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Shitstorm-Interpreten : Berechtigter Protest oder pure Aggression?

Dieter Nuhr wehrte sich gegen den Shitstorm. Bild: dpa

Die Kritik am Shitstorm sei eine Diffamierung der Netzszene meint der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Offenbar weiß nicht jeder einen „Shitstorm“ von berechtigter Kritik zu unterscheiden.

          War ja irgendwie klar, dass es nicht lange dauern würde, bis sich jemand findet, der in Shitstorms das Gute sehen will und das Phänomen pseudowissenschaftlich verbrämt. In diesem Fall ist es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Er halte „die pauschale Shitstorm-Kritik der letzten Tage für falsch“, sagt er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur und meint im Besonderen die Kritik, die der Kabarettist Dieter Nuhr in dieser Zeitung an dem Empörungsritual geäußert hat, das ein Opfer nach dem anderen fordert: Nuhr wird wegen einer Anspielung auf die Griechenland-Krise mit Hass eingedeckt, der Schauspieler Til Schweiger, weil er sich für eine Flüchtlingsinitiative einsetzt, Angela Merkel kassiert nach einem Gespräch mit Schülern in Rostock rüde Kommentare, und der britische Nobelpreisträger Sir Timothy Hunt verliert nach einer Twitter-Verschwörung gleich seinen Job.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          In jedem einzelnen dieser Fälle lassen sich Ursache und Wirkung minutiös nachvollziehen, in jedem einzelnen Fall geht es nicht um Argumente, sondern um Diffamierung, geht es nicht um Meinungsvielfalt und eine offene Debatte, sondern darum, jemanden mundtot zu machen, zu ächten und persönlich zu vernichten. Dem Medienwissenschaftler aber sind solche Feinheiten wohl entgangen. Er dreht den Spieß einfach mal rum. Der Begriff „Shitstorm“, meint Pörksen, diene der „pauschalen Diffamierung der Netzszene“. In „einem kollektiven Empörungssturm“ könnten sich „große gesellschaftliche Fragen zeigen“, wie etwa bei der „Aufschrei“-Kampagne oder der Kritik an Markus Lanz. Man müsse lernen, „den Shitstorm zu lesen, ihn zu dechiffrieren“, sagt Pörksen, biegt mit der alten Leier vom Kulturkampf um die Ecke – dem Kulturkampf zwischen den „klassischen Leitmedien“ und den „vernetzten vielen, die im Netz protestieren“, und sieht den Wandel von der „Mediendemokratie“ hin zur „Empörungsdemokratie“ gekommen.

          Die Gefahren für das Individuum

          Ob Pörksens Profession dann auch im Wandel begriffen ist von der „Medien“- zur „Empörungswissenschaft“? Es scheint so, schließlich empfiehlt er „für den gesellschaftlichen Dialog die Figur des Shitstorm-Interpreten“. Tja, wer könnte die Aufgabe wohl übernehmen? Jemand, der pauschalisiert, indem er anderen Pauschalurteile vorwirft, aber selbst nicht genau „dechiffriert“? Jemand, der Kritik mit Überwältigung durch Masse verwechselt; der also die Begriffe nicht kennt? Jemand, der mit den Eigenheiten des Shitstorms – der sich selten mit Sachargumenten aufhält und sich stattdessen ad personam richtet und wunderbar für Intrigen eignet – nicht so ganz vertraut scheint? Jemand, der über ein sehr knappes Demokratieverständnis verfügt und die Gefahren für die Freiheit des Individuums nicht erkennt?

          So jemand sollte das wohl besser nicht machen. Denn hier geht es um das immer wieder aufs Neue zu formulierende Projekt der Aufklärung, an dem jeder kritische Geist mitwirken kann, der weiß, was einen Shitstorm von einer offenen, demokratischen Debatte unterscheidet. Ein solcher „Shitstorm-Interpret“ wäre zum Beispiel – Dieter Nuhr. Und auch Til Schweiger böte sich an, den fremdenfeindliche Kommentatoren auf seiner Facebook-Seite nicht davon abhalten, sich für Flüchtlinge einzusetzen. „In dem Moment, wo ich aufhöre, das zu tun“, sagte der Schauspieler im ARD-Fernsehen, „lebe ich nicht mehr in einer Demokratie, das ist ja genau das, was die Leute wollen“. Den „berechtigten Protest“ und die „enthemmte Aggression“ (Pörksen) voneinander zu unterscheiden, das ist längst im Gange. Und das ist, um das geflügelte Wort von Klaus Wowereit zu zitieren, auch gut so.

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