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Politikerbespitzelung : Die Gnadenlosen

Mit welchen Methoden darf sich der Journalismus dem Privatleben eines Politikers nähern? Bild: AP

Es gibt keinen Grund, mit Stasi-Methoden Politiker zu verfolgen. Der Zweck heiligt die Mittel nicht, auch wenn sie verbreiteter sind, als der Zwist zwischen „Stern“ und „Bunte“ vermuten lässt.

          „Das Schöne ist ja, dass man heutzutage das Leben der Anderen an jeder Ecke mithören kann.“ Und was hört man da, auf dem Flughafen, ganz nebenbei? Man hört einem Mann zu, der übers Handy ganz offenbar seine Geliebte vertröstet. „In diesem Telefonat zwischen Check-in und Check-out geht es um eine der brisantesten Fragen im Kosmos des menschlichen Hin und Hers: Ehefrau oder Geliebte? Gehen oder bleiben, Seehofern oder Beckenbauern?“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Seehofern oder Beckenbauern – was für eine Frage. Es ist eine Frage, an der nicht nur die ethische Maßstäbe von Politikern und Prominenten gemessen werden, sondern auch diejenigen der Journalisten. Denn das Private ist längst nicht mehr privat, es ist das Politische. Kein Arkanum, nirgends. Journalisten sorgen dafür, Politiker und Prominente wirken daran mit, wenn sie ihr Privatleben vermarkten oder zur Schau stellen, in Homestorys mit heiler Familie. Da liegt es nahe, die heimlichen Geliebten zu suchen. Dafür müssen Bilder her, und an die kommt man, wenn man sich auf Lauer legt. Paparazzi tun das seit je und weltweit, und die Berliner Agentur CMK tut das insbesondere. Sie ist Politikern wie Horst Seehofer, Franz Müntefering und Oskar Lafontaine nachgestiegen – was der „Stern“ nicht ohne Grund zum Skandal erklärte. Die angewandten oder erwogenen Methoden überschreiten jedes Maß, sie haben mit Journalismus nichts zu tun. Das sollte man auch beim Magazin „Bunte“ wissen, das einige der Recherchen in Auftrag gab, den Verdacht, es toleriere oder stütze solche Methoden, aber zurückweist.

          Blick ins Privateste

          Teil zwei der Geschichte bekommen die Leser des „Stern“ heute präsentiert – die Liste der beobachteten Politiker wird länger. Wolfgang Tiefensee ist dabei, Günther Oettinger und Christian Wulff. Doch geht es jetzt weniger um die „Bunte“, sondern um die Agentur CMK, deren Chef Stefan Kiessling, wie der „Stern“ es darstellt, nicht unwissend, sondern „Regisseur dieser Aktionen“ war. Er habe sich in einem Gespräch selbst damit gebrüstet, die Identität von Michelle Schumann, der heutigen Frau von Franz Müntefering, aufgedeckt zu haben. Gegen die umstrittenen Recherchemethoden – vor dem Haus, in dem Franz Müntefering wohnt, sollte ein Bewegungsmelder installiert, auf einem Hausboot mit Blick auf die Wohnung von Oskar Lafontaine eine Kamera positioniert werden –, hat sich der CMK-Chef verwahrt, auch auf Anfrage dieser Zeitung.

          Er hat sogar in Zweifel gezogen, dass es sich bei den Dokumenten, auf die sich der „Stern“ neben den Aussagen zweier ehemaliger CMK-Mitarbeiter beruft, um solche seiner Agentur handele. Herausgeben will der „Stern“ das Material, das der CMK-Chef „Papierfetzen“ nennt, nicht. Dass es die Methoden, die angewandt oder erwogen wurden, gab, hat der „Stern“ durch Recherchen abgesichert. Die Geschichte sei sauber recherchiert, sagt der „Stern“-Chefredakteur Thomas Osterkorn. Wundern darf man sich jedoch, warum Osterkorns Chefkollege Andreas Petzold eine Frage des Journalisten Kai-Hinrich Renner nicht beantwortet. Renner, der fürs „Hamburger Abendblatt“ schreibt, hat einen der beiden „Stern“-Informanten kontaktiert. Der wollte für eine Antwort eine „Aufwandsentschädigung“, was Renner fragen ließ, ob er nicht auch vom „Stern“ bezahlt worden sei. Darauf gab es keine Antwort.

          Journalismus mit Geheimdienstmethoden

          Die Lemminge haben schnell das irreführende Stichwort „Buntegate“ verbreitet. Mit „Watergate“, Bernstein, Woodward und einem lügenden Präsidenten haben wir es hier nicht zu tun. Es gibt keinen Grund, vor Münteferings Haus Bewegungsmelder zu installieren, und auch keinen, Lafontaines Wohnung zu filmen. Das ist absurd, schon die Delegation der Recherchen an ein Büro, dessen Mitarbeiter mehr Observanten denn Journalisten sind, ist heikel. Es gibt schon einen Grund, der Frage nachzugehen, ob der damalige EU-Kommissar Verheugen die Karriere seiner Büroleiterin und Geliebten befördert hat. Doch auch da verbieten sich Stasi-Methoden. Von dem Gerücht wiederum, das von einer Liaison zwischen Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht wissen wollte, hat, wenn wir uns recht erinnern, zuerst der „Spiegel“ berichtet. Als herauskam, dass Lafontaine ob seiner Krebserkrankung und nicht aus anderen Gründen politisch kürzertritt, war das schon einigermaßen peinlich.

          Die „Bunte“ hat auf die Geschichte zunächst schrill reagiert, dem „Stern“ unterstellt, es gehe nur darum, einen erfolgreichen Konkurrenten zu diskreditieren. Der Verlagsvorstand Philipp Welte will davon nicht lassen: Offenkundig herrsche, sagte er, „auf dem journalistischen Sonnendeck des ,Stern‘ der Irrglaube, man habe ein höheres Entrüstungsguthaben als die ,Bunte‘. Dabei verdrängen die moralintrunkenen Hamburger Kollegen, dass die investigative Tradition des ,Stern‘ durchaus eine Reihe dunkler Schatten aufweist.“

          Mitteilungen aus dem Glashaus

          Das mag zutreffen, ist aber reichlich überscharf formuliert und suspendiert nicht die Frage nach dem Einsatz der Mittel, der sich die „Bunte“ stellen muss. Die „Aufdeckung von Diskrepanzen zwischen dem gewünschten Image eines Politikers und seinem tatsächlichen Verhalten“, entgegnet die Chefredakteurin Patricia Riekel die Kritik von Renate Künast. Das ist das eine. Das andere ist, dass man Politikern keine ruhige Minute gewährt und ihr Privatleben vernichtet.

          Das prägt auch die Geschichte, aus der wir anfangs zitieren. In ihr geht es um Horst Seehofer, Günter Verheugen, Gerhard Schröder, Christian Wulff, Laurenz Meyer, Hilmar Kopper, Franz Beckenbauer, Ottmar Hitzfeld, Otti Fischer – und ihre Frauen. Das war eine Titelstory am 9. August 2007, im – „Stern“. Worauf, wir geben es zu, die „Bunte“ hinweist, in einer Mitteilung aus dem Glashaus. In einem anderen Licht erscheinen die Schattenmänner des Journalismus deshalb nicht. Es soll sich niemand wundern, dass keiner in die Politik gehen will und das Ansehen von Journalisten nicht steigt.

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