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Zerschlagung von hr2 : Ist das Kulturfunk, oder kann – Sie wissen schon!

  • -Aktualisiert am

Lauter schöne Logos: hr2 in der Eigenankündigung. Bild: HR/F.A.Z.

Stimmen von Kulturschaffenden haben wir gehört, weitere werden folgen. Doch was sagt die Politik zur geplanten „Reform“ von hr2?

          Dass die verschiedenen politischen Lager, von den Grünen bis zur AfD, sich in einer Sache einigermaßen einig sind, kommt selten vor. In Hessen gibt es dazu nun einen Anlass: Angesichts des Plans des Hessischen Rundfunks, den Radiokultursender hr2-Kultur deutlich umzugestalten, Wortbeiträge zu streichen oder in Form von Podcasts ins Internet auszulagern und stattdessen nur klassische Musik zu spielen, kommt Kritik von vielen Seiten. Neben den an dieser Stelle erschienenen Beiträgen von Kulturschaffenden (die wir fortsetzen) haben sich auf Anfrage auch Politiker der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, des Hessischen Landtags und des Bundestags zu den geplanten Änderungen geäußert, die der Sender en detail bislang nicht hat nach außen dringen lassen. Politiker der Linken und der FDP haben zu den geplanten Veränderungen nicht Stellung bezogen.

          Bis auf wenige Ausnahmen fallen die Einlassungen der Politikerinnen und Politiker der übrigen Parteien überraschend einstimmig aus. Ein Ansatzpunkt ist die Konzentration auf die Anzahl der Hörer und deren vermeintliches Alter, sowie die Frage, ob ein öffentlich-rechtlicher Sender, der nicht auf Quoten angewiesen ist, sich überhaupt daran orientieren oder nicht ein Kulturprogramm um seiner selbst willen gestalten sollte.

          Bettina M. Wiesmann, Bundestagsabgeordnete der CDU mit Wahlkreis in Frankfurt, schreibt: „Die deutlich spürbare Resonanz auf die Pläne zur Umstrukturierung des Senders spricht Bände über seine Bedeutung.“ Sie ruft Intendanz und Direktorium des Hessischen Rundfunks dazu auf, das Publikum bei ihrer Entscheidung nicht zu „übergehen“. Die „Freiheit vom Quotenzwang“ sei etwas „ungemein Kostbares“, das unbedingt erhalten bleiben müsse. Die „faktische Abschaffung des Kultur- und Bildungssenders hr2-kultur“ komme einer „Bankrotterklärung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Hessen nahe. Gebührenzahler fragen sich, warum die gleichen, zumal steigenden Rundfunkgebühren in Bayern einen anspruchsvollen Kultursender tragen, während in Hessen hingegen künftig nur noch Platten aufgelegt werden.“

          Bettina Wiesmann

          Der Rundfunkbeitrag, der überall in Deutschland gleich hoch sei, sagt Thomas Dürbeck, kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Frankfurter Römer, gebe den Bürgern ein „Anrecht“ auf Kulturprogramm und Kulturberichterstattung. Ähnlich sieht es Sylvia Momsen, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Frankfurter Stadtparlament. Sie fragt sich, ob man die hunderttausend Hörer pro Tag, die der Sender schließlich immer noch hat, tatsächlich aufgeben sollte, nur weil sie vermutlich alt seien und keine „neue“ Zielgruppe darstellten: „Es ist sicher eher die Generation 50 plus, die das hört. Das ist aber immer noch die Hälfte der Bevölkerung in Hessen. Ich kenne einige alte Menschen, die sich durch diesen Sender fit halten“, sagt sie und nimmt die Sache auch persönlich: „Ein Ende von hr2-Kultur wäre für mich das Ende meines Radiohörens. Es ist der einzige Sender, den ich noch höre, weil er eine Qualität aufzeigt, welche mich immer neugierig macht.“

          Rolf Kahnt, kulturpolitischer Sprecher der AfD im Hessischen Landtag, plädiert ebenfalls dafür, sich nicht nur an der Quote und dem Alter der Hörerschaft zu orientieren: „Ich bin der Überzeugung, dass ein Nutzerverhalten nicht ausschlaggebend dafür sein darf, dass hr2-Kultur, das sich bei den meisten Hörern als Lieblingssender mit vielfältigen Kulturformaten und Wortbeiträgen wie Bücherlesungen etabliert hat, dem Rotstift ausgesetzt wird.“ Stattdessen, so Kahnt, solle es dem Sender darum gehen, zusätzlich zur Stammhörerschaft neue junge Hörer zu gewinnen.

          Doch erreicht man junge Hörer noch über das Radio? Die CDU-Bundestagsabgeordnete Wiesmann bezweifelt das zwar, hält das aber nicht für einen Grund, den Sender einzustellen – im Gegenteil. Gerade weil junge Leute zu anderen Medien abgewandert seien, müsse man die Reform überdenken, denn es sei unklar, „ob die Formate, die aus der Umstrukturierung resultieren, dem bestehenden Druck der Online-Medien standhalten können. Ein Klassik-Radio und Kultur-Podcasts könnten angesichts der Alternativen wie Spotify oder Youtube die gesamte Einrichtung in Frage stellen.“

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