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Politik im Internet : Googles gefährliche Meinungsmache

  • -Aktualisiert am

Bild: Greser & Lenz

Mit google.de/wahlen ist der weltgrößte Medienkonzern in den deutschen Wahlkampf eingetreten. Dort soll es neutrale Orientierung geben. Kaum jemand weiß, mit welchen Methoden Google dabei vorgeht.

          Irgendwas wird schon dran gewesen sein, wird sich der gemeine Wähler gedacht haben. Vor zehn Jahren, als die amerikanische Invasion des Iraks ein paar Monate zurücklag, stellten sich amerikanische Wähler die Frage, ob sie von dem schlechtesten Präsidenten aller Zeiten regiert würden. Die Antwort auf die Frage gab kurz darauf Google. Von November 2003 an verwies die Suchmaschine bei einer Suche nach „erbärmlich“, „Fehler“ oder „erbärmlicher Fehler“ (“miserable“, „failure“) auf die offizielle Biographie von George W. Bush.

          Wie viele politische Fragen war auch die nach der Qualität des Präsidenten vor allem Ansichtssache. Nur für Google nicht. Die Suchmaschine beantwortete die Frage eindeutig und „richtig“, nämlich streng mathematisch: Wenn auf Internetseiten, die von „erbärmlichen Fehlern“ handeln, nichts häufiger verlinkt wird als die Biographie des Präsidenten, dann, so die Schlussfolgerung, interessieren sich alle Menschen, die etwas über „erbärmliche Fehler“ wissen möchten, für die Biographie des Präsidenten. Das Prinzip hinter diesem Beispiel, mit dem sich automatisiert Ordnung im Internet herstellen lässt und das jedes andere digitale Ordnungsprinzip bis heute in den Schatten stellt, benannte dessen Erfinder, Google-Chef Larry Page, zufällig nach sich selbst: „Page Rank“.

          Googles Stärke hatte eine entscheidende Schwachstelle

          Wiederholt man die Suche allerdings heute, ist das erste Ergebnis für „miserable failure“ die Wikipedia-Seite über „Google Bomben“. Die Seite beschreibt die schwache Stelle in Googles Stärke: Wenige Menschen können gezielt Suchergebnisse für Millionen von Menschen manipulieren. Der „Page Rank“ ist von außen angreifbar. Chris Bowers, der politische Aktivist und Blogger, der vor zehn Jahren hinter dem Google-Bombenangriff auf George W. Bush steckte, brauchte nur wenige hundert Links, um den Präsidenten als „erbärmlichen Fehler“ zu brandmarken.

          Google rüstete nach und tauschte seine strenge Logik gegen sensitive Intelligenz aus. Die Anzahl an Links ist heute nur noch eins von mehreren hundert Kriterien, die ein Suchergebnis bestimmen. Rund 500 Mal greift Google pro Jahr in das Rezept der Algorithmen ein. Und selbst menschliche Entscheidungen spielen in der Google-Suche eine immer bedeutendere Rolle.

          Die Anstrengungen des Unternehmens zahlen sich aus. Weil sich Google so erfolgreich gegen die „externe Suchmaschinenoptimierung“ gewehrt hat - die Algorithmen lassen sich heute kaum noch oder nur noch kurzfristig austricksen -, gilt die Google-Suche inzwischen als besonders neutral und objektiv. Wer sich neben der Spur Aufmerksamkeit auf Googles Seiten verschaffen will, muss dafür zahlen. Die Vermarktung von Suchergebnissen ist bis heute das wichtigste finanzielle Standbein des Unternehmens, das auch darüber hinaus fast ausschließlich mit Werbung Geld verdient. Den Boden für diese Geschäfte bereitete sich das Unternehmen selbst.

          Seit Obamas Sieg werden Wahlen im Internet gewonnen

          Schon fünf Jahre nachdem Google als Werkzeug der politischen Diffamierung galt, hieß es nach Barack Obamas Wahlsieg 2008, der Weg ins Weiße Haus führe nur noch durch das Internet. Es ist kein Zufall, dass die historischen Entwicklungen, welche die amerikanischen Wahlkampfbudgets die Milliarden-Dollar-Grenze durchbrechen ließen, parallel zur Verlagerung des Wahlkampfs ins Internet passierten. Wenn es auch die Wähler kaum mitbekamen, für Wahlkämpfer waren die vergangenen zehn Jahre eine Revolution. Google hat ein Produkt im Angebot, dem sich niemand mit politischen Ambitionen verweigern kann: Einfluss auf den unentschlossenen und politisch wenig interessierten, aber wahlentscheidenden Wähler. Schon seit Jahren findet in Amerika keine Gouverneurswahl mehr statt, ohne dass die Parteien zuvor an einer von Google veranstalteten Auktion um die bedeutsamen politischen Stichworte teilnehmen.

          Im Internet muss die Politik schlicht und leicht verständlich sein.

          In den häufig nur wenige Sekunden andauernden Momenten, in denen sich politisch wenig begeisterungsfähige Bürger für politische Themen interessieren und sie googeln, soll auch der Name des Kandidaten auf der Suchseite erscheinen, eingebettet in einen kurzen, aber knackigen Slogan. Im digitalen Wahlkampf müssen die Kandidaten selbst ihre eigenen Namen teuer ersteigern, wollen sie verhindern, dass er der Gegenseite in die Hände fällt.

          Google hält dabei nicht nur die Hand auf, sondern bestimmt auch über alle weiteren Regeln. Gegen „Google Bomben“ hat das Unternehmen den Kampf gewonnen. Heute tritt es an gegen „Google Blasts“, also das Druckwellen erzeugende massenhafte Publizieren politischer Botschaften zumeist wenige Tage vor Wahlterminen. „Google Blasts“ basieren anders als „Google Bomben“ jedoch nicht auf der gezielten Ausnutzung technischer Schwachstellen. Sie sind stattdessen die digitale Fortführung der legitimen Wahlkampfstrategie, durch die schiere Masse an politischen Botschaften Aufmerksamkeit zu erregen.

          Google entscheidet, wer politische Relevanz hat

          Google setzt im Kampf gegen „Google Blasts“ seine eigenen Automatismen außer Kraft und billigt seinen Mitarbeitern das Recht zu, über die „Autorität“ einzelner Internetseiten zu entscheiden. Institutionelle Nachrichtenseiten bekommen eine hohe Wertung, bekannte Blogs eine geringe, die meisten Internetseiten bleiben unbeachtet. Welche Regeln bei dieser „Webspam“-Bekämpfung mit Hilfe des sogenannten „Trust Rank“-Verfahren gelten, ist geheim, mögliche Fehleinschätzungen bleiben unbemerkt, wie auch der Einfluss privater Vorlieben derjenigen, die über den Wert der Worte im Internet entscheiden.

          Googles Bemühungen, Manipulationen von außen abzuwehren, führten dazu, dass die Möglichkeiten der internen Manipulation enorm gesteigert wurden, stellte Robert Epstein, Psychologieprofessor in Harvard, vor einem halben Jahr fest. Ob die Möglichkeiten allerdings genutzt werden und wenn, zu wessen Vorteil, lasse sich von außen nicht ermitteln. Der Rechtswissenschaftler Tim Wu von der Columbia University argumentierte, dass marktkontrollierende Medienunternehmen in der Geschichte stets versucht hätten, die Politik zu beeinflussen. Bislang stehe Google nicht unter diesem Verdacht. Doch seien „die Möglichkeiten der freien Rede in Amerika immer von wenigen machtvollen Gatekeepern kontrolliert worden“.

          Was dieser Satz im Internetzeitalter bedeuten kann, zeigt sich jetzt auch in Deutschland. Unter google.de/wahlen bietet Google seit ein paar Tagen sein in Amerika erprobtes mediales Konzept zur politischen Willensbildung für die Bundestagswahl erstmals auch in Deutschland an. Die Nutzer sollen „mitreden“, „nichts verpassen“, „den Überblick behalten“ und sich durch das Angebot von „Politik auf Google+ und Youtube“ klicken.

          Politik im Internet ist erfolgreich, wenn sie schlicht ist

          Mit Vorhaben wie diesen, die auf radikale Vereinfachung in der Informationssuche setzten, stünden „den Betreibern überaus wirksame Instrumente zur Verfügung, um Nutzerverhalten systematisch zu beeinflussen und bisherige Nutzungsmuster der eigenen Oberfläche anzupassen“, urteilte jüngst eine Forschergruppe der Universität Mainz, die sich mit den aktuellen Formen der „Googleisierung der Informationssuche“ befasst. Die Wissenschaftler der Publizistik, Rechtswissenschaft und Pädagogik haben ermittelt, dass selbst das Wissen darüber, dass Google Filterfunktionen hat, also vor allem Informationen ausblendet, unter den Nutzern wenig verbreitet ist. Dass die Filter personalisiert arbeiten, sei kaum bekannt. Wie sie arbeiten, sei für Nutzer zumeist gar nicht in Erfahrung zu bringen.

          Die Forscher beobachteten in Gesprächen mit Probanden eine „klare Diskrepanz zwischen der Kompetenzselbsteinschätzung und dem tatsächlichen Wissensstand“ über die Funktionsweise der Googledienste. Auch das Verständnis dafür, dass hinter der „Internetauskunft“ ein Unternehmen steht, das die technischen Annehmlichkeiten nur durch die lückenlose Speicherung und Auswertung des Nutzerverhaltens ermöglicht, sei kaum ausgeprägt. Die „Hoffnung, dass die Meinungsvielfalt im Internet wächst, hat sich reduziert“, sagt die Mainzer Publizistikprofessorin Birgit Stark, die an der Studie beteiligt ist. Stattdessen sei davon auszugehen, dass „die Lenkung der Nutzer durch Google stärker geworden“ sei.

          Im besten Fall handelt es sich bei Googles politischen Projekten um eine Marktschließung, die allein auf Profit zielt. Aber selbst das würde die politischen, medienrechtlichen und pädagogischen Sorgen, die Google mit seiner Meinungsmache hervorruft, kaum mildern.

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