https://www.faz.net/-gqz-a3rcp
 

Studie zu Talkshows : Die neue Meinungsbildung mündiger Bürger

  • -Aktualisiert am

Nicht in der Datenanalyse berücksichtigt: AfD-Mann Jörg Meuthen und Moderator Frank Plasberg in der Talkshow „hart aber fair“ im Jahr 2018. Bild: Oliver Ziebe

Das „Progressive Zentrum“ fordert in einer Studie über Talkshows mehr Pluralismus, da die Gäste meist aus Politik und Medien kommen. Die AfD blendet es in der Datenanalyse einfach aus.

          2 Min.

          Meine Sonntage mit Sabine Christiansen“, so nannte vor bald zwanzig Jahren der Journalist Walter von Rossum seine Kritik an ihrer Talkshow. Es war eine polemische Abrechnung mit einer Sendung, in der die „Geier der Apokalypse“ den baldigen ökonomischen Untergang Deutschlands verkündeten. Christiansens Sendung gibt es schon lange nicht mehr, die Talkshows sind geblieben. Mit ihnen die Kritik an diesem Format. Das betraf damals wie heute die Gästeauswahl.

          Zu Christiansens Zeiten dominierten die neoliberalen Apokalyptiker, weshalb diese Abende bisweilen mehr volkspädagogische Veranstaltungen denn politische Debatten waren. Mittlerweile kommen die Apokalyptiker aus einem anderen Lager, Neoliberale finden sich eher selten. Nun haben Paulina Fröhlich und Johannes Hillje für das linksliberale „Progressive Zentrum“ eine Studie über „Die Talkshow-Gesellschaft. Repräsentation und Pluralismus in öffentlich-rechtlichen Politik-Talkshows“ geschrieben. Mit Hilfe einer Datenanalyse stellen sie die Dominanz von Gästen aus Politik und Medien fest.

          Das einschränkende Verständnis von Pluralismus

          Dass die größte Oppositionspartei im Bundestag nicht vorkommt, ist kein Thema, entspricht aber wohl den Pluralismus-Vorstellungen der Autoren. Unter Pluralismus verstehen die Autoren offenbar generell nicht den Austausch kontroverser Meinungen. Stattdessen plädieren sie für eine „höhere Talkshow-Präsenz von Gewerkschaften, NGOs, Konsumentenorganisationen oder Sozialverbänden“. Das ist ein berechtigter Hinweis, allerdings nur, wenn man damit nicht nur die Gruppierungen meint, die der eigenen politischen Agenda entsprechen.

          Die Genannten, so die Studie, hätten eine „wichtige Mittlerrolle zwischen Staat und Markt“, ihre „Perspektive“ gleiche „einer Anwaltschaft der durchschnittlichen BürgerInnen“. Die Frage ist nur, wer diesen Durchschnitt und die Repräsentanz bestimmt, die für „mehr Anschlussfähigkeit, Repräsentationsgefühl und Identifikationsfläche für das Publikum“ führt. Abgesehen davon, hat die Sache einen weiteren Haken: Nichts von dem sollen Talkshows bieten. Sie sind keine volkspädagogischen Erziehungsprogramme, die ein Identifikationsangebot machen sollen. Sie dienen der Meinungsbildung mündiger Bürger.

          Den Studienautoren aber geht es um „echte Demokratiearbeit“ mit „systemstabilisierender Wirkung“. Als einzuladende Gäste nennen sie LobbyControl, Finanzwende, Mieterschutzbund, Foodwatch oder die Verbraucherschutzzentralen, um „eine Brücke zwischen einem stellenweise entkoppelten elitären und einem populären Diskurs“ zu bauen. Wo es „echte Demokratiearbeit“ gibt, muss es wohl auch „falsche“ geben. Zu der aber würde das einschränkende Verständnis von Pluralismus führen, das der Studie „Die Talkshow-Gesellschaft“ zugrunde liegt. Sonntage mit solchen Sendungen hatten wir schon.

          Weitere Themen

          Eine Familie voller Freaks Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Ema“ : Eine Familie voller Freaks

          „Ema" ist intensiv und fesselnd, aber nichts für Spießer. Regisseur Pablo Larrain inszeniert ein Drama der besonderen Sorte, das seinem Ruf als Genie endlich gerecht wird, urteilt F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath in der Video-Filmkritik.

          Der Eremit als glücklicher Sozialarbeiter

          Pergolesi an Frankfurts Oper : Der Eremit als glücklicher Sozialarbeiter

          Ist Religion ein Relikt aus der Welt von Gestern oder eine Kraft, die Welt zu überwinden? Katharina Thoma verknüpft an der Oper Frankfurt „La serva padrona“ und das „Stabat mater“ von Giovanni Battista Pergolesi zu einem schönen, sinnfälligen Abend.

          Topmeldungen

          Abgeordnete im Deutschen Bundestag

          Corona-Kompetenzen : Die Gesetze macht immer noch der Gesetzgeber

          Beim Streit über die Kompetenzen des Bundestages geht es um mehr als nur um Formalitäten. Die Debatte ist auch eine Abrechnung mit der Art, wie die Corona-Politik bisher zustande gekommen ist.
          Schönau am Königssee: Alle Touristen mussten den Landkreis Berchtesgadener Land bis zum Beginn des Lockdowns verlassen. (Archivbild)

          Lockdown am Königssee : Jetzt ist auch für den Tourismus Schluss

          2500 Gäste mussten bis 14 Uhr den Landkreis Berchtesgadener Land verlassen. Bergbahnen und Ausflugsschiffe stehen still. Bei den Einheimischen macht sich Wut breit – über all jene, die den Lockdown durch ihr sorgloses Verhalten provoziert haben.
          Ein Kühlschrank mit kostenlosen Lebensmitteln im Stadtteil Brooklyn.

          Lebensmittelversorgung : Von New Yorkern für New Yorker

          In New York stehen auf den Bürgersteigen Kühlschränke mit kostenlosen Lebensmitteln. In Zeiten der Corona-Krise ist die Nachfrage danach immens. Das Konzept ist unkomplizierter als die Tafeln.
          Netflix: Keine besonders guten Zahlen für die Kalfornier

          Weniger Neukunden als erwartet : Corona-Kater für Netflix

          Netflix hat zwar weiter Neukunden während der Corona-Krise gewinnen können, doch die eigene Prognose wurde verfehlt. Auch für die Zukunft plant das kalifornische Unternehmen vorsichtig. Die Aktie sank.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.