https://www.faz.net/-gqz-752aj

Politisches Fernsehen : Ausgedachte Wirklichkeiten

  • -Aktualisiert am

Jon Stewart redet die Wirklichkeit nicht schön

Der Humor bekam eine ganz neue Funktion. Er erlaubte, den Reflex der endlosen, moralisierenden Argumentation in der Behandlung strittiger Themen zu unterdrücken. Politik in ihrer reinen Darbietung ist etwas für Hartgesottene. Im Publikum der „Daily Show“ versammelte sich dagegen eine Gemeinschaft gleichgesinnter, humorvoller Hoffnungsloser, die plötzlich den Mut fand, sich einer für sie unerträglichen politischen Wirklichkeit zu stellen und ihre Wünsche für eine bessere Welt als das anzusehen, was sie sind. Das kleine deutsche Avantgardistenpublikum, das Jon Stewart im Sturm eroberte, hatte dabei die „Daily Show“ stets mit einer Nachrichtensendung verwechselt.

Jon Stewart aber behauptete stets, es sei Unterhaltung, die voraussetze, dass man die Nachrichtenlage kenne. Um den Witz zu verstehen, der häufig im zusammengeschnittenen Material ernster Nachrichtensendungen selbst schon steckte, mussten die Zuschauer Einsicht zeigen, dass es nur um eine neue Perspektive ging und nicht um eine neue Sachlage. Jon Stewart redete weder sich, noch seinem Publikum die politische Wirklichkeit schön. Er zeigte einen Weg, wie ihr nahezukommen und sie trotz allem auszuhalten ist. Stewarts Behauptung, es handele sich allein um Unterhaltung, griff trotzdem zu kurz. Der von ihm im fremden Genre kultivierte Witz diente zu mehr als bloß zur Unterhaltung.

Humor ist nicht das Gegenteil von Ernst

Die Herkunft des Humors liegt woanders. Als elementare menschliche Verhaltensweise ist Humor hilfreicher Brückenschlag in festgefahrenen Situationen. Wenn Missverstehen, Rollenkonflikte oder sich widersprechende Erwartungen eine Situation zum Scheitern führen, ist Humor häufig die letzte Rettung. Ein verlegenes Lächeln ist dann Angebot und Aufforderung, zu verstehen und zu akzeptieren, dass mit der Wirklichkeit, so wenig perfekt, wie sie ist, auszukommen ist, dass es ohne taktvolles Verhalten - offen gezeigtem oder verborgenem Verständnis für die Schwächen des anderen - nicht geht. Humor ist in dieser Funktion nicht das Gegenteil von Ernst, er ist dessen Steigerung. Nur mit Humor lässt sich ertragen, dass es trotz aller Wünsche keine Flucht aus der gemeinsam geteilten Wirklichkeit gibt.

Und so funktioniert er auch im Großen. Als Stewart am 20. September 2001 seine Sendepause nach den Terroranschlägen in Amerika beendete, kündigte er dem Publikum seiner Sendung an, es wieder zum Lachen bringen zu wollen, „weil es notwendig“ sei und „wie ein Fötus weinend unter dem Schreibtisch zu kauern“ keine Alternative darstelle. Stewart musste an diesem ersten Abend vor der Kamera noch gegen Tränen ankämpfen, im Publikum allerdings wurde schon wieder gelacht. Wie wichtig der Humor war, offenbarte sich während der Präsidentschaft von George W. Bush. Mit Humor konnte sich Stewart mit seinem Publikum der Wirklichkeit zuwenden, ohne sogleich an ihr zu verzweifeln.

Duell der Journalisten Bill O’Reilly und Jon Stewart 2012

Die deutsche „heute Show“ steckt im Vergleich dazu noch in den Startlöchern des Klamauks. Eine Kopie der „Daily Show“ ist sie nur dem Namen nach. Für die wirkungsvolle Nachahmung fehlt ihr insbesondere der Mut, die wichtigste journalistische Neuerfindung, die wegen Jon Stewart nun ausgerechnet bei einem Sender namens Comedy Central passierte, zu übernehmen: das ernst geführte politische Gespräch im Rahmen einer lustigen Sendung.

Weitere Themen

Topmeldungen

DFB und Likes von Gündogan/Can : Nicht viel gelernt

Die Nationalspieler Gündogan und Can können mit der Rücknahme ihrer Likes für den türkischen Soldatengruß eines Fußballkumpels die politische Diskussion nicht stoppen. Der DFB versucht abermals Schadenbegrenzung durch Schweigen und Beschwichtigen.

Nobelpreis für Wirtschaft : Wie kann Armut gelindert werden?

Esther Duflo aus Frankreich ist die zweite Frau in der Riege der Wirtschaftsnobelpreisträger. Wie Abhijit Banerjee aus Indien und der Amerikaner Michael Kremer forscht sie daran, wie die globale Armut gelindert werden kann – und soll.
Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.