses und 2012 unterlegener Präsidentschaftsanwärter der Republikaner, konnte bei Colbert sagen, was ihm zum Sieg über Mitt Romney fehlte: „Ich hatte nur einen Milliardär als Freund, Mitt aber 26.“ Es durfte gelacht werden.

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