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Poker im Fernsehen : Zocken mit den Superstars

  • -Aktualisiert am

Passen oder weiterspielen: In den Pokersendungen ist der Zuschauer passiver Mitakteur Bild: dpa

Poker hat sich zum neuen Volkssport entwickelt. Und die Verlockungen sind groß. Die großen, öffentlichen Turniere werden im Fernsehen übertragen. Weltweit schauen Millionen ihren Vorbildern über die Schulter und in die Karten. Nicht zuletzt, um zu lernen.

          Einmal gegen Jesus spielen - das wär's. Jesus: Das ist der professionelle Pokerspieler Chris Ferguson. Zu seinem Künstlernamen ist er gekommen, weil er lange, offene Haare trägt, einen Vollbart hat und damit an diverse Filmklischees des Mannes aus Nazareth erinnert. Entgegen alter Vorurteile verdient Ferguson sein Geld nicht in verrauchten Hinterzimmern. Er spielt erfolgreich in der World Series of Poker, kurz WSOP, und anderen großen, öffentlichen Turnieren.

          Sie werden im Fernsehen übertragen - und sind auch für eine Reihe deutscher Sender überaus lukrativ. Weltweit schauen Millionen ihren Vorbildern über die Schulter und in die Karten. Nicht zuletzt, um zu lernen. Denn die Verlockungen des neuen Volkssports Poker sind groß. Und gut inszeniert. Die Faszination des Spiels wirkt.

          Glück spielt nur eine untergeordnete Rolle

          Ein erfolgreicher Pokerspieler muss sich selbst und die Wahrscheinlichkeitsrechnung fest im Griff haben, seine Gegner analysieren, ihre Bluffs durchschauen und selbst strategisch agieren. Beim Sieg in einer Profirunde spielt Glück nur eine untergeordnete Rolle. Das gilt auch für die derzeit populärste Form des Spiels, „Texas Hold'em“, in der jeder Spieler aus zwei eigenen, nur ihm bekannten Karten und fünf offen liegenden „Tischkarten“ ein möglichst hohes Blatt kombinieren muss.

          Sechs Millionen Dollar gewonnen und der Star der Szene: Chris Ferguson, den sie „Jesus” nennen

          In drei Wettrunden kann gesetzt, erhöht oder gepasst werden. Schon für den Beobachter an Ort und Stelle - in der Spielhalle also oder im Studio - sind die Partien spannend zu verfolgen, lassen doch die nach und nach aufgedeckten Tischkarten Mutmaßungen über die taktischen Absichten der Spieler zu. Doch erst im Fernsehen sind die Partien wirklich nachvollziehbar.

          Fürs Fernsehen wird das Unsichtbare sichtbar

          Denn eigens fürs Fernsehen werden in den Spieltisch durchsichtige Platten eingelassen, auf welche die Spieler ihre Karten für die Kontrahenten verdeckt legen, für die Zuschauer aber werden sie durch den Kamerablick von unten erfasst. Wir sehen also das eigentlich Unsichtbare. Zugleich berechnet der Computer die Wahrscheinlichkeit für einen Sieg, postwendend werden diese Prognosen eingeblendet und geben zusammen mit den Erklärungen der Kommentatoren auch Zuschauern mit wenig Erfahrung einen soliden Einblick in das Geschehen am Tisch. Mehrere Kameras fangen die Atmosphäre am und um den Spieltisch ein - je nach Inszenierung entsteht so die rauhe Aura eines Casinos in Las Vegas oder die gepflegte eines englischen Clubs.

          An ovalen Pokertischen mit grüner Filzbespannung sitzen Kontrahenten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einige in Hemd und Jackett, andere mit Baseballkappe, T-Shirt und Walkman im Ohr. Ob gepflegt oder ungepflegt, ob glatt rasiert oder mit Dreitagebart: das spielt keine Rolle. Die obligatorischen Großaufnahmen der Gesichter benötigen unterschiedliche Charaktere. Keine noch so kleine mimische Veränderung entgeht den Kameras. Die Regie macht den Zuschauer zum unmittelbaren Zeugen und zum passiven Teilnehmer der Runde. Mithören kann man auch, was sich die Profis während der Partie zu sagen haben. Mal wird gewitzelt, mal gefachsimpelt - besonders vielsagend wird jedoch geschwiegen.

          Alles ist Maskerade

          Gleichwohl täuscht der Eindruck, man könne das Spiel durchschauen. Die Protagonisten des internationalen Pokermedienzirkus werden als mediale Helden präsentiert, die besten unter ihnen mithin als Superstars. Alles an ihnen ist Kostüm. Körpersprache, Spielverhalten und Pokerface verschleiern mit Bedacht die reale Person. Unterstützt wird die Maskerade bisweilen noch durch wiederkehrende Kleidung und Accessoires - Chris Ferguson sitzt niemals ohne Statson und Sonnenbrille am Tisch. Die Poker-Identität wird letztendlich durch die in der Szene obligatorischen Künstlernamen komplett. Wie aus Chris Ferguson, einem promovierten Mathematiker, „Jesus“ wird, so verwandelt sich Katja Thater, die deutsche Profispielerin, am Tisch zur „Lady Horror“, die in einem Turnier hundertfünfzig männliche Gegner besiegte.

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