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Politische Online-Strategien : Böses Erwachen in der realen Welt

  • -Aktualisiert am

Offen für Fragen aus dem Internet: Sprechstunde á la Obama Bild: ASSOCIATED PRESS

Die Unionfraktion im Bundestag entdeckt das Internet und will eine Enquete-Kommission, die SPD plant ein „netzpolitisches“ Programm. Immer klarer wird, dass das Netz kein Spaßmedium ist, wie man in Deutschland meint. Barack Obama spürt das in Amerika.

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          In zwei Tagen wird Barack Obama sein erstes Jahr im Amt des Präsidenten vollenden. Zeitlich gesehen. Eine Bilanz dieses ersten Jahrs legt derzeit keinem noch so wohlwollenden Beobachter den Begriff der Vollendung nahe. Das ist nach dem „Alles ist möglich“-Gefühl des Wahlkampfs („yes we can“) ziemlich überraschend und auch politisch betrachtet ein Rätsel. Wie kann es sein, dass ein triumphal gewählter Präsident, der 53 Prozent aller Stimmen erhalten hat, dessen Partei zudem über die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses verfügt, bislang keines seiner Versprechen wirklich durchsetzen konnte? Erklären lässt sich dieses Phänomen durch die Lücke zwischen Erwartung und Erfüllung, mit der Obama seit Amtsantritt zu kämpfen hat und die mit der Art des von ihm erfolgreich geführten Wahlkampfes zusammenhängt.

          Mit einer bisher nie gesehenen Virtuosität gelang es dem Team Obama, Millionen von Amerikanern das Gefühl zu vermitteln, in direktem Kontakt mit dem Kandidaten zu stehen. Über tägliche E-Mails und Kurzmitteilungen wurden „persönliche“ Kommunikationsbeziehungen zwischen Präsidentschaftsanwärter respektive Kampagnenführung und potentiellen Wählern aufgebaut. Websites wurden intensiv gepflegt, zahlreiche Blogs und Chatrooms genutzt, um virtuelle Gemeinschaften (Communities) zu bilden, welche die Kampagne mit Spenden versorgten und als Mobilisierungshelfer im Wahlkampf agierten. Neben Obamas Internetmaschinerie sah McCains Kampagne nicht nur altmodisch, sondern anachronistisch aus.

          Ohne Zweifel ermöglichen es die neuen Kommunikationsformen, sehr viele Menschen auf extrem billige Art und Weise zu erreichen. So kostete es die Obama-Kampagne durchschnittlich 1,56 Dollar, einen potentiellen Wähler über SMS zielgerichtet zu mobilisieren. Mit Hochleistungsrechnern lässt sich eine unvorstellbare Menge an Feedback-Daten über die Bürger sammeln und auswerten und somit die Wählerschaft in Gruppen teilen. Data-Mining nennt sich das professionelle Datenmanagement, das alle vorhandenen Informationen von Personen sammelt und vergleicht, um dann Cluster von Menschen zu bilden, die ähnliche Interessen, einen ähnlichen sozialen Status oder kompatible politische Vorlieben haben.

          Personalisierung auf www.barackobama.com
          Personalisierung auf www.barackobama.com : Bild: MY.BARCKOBAMA.COM

          Die Wähler werden gefiltert

          Im Wahlkampf ist diese Fähigkeit der Datenbestellung für die Ansprache der Zielgruppen wichtig. Wird eine Botschaft auf Wahlplakaten oder durch Postwurfsendungen vermittelt, dann muss sie allgemein gehalten sein, da sie sich an ein breites Publikum richtet. Lässt sich die Öffentlichkeit segmentieren, kann der Kandidat oder die Partei sehr gezielt eine spezifische Botschaft an eine spezifische Gruppe vermitteln, ganz persönlich per E-Mail oder SMS.

          Die Obama-Kampagne hat potentielle Wähler nach Alter, Geschlecht, Rasse und ethnischer Zugehörigkeit, nach Wohnort, Familienstand, Einkommen und Bildungsstatus und nach Wahlverhalten (Erstwähler, politisch Desinteressierte, politische Gegner oder Unterstützer) segmentiert und ihre Kommunikationsstrategien jeweils exakt auf die Cluster ausgerichtet. Junge Menschen und Erstwähler wurden über SMS und Facebookgruppen angesprochen. Während der Vorwahlen wurden in Texas, Ohio, Pennsylvania geographisch und in ihren Botschaften zugeschnittene Anzeigen auf den Nachrichtenportalen im Web geschaltet. Für die Schwarzen kommunizierte Obamas Team mit fokussierten Botschaften über die Internetplattform „Blackplanet.com“. Dort wurde beispielsweise ein Video aufgeschaltet, das Obama beim Besuch eines Friseurladens in South Carolina zeigte.

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