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Politiker in den Medien : Die Kunst der klaren Rede

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Mehr Klartext wagen! Horst Seehofer tut das - nicht nur im Nachgespräch Bild: dpa

Warum reden Politiker öffentlich, vor allem im Fernsehen, stets so, dass wir sie nicht verstehen? Marietta Slomka plädiert in einer Preisrede für Klartext. Wenig später lieferte Horst Seehofer ihn.

          Was für ein schöner Samstag! Dass Sie alle jetzt mit diesem Satz sofort eine bestimmte Assoziation haben, einen bestimmten politischen Redner in einer bestimmten Situation vor Ihrem inneren Auge sehen - das gehört zu dem, wozu ich einige Worte sagen möchte. Ein paar Beobachtungen zur politischen Kommunikation hierzulande. Beobachtungen aus meiner alltäglichen Arbeitswelt, die mich umtreiben: Warum wird so gesprochen, wie gesprochen wird?

          Warum ist es so, dass meine Kollegen in der Regie nach aufgezeichneten Politiker-Interviews oft sagen: „Weißt du, das Nachgespräch war das interessanteste. Schade, dass man das nicht senden kann.“ Das Nachgespräch ergibt sich dadurch, dass wir Interviews aus Termingründen oft schon um zwanzig Uhr aufzeichnen, und so ergibt es sich eben, dass man dann noch ein paar Minuten hat, in denen die Kollegen aus der Regie die technische Qualität der Aufzeichnung prüfen, und natürlich schweigt man sich in der Zeit nicht stur an, sondern redet ein bisschen weiter. Vorausgesetzt, beide sind nach dem Interview noch in Plauderlaune. Bei diesen Nachgesprächen jedenfalls ist der Politiker plötzlich wieder Mensch. Redet völlig normal, der ganze Duktus, ja selbst die Körperhaltung ist wie ausgewechselt. Da geht es dann auch viel offenherziger zu - ohne dass dabei Geheimnisverrat begangen würde. Aber das „Wie“ - das ist völlig anders.

          Die Frage ist: Muss das so sein?

          Diese Erfahrung habe ich im Laufe der letzten fünfzehn Jahre, die ich beim Fernsehen arbeite, immer wieder gemacht. Dass „die“ hinter den Kulissen oft so ganz anders sind. Nicht nur Politiker. Das ist ein generelles Phänomen im Fernsehen, dass die Protagonisten „in natura“ häufig anders rüberkommen als auf dem Bildschirm. Übrigens gilt das offenbar auch für mich selbst, wie mir schon oft genug mitgeteilt wurde. Was einen dann auch nicht immer freut. Wenn Sie beim Kaufhof an der Käsetheke stehen und die Kundin neben Ihnen greift Ihnen zwischen Appenzeller und Gouda in den Arm und sagt: „Also Frau Slomka, in natura sehen Sie ja viel jünger und netter aus“, hält sich die Freude durchaus in Grenzen. Ich nehme mich selbst da also gar nicht aus, ich weiß nur zu gut, dass es nicht ganz leicht ist, vor einer Kamera - sprich: vor einem unsichtbaren Millionenpublikum - zu stehen, in einer Rolle, in der man immer sehr aufpassen muss, was man sagt, und dann trotzdem noch total natürlich, authentisch und spontan zu sein. Insofern will ich auch gar nicht wohlfeil lästern über das meiner Beobachtung nach zunehmende Unvermögen der politischen Klasse zur massenmedialen Kommunikation, sondern frage mich: Muss das so sein? (Dass es auch anders geht, sah man am Montagabend  im „heute journal“, als Horst Seehofer im Anschluss an ein Interview mit Claus Kleber am Ende  alle rhetorischen Masken fallen ließ, Anm. der Redaktion):

          In Deutschland gibt es meiner Beobachtung nach einen besonders großen Unterschied zwischen privater und öffentlicher Sprache, größer als etwa im Angelsächsischen. Bei Politikern ist das besonders problematisch, denn das Publikum, mit dem sie via Massenmedien kommunizieren, macht ja keinen Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Zuhören. Jedenfalls nicht, wenn man mit der Chips-Tüte auf dem Fernsehsofa sitzt.

          Was mich immer wieder irritiert, ist diese anti-emotionale, selbstdistanzierte und substantivistische Gremiensprache. Politiker mögen, um beispielsweise Andrea Nahles zu zitieren, ein „durch institutionalisierte Kooperation begründetes Vertrauensnetz“ schätzen. Vertrauen bei der Bevölkerung gewinnt man mit einer solchen Sprache eher nicht.

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