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Politiker in den Medien : Die Kunst der klaren Rede

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Kleine, alltägliche, unspektakuläre Sprachbarrieren

Ich glaube gar nicht, dass es immer um bewusste Verschleierungen und Beschönigungen geht. Oft sind es nur Nachlässigkeiten - man hat sich den ganzen Tag mit Fachleuten unterhalten und dann abends im Fernsehinterview umzuschalten und verständlich zu reden, fällt schwer.

Typisch ist ein Schaltgespräch mit unserem Finanzminister zur Griechenland-Rettung. Das war, als Griechenland erstmals Antrag auf Finanzhilfe gestellt hatte. Meine Frage lautete: „Sie haben vor kurzem noch gesagt: Wir Deutschen können nicht für Griechenlands Probleme zahlen. Aber genau das machen wir doch jetzt, oder?“ Darauf Wolfgang Schäuble: „Nein, wir beteiligen uns gegebenenfalls, wenn ein glaubwürdiges Sanierungsprogramm mit dem IWF und der EZB und der Europäischen Kommission vereinbart ist, an einem Kredit der Euro-Gruppe für Griechenland durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau.“ IWF und EZB und KFW und Euro-Gruppe in einem Satz rauszudonnern und davon auszugehen, dass jeder direkt weiß, wer da wer ist und welche Aufgaben übernimmt? Es sind diese kleinen, alltäglichen, unspektakulären Sprachbarrieren, die mich beschäftigen.

In anderer Hinsicht bezeichnend ist wie etwa Kurt Beck auf einem SPD-Parteitag sagte, man müsse darüber reden, „wie die soziale Dimension des Lebens realistisch und nicht nur illusionistisch in die Zukunft getragen werden könne“. Zu sagen: Wir müssen darüber reden, wieviel Sozialstaat wir uns noch leisten können, würde wohl zu banal klingen. Möglicherweise sprach Beck aber auch deshalb so, weil er ein Jahr zuvor erfahren hatte, was man auslöst, wenn man unbedacht von einem „Unterschichtenproblem“ spricht, wobei er den Begriff eigentlich nur zitiert hatte.

Auch das Komplizierte kann klar formuliert werden

An der Stelle muss ich mich dann als Medienvertreterin auch fragen, welchen Beitrag wir dazu leisten, dass Politiker so reden, wie sie reden. Nicht falsch verstehen: der Begriff Unterschicht geht wirklich nicht. (Bezeichnend übrigens, dass ich das jetzt selbst nochmal betonen muss. Auch ich sichere mich also ab, kaum dass ich öffentlich rede.) Aber es ist schon so, dass die Medien sich auf jeden Satz, jedes Wort stürzen, das aus der glattgefeilten Allgemein-Soße heraussticht. Andererseits ist das auch ein bisschen wie bei der Frage nach dem Huhn und dem Ei: Was war zuerst da? Reden Politiker deshalb so vorsichtig, oder ist es umgekehrt? Weil es so wenig authentische Sprache gibt, wird alles, was nach Klardeutsch klingt, quasi zur Sensation?

Am anderen Ende der Skala liegt das, was ich als Pseudo-Authentizität bezeichnen würde. Wenn sich ein Politiker überlegt: Jetzt bin ich aber mal so richtig schön volksnah. Jetzt gebe ich dem Affen aber mal Zucker! Das geht dann gerne furchtbar schief. Etwa wenn Sigmar Gabriel im Dezember 2010 den Truppenbesuch des damaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg nebst Gattin in Afghanistan kommentierte und sagte: „Ich finde, da fehlt nur noch Daniela Katzenberger. Dann hätten auch die Soldaten etwas davon.“

Natürlich haben Politiker recht, wenn sie häufig sagen: „Es gibt leider keine einfachen Antworten in einer immer komplizierter werdenden Welt.“ Das stimmt. Aber auch das Komplizierte verdient es, in eine klare Sprache gefasst zu werden. Das ist natürlich auch eine der vornehmsten Aufgaben von Journalisten. Wir sind auch Wanderer zwischen den Welten, Vermittler im Prozess der politischen Kommunikation. Aber wir sind keine Dolmetscher. Politiker müssen sich schon selbst die Frage stellen, wie sie zum Volk sprechen.

Ich würde mir wünschen, dass sie häufiger mehr Kommunikation wagen. Mehr deutsche Sprache wagen. Mehr Klartext wagen. Und das bitte nicht nur, wenn sie gerade auf dem Weg zum Emir sind.

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