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Politik im Internet : Googles gefährliche Meinungsmache

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Google hält dabei nicht nur die Hand auf, sondern bestimmt auch über alle weiteren Regeln. Gegen „Google Bomben“ hat das Unternehmen den Kampf gewonnen. Heute tritt es an gegen „Google Blasts“, also das Druckwellen erzeugende massenhafte Publizieren politischer Botschaften zumeist wenige Tage vor Wahlterminen. „Google Blasts“ basieren anders als „Google Bomben“ jedoch nicht auf der gezielten Ausnutzung technischer Schwachstellen. Sie sind stattdessen die digitale Fortführung der legitimen Wahlkampfstrategie, durch die schiere Masse an politischen Botschaften Aufmerksamkeit zu erregen.

Google entscheidet, wer politische Relevanz hat

Google setzt im Kampf gegen „Google Blasts“ seine eigenen Automatismen außer Kraft und billigt seinen Mitarbeitern das Recht zu, über die „Autorität“ einzelner Internetseiten zu entscheiden. Institutionelle Nachrichtenseiten bekommen eine hohe Wertung, bekannte Blogs eine geringe, die meisten Internetseiten bleiben unbeachtet. Welche Regeln bei dieser „Webspam“-Bekämpfung mit Hilfe des sogenannten „Trust Rank“-Verfahren gelten, ist geheim, mögliche Fehleinschätzungen bleiben unbemerkt, wie auch der Einfluss privater Vorlieben derjenigen, die über den Wert der Worte im Internet entscheiden.

Googles Bemühungen, Manipulationen von außen abzuwehren, führten dazu, dass die Möglichkeiten der internen Manipulation enorm gesteigert wurden, stellte Robert Epstein, Psychologieprofessor in Harvard, vor einem halben Jahr fest. Ob die Möglichkeiten allerdings genutzt werden und wenn, zu wessen Vorteil, lasse sich von außen nicht ermitteln. Der Rechtswissenschaftler Tim Wu von der Columbia University argumentierte, dass marktkontrollierende Medienunternehmen in der Geschichte stets versucht hätten, die Politik zu beeinflussen. Bislang stehe Google nicht unter diesem Verdacht. Doch seien „die Möglichkeiten der freien Rede in Amerika immer von wenigen machtvollen Gatekeepern kontrolliert worden“.

Was dieser Satz im Internetzeitalter bedeuten kann, zeigt sich jetzt auch in Deutschland. Unter google.de/wahlen bietet Google seit ein paar Tagen sein in Amerika erprobtes mediales Konzept zur politischen Willensbildung für die Bundestagswahl erstmals auch in Deutschland an. Die Nutzer sollen „mitreden“, „nichts verpassen“, „den Überblick behalten“ und sich durch das Angebot von „Politik auf Google+ und Youtube“ klicken.

Politik im Internet ist erfolgreich, wenn sie schlicht ist

Mit Vorhaben wie diesen, die auf radikale Vereinfachung in der Informationssuche setzten, stünden „den Betreibern überaus wirksame Instrumente zur Verfügung, um Nutzerverhalten systematisch zu beeinflussen und bisherige Nutzungsmuster der eigenen Oberfläche anzupassen“, urteilte jüngst eine Forschergruppe der Universität Mainz, die sich mit den aktuellen Formen der „Googleisierung der Informationssuche“ befasst. Die Wissenschaftler der Publizistik, Rechtswissenschaft und Pädagogik haben ermittelt, dass selbst das Wissen darüber, dass Google Filterfunktionen hat, also vor allem Informationen ausblendet, unter den Nutzern wenig verbreitet ist. Dass die Filter personalisiert arbeiten, sei kaum bekannt. Wie sie arbeiten, sei für Nutzer zumeist gar nicht in Erfahrung zu bringen.

Die Forscher beobachteten in Gesprächen mit Probanden eine „klare Diskrepanz zwischen der Kompetenzselbsteinschätzung und dem tatsächlichen Wissensstand“ über die Funktionsweise der Googledienste. Auch das Verständnis dafür, dass hinter der „Internetauskunft“ ein Unternehmen steht, das die technischen Annehmlichkeiten nur durch die lückenlose Speicherung und Auswertung des Nutzerverhaltens ermöglicht, sei kaum ausgeprägt. Die „Hoffnung, dass die Meinungsvielfalt im Internet wächst, hat sich reduziert“, sagt die Mainzer Publizistikprofessorin Birgit Stark, die an der Studie beteiligt ist. Stattdessen sei davon auszugehen, dass „die Lenkung der Nutzer durch Google stärker geworden“ sei.

Im besten Fall handelt es sich bei Googles politischen Projekten um eine Marktschließung, die allein auf Profit zielt. Aber selbst das würde die politischen, medienrechtlichen und pädagogischen Sorgen, die Google mit seiner Meinungsmache hervorruft, kaum mildern.

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