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Politik und Kommunikation : It's the politics, stupid

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Sollen Politiker mehr auf Einflüsterungen hören? Der frühere Bundespräsident Horst Köhler wird hier vom Nachwuchs informiert Bild: ddp

Könnte ein guter Spin-Doctor der Koalition aus der Krise helfen? Ist die Krise der Politik vor allem auch eine PR-Krise? Der Kommunikationsberater Michael H. Spreng meint: Man kann faule Äpfel nicht als frisches Obst verkaufen.

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          Herr Spreng, nehmen wir den sehr unwahrscheinlichen Fall an, Frau Merkel ruft Sie an und sagt: „Das läuft hier alles schief. Helfen Sie mir! Was müssen wir tun?“ Was wäre Ihre Antwort?

          Michael H. Spreng: Dass ich ihr nicht helfen kann, solange sie ihre Politik und ihren Führungsstil nicht ändert. Sie hat kein Verkaufsproblem, sie hat ein Inhaltsproblem.

          Aber es gibt Leute, die auch diese Politik verkaufen müssen.

          Die sind zu bedauern. Politik, wie man sie in dem Sparpaket exerziert hat, ist nicht zu verkaufen. Wenn ich einerseits Hartz-IV-Empfänger belaste und andererseits Hotelsubventionen belasse, widerspricht das dem Gerechtigkeitsempfinden der Mehrheit der Bevölkerung und ist nicht zu vermitteln.

          Vom Boulevard ins politische Tagesgeschäft: Michael H. Spreng sagt, Regierungskommunikation ist derzeit besonders mühsam

          Aber gerade Politik, die unpopuläre Beschlüsse fasst, braucht jemanden, der sie den Menschen verkauft.

          Ja, aber politische Kommunikation und Inhalt lassen sich nicht voneinander trennen. Das ist ein Kardinalfehler, den die Politik häufig macht, dass sie glaubt, sie kann irgendwelche Beschlüsse fällen, und am Ende holt man die Kommunikationsexperten hinzu und sagt: Verkauft das mal schön. So funktioniert das nicht. Was nicht kommunizierbar ist, sollte man lieber sein lassen. Oder man scheitert anschließend bei den Wählern.

          Das heißt, ein Spin-Doctor müsste schon während der Beratungen dabei sein.

          Natürlich muss die Politik die Hoheit über die politischen Entscheidungen behalten. Aber von Anfang an müssten die Kommunikationsfachleute sagen können: Das ist verkaufbar, das nicht. Das wird in Deutschland leider nicht gemacht. Sondern in der Regel wird etwas beschlossen, meist sogar in kleinen Zirkeln mit Überrumpelung der eigenen Partei - das war bei Schröders Agenda 2010 so und jetzt beim Sparpaket auch -, und aus diesen einsamen Beschlüssen soll dann hinterher etwas Verkaufbares werden. Das kann nichts werden.

          Sind da andere Länder weiter?

          In Amerika auf jeden Fall. Dort ist Kommunikation fast alles. Der Obama-Wahlkampf war ein Wahlkampf der Politikberater und Kommunikationsexperten, allerdings natürlich auch mit einem Ausnahmeprodukt. In Großbritannien waren die Kommunikationsleute Peter Mandelson und Alastair Campbell die engsten Mitstreiter von Tony Blair und hatten dort enormen Einfluss auf die politischen Inhalte.

          Das wurde schließlich zum Fluch, weil die Menschen das Gefühl hatten, dass die Politiker keine anderen Leitlinien mehr hatten als die: Was lässt sich gut verkaufen?

          Der Vorwurf war teilweise berechtigt, ist aber kein Beispiel dafür, dass man falsche Politik verkaufen kann.

          Bei Merkel scheint aber auch beim Verkauf noch Luft nach oben.

          Ja. Zum Beispiel die Pressekonferenz nach dem Sparpaket war in vielfacher Hinsicht dilettantisch. Die Journalisten hatten nicht einmal die Beschlüsse vorliegen; die Politiker waren unvorbereitet, übernächtigt und fahrig, sie hatten nicht einmal die Zeit, eine große, überwölbende Botschaft zu formulieren. Wenn es wenigstens eine überzeugende Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede gegeben hätte, ein gewisses nationales Pathos!

          Hätte das einen Unterschied gemacht?

          Ich glaube, es hätte das Grundproblem nicht beseitigt. Aber es wäre nicht ganz so desaströs verlaufen.

          Auch mit ihrem Bundespräsidentenkandidaten stößt die Regierung auf Widerstand - mit erstaunlicher publizistischer Breite.

          Die Medien spiegeln ja auch das Bewusstsein der Bevölkerung wider, und die hat eine tiefe Sehnsucht nach charismatischen Figuren. Deshalb hat der Vorschlag Gauck so eine breite Resonanz gefunden. Aber Frau Merkel hat die Präsidentenwahl augenscheinlich unter einem anderen Aspekt gesehen: als Konsolidierungsprogramm für die Koalition.

          Welche Kommunikationsstrategie sehen Sie jetzt bei der Regierung?

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