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Politiker in den Medien : Die Kunst der klaren Rede

  • Aktualisiert am

Mehr Klartext wagen! Horst Seehofer tut das - nicht nur im Nachgespräch Bild: dpa

Warum reden Politiker öffentlich, vor allem im Fernsehen, stets so, dass wir sie nicht verstehen? Marietta Slomka plädiert in einer Preisrede für Klartext. Wenig später lieferte Horst Seehofer ihn.

          6 Min.

          Was für ein schöner Samstag! Dass Sie alle jetzt mit diesem Satz sofort eine bestimmte Assoziation haben, einen bestimmten politischen Redner in einer bestimmten Situation vor Ihrem inneren Auge sehen - das gehört zu dem, wozu ich einige Worte sagen möchte. Ein paar Beobachtungen zur politischen Kommunikation hierzulande. Beobachtungen aus meiner alltäglichen Arbeitswelt, die mich umtreiben: Warum wird so gesprochen, wie gesprochen wird?

          Warum ist es so, dass meine Kollegen in der Regie nach aufgezeichneten Politiker-Interviews oft sagen: „Weißt du, das Nachgespräch war das interessanteste. Schade, dass man das nicht senden kann.“ Das Nachgespräch ergibt sich dadurch, dass wir Interviews aus Termingründen oft schon um zwanzig Uhr aufzeichnen, und so ergibt es sich eben, dass man dann noch ein paar Minuten hat, in denen die Kollegen aus der Regie die technische Qualität der Aufzeichnung prüfen, und natürlich schweigt man sich in der Zeit nicht stur an, sondern redet ein bisschen weiter. Vorausgesetzt, beide sind nach dem Interview noch in Plauderlaune. Bei diesen Nachgesprächen jedenfalls ist der Politiker plötzlich wieder Mensch. Redet völlig normal, der ganze Duktus, ja selbst die Körperhaltung ist wie ausgewechselt. Da geht es dann auch viel offenherziger zu - ohne dass dabei Geheimnisverrat begangen würde. Aber das „Wie“ - das ist völlig anders.

          Die Frage ist: Muss das so sein?

          Diese Erfahrung habe ich im Laufe der letzten fünfzehn Jahre, die ich beim Fernsehen arbeite, immer wieder gemacht. Dass „die“ hinter den Kulissen oft so ganz anders sind. Nicht nur Politiker. Das ist ein generelles Phänomen im Fernsehen, dass die Protagonisten „in natura“ häufig anders rüberkommen als auf dem Bildschirm. Übrigens gilt das offenbar auch für mich selbst, wie mir schon oft genug mitgeteilt wurde. Was einen dann auch nicht immer freut. Wenn Sie beim Kaufhof an der Käsetheke stehen und die Kundin neben Ihnen greift Ihnen zwischen Appenzeller und Gouda in den Arm und sagt: „Also Frau Slomka, in natura sehen Sie ja viel jünger und netter aus“, hält sich die Freude durchaus in Grenzen. Ich nehme mich selbst da also gar nicht aus, ich weiß nur zu gut, dass es nicht ganz leicht ist, vor einer Kamera - sprich: vor einem unsichtbaren Millionenpublikum - zu stehen, in einer Rolle, in der man immer sehr aufpassen muss, was man sagt, und dann trotzdem noch total natürlich, authentisch und spontan zu sein. Insofern will ich auch gar nicht wohlfeil lästern über das meiner Beobachtung nach zunehmende Unvermögen der politischen Klasse zur massenmedialen Kommunikation, sondern frage mich: Muss das so sein? (Dass es auch anders geht, sah man am Montagabend  im „heute journal“, als Horst Seehofer im Anschluss an ein Interview mit Claus Kleber am Ende  alle rhetorischen Masken fallen ließ, Anm. der Redaktion):

          In Deutschland gibt es meiner Beobachtung nach einen besonders großen Unterschied zwischen privater und öffentlicher Sprache, größer als etwa im Angelsächsischen. Bei Politikern ist das besonders problematisch, denn das Publikum, mit dem sie via Massenmedien kommunizieren, macht ja keinen Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Zuhören. Jedenfalls nicht, wenn man mit der Chips-Tüte auf dem Fernsehsofa sitzt.

          Was mich immer wieder irritiert, ist diese anti-emotionale, selbstdistanzierte und substantivistische Gremiensprache. Politiker mögen, um beispielsweise Andrea Nahles zu zitieren, ein „durch institutionalisierte Kooperation begründetes Vertrauensnetz“ schätzen. Vertrauen bei der Bevölkerung gewinnt man mit einer solchen Sprache eher nicht.

          Das „Ich“ trauen sich viele nicht

          Nochmal zurück zum schönen, einprägsamen Sonntag des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Warum hören ihm die Leute so gerne zu? Was macht das Gaucksche Rhetorikgesetz aus? Es sind nach meiner Beobachtung drei Dinge: Erstens, die Emotion, also die Verbindung des Emotionalen mit dem Kognitiven, was generell eine gute Idee ist, weil das Emotionale ja als Verstärker und Türöffner für das Sachlich-Inhaltliche wirken kann. Zweitens, die Anekdote. Das Narrative. Das Beispielhafte, das für das Allgemeine steht. Und drittens: Er verwendet fast durchgehend die Ich-Form: „Ich fühle, mir geht es so, dass . . .“. Er versteckt sich nie hinter dem selbstdistanzierten Neutrum „man“, das „man“ so oft hört, sobald Menschen offiziell werden. Wohin man blickt und hört: überall sind die „mans“ unterwegs. Das „Ich“ trauen sich viele nicht.

          Beispielhaft ist insofern ein Auftritt Gaucks in der ZDF-Sendung „Was nun?“ Da wurde ihm die Frage gestellt, warum Frau Merkel ihn nicht wollte? Heikle Frage, da kann man schnell was Falsches sagen. Seine Antwort: „Ich weiß es nicht. Ich kann ihr auch nicht hinter die Stirn schauen. Wir haben uns aber in die Augen gesehen. Und ich weiß: Wir können uns vertrauen.“ Mit diesem Rhetorikstil, der allein durch die Wahl des Personalpronomens Offenheit vermittelt, schaffte er es im Laufe des Gesprächs sogar noch, unangenehmere Frage zu umschiffen.

          Wenn wir davon ausgehen, dass Glaubwürdigkeit die wichtigste Währung jedes Politikers ist, dann, finde ich, trauen sich Politiker zu selten, Emotionen zu formulieren. Beispiel Angela Merkel. Typisches Zitat von ihr: „Die Wiedervereinigung ist gelingbar und gelungen.“ Da wünscht man sich fast Helmut Kohls blühende Landschaften zurück! Was ja eigentlich eine sehr schöne Formulierung war, sehr plakativ, fast poetisch. Das Problem war nur: Sie kam von Kohl. Und: die blühenden Landschaften entstanden nicht innerhalb von zwölf Monaten. Und längere Zeiträume sind in unserer medialen Welt ja generell nicht vorgesehen. Übrigens - Merkel kann auch einfach. Zitat: „Wer sich mit den Details des Saarlands befasst, erkennt, dass das Saarland das Saarland ist.“ Wer wollte ihr da widersprechen.

          Krampfhafte Versachlichung

          Schlimmer wird die krampfhafte Versachlichung, wenn es um Themen geht, die wirklich Angst machen. Wenn es um Leben und Tod geht. Als amerikanische Militärs in Afghanistan Dörfer bombardiert und dabei auch Frauen und Kinder getötet hatten, sagte der frühere Verteidigungsminister Franz-Josef Jung in einem Fernsehinterview: „Bei Kampfhandlungen ist darauf zu achten, dass die Zivilbevölkerung nicht einbezogen wird, weil das kontraproduktiv ist.“ Diese trockene Sprache lässt die Dinge vielleicht weniger blutig erscheinen, als sie sind. Aber sie überzeugt nicht. Kein Wunder, dass Jungs Nachfolger Theodor zu Guttenberg allein dafür bejubelt wurde, dass er das Wort „Krieg“ in den Mund nahm.

          Wünscht sich mehr Kommunikation: „heute-journal“-Moderatorin Marietta Slomka
          Wünscht sich mehr Kommunikation: „heute-journal“-Moderatorin Marietta Slomka : Bild: Eilmes, Wolfgang

          Diese oft eigenartig entrückte Politiker-Sprache findet sich nicht nur bei den etablierten Parteien. Auch das Wahlprogramm der Piraten ist in einem solchen Duktus geschrieben. Etwa beim Thema Urheberrecht, dem Kernthema der Partei: „Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher nicht nur berechtigt, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit der menschlichen Schöpfungsfähigkeiten von essentieller Wichtigkeit.“

          Was mich umtreibt: die Selbstverständlichkeit, mit der dieser substantivistische Gremien-Stil angewandt wird, eben nicht nur in verschrifteter Form, in Wahlprogrammen, sondern auch in Fernseh-Interviews, im „heute-journal“, das dem Politiker doch eigentlich eine gute Plattform zur politischen Kommunikation mit einem Millionenpublikum bieten würde. Doch diese Chance bleibt immer wieder ungenutzt. Etwa wenn eine Gesundheitsministerin auf meine Frage nach dem wichtigsten Punkt ihrer Reformpläne antwortet: „Das Kernstück des Risikostrukturausgleichs ist der Aufbau von Desease-Management-Programmen und die Einrichtung eines Risiko-Pools für besonders hohe Ausgaben.“

          Kleine, alltägliche, unspektakuläre Sprachbarrieren

          Ich glaube gar nicht, dass es immer um bewusste Verschleierungen und Beschönigungen geht. Oft sind es nur Nachlässigkeiten - man hat sich den ganzen Tag mit Fachleuten unterhalten und dann abends im Fernsehinterview umzuschalten und verständlich zu reden, fällt schwer.

          Typisch ist ein Schaltgespräch mit unserem Finanzminister zur Griechenland-Rettung. Das war, als Griechenland erstmals Antrag auf Finanzhilfe gestellt hatte. Meine Frage lautete: „Sie haben vor kurzem noch gesagt: Wir Deutschen können nicht für Griechenlands Probleme zahlen. Aber genau das machen wir doch jetzt, oder?“ Darauf Wolfgang Schäuble: „Nein, wir beteiligen uns gegebenenfalls, wenn ein glaubwürdiges Sanierungsprogramm mit dem IWF und der EZB und der Europäischen Kommission vereinbart ist, an einem Kredit der Euro-Gruppe für Griechenland durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau.“ IWF und EZB und KFW und Euro-Gruppe in einem Satz rauszudonnern und davon auszugehen, dass jeder direkt weiß, wer da wer ist und welche Aufgaben übernimmt? Es sind diese kleinen, alltäglichen, unspektakulären Sprachbarrieren, die mich beschäftigen.

          In anderer Hinsicht bezeichnend ist wie etwa Kurt Beck auf einem SPD-Parteitag sagte, man müsse darüber reden, „wie die soziale Dimension des Lebens realistisch und nicht nur illusionistisch in die Zukunft getragen werden könne“. Zu sagen: Wir müssen darüber reden, wieviel Sozialstaat wir uns noch leisten können, würde wohl zu banal klingen. Möglicherweise sprach Beck aber auch deshalb so, weil er ein Jahr zuvor erfahren hatte, was man auslöst, wenn man unbedacht von einem „Unterschichtenproblem“ spricht, wobei er den Begriff eigentlich nur zitiert hatte.

          Auch das Komplizierte kann klar formuliert werden

          An der Stelle muss ich mich dann als Medienvertreterin auch fragen, welchen Beitrag wir dazu leisten, dass Politiker so reden, wie sie reden. Nicht falsch verstehen: der Begriff Unterschicht geht wirklich nicht. (Bezeichnend übrigens, dass ich das jetzt selbst nochmal betonen muss. Auch ich sichere mich also ab, kaum dass ich öffentlich rede.) Aber es ist schon so, dass die Medien sich auf jeden Satz, jedes Wort stürzen, das aus der glattgefeilten Allgemein-Soße heraussticht. Andererseits ist das auch ein bisschen wie bei der Frage nach dem Huhn und dem Ei: Was war zuerst da? Reden Politiker deshalb so vorsichtig, oder ist es umgekehrt? Weil es so wenig authentische Sprache gibt, wird alles, was nach Klardeutsch klingt, quasi zur Sensation?

          Am anderen Ende der Skala liegt das, was ich als Pseudo-Authentizität bezeichnen würde. Wenn sich ein Politiker überlegt: Jetzt bin ich aber mal so richtig schön volksnah. Jetzt gebe ich dem Affen aber mal Zucker! Das geht dann gerne furchtbar schief. Etwa wenn Sigmar Gabriel im Dezember 2010 den Truppenbesuch des damaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg nebst Gattin in Afghanistan kommentierte und sagte: „Ich finde, da fehlt nur noch Daniela Katzenberger. Dann hätten auch die Soldaten etwas davon.“

          Natürlich haben Politiker recht, wenn sie häufig sagen: „Es gibt leider keine einfachen Antworten in einer immer komplizierter werdenden Welt.“ Das stimmt. Aber auch das Komplizierte verdient es, in eine klare Sprache gefasst zu werden. Das ist natürlich auch eine der vornehmsten Aufgaben von Journalisten. Wir sind auch Wanderer zwischen den Welten, Vermittler im Prozess der politischen Kommunikation. Aber wir sind keine Dolmetscher. Politiker müssen sich schon selbst die Frage stellen, wie sie zum Volk sprechen.

          Ich würde mir wünschen, dass sie häufiger mehr Kommunikation wagen. Mehr deutsche Sprache wagen. Mehr Klartext wagen. Und das bitte nicht nur, wenn sie gerade auf dem Weg zum Emir sind.

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