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„Playboy“ ohne Nackte : Die Tücken des Selfies

  • -Aktualisiert am

Cover mit der Internet-Bekanntheit Sarah McDaniel Bild: Reuters

Der erste amerikanische „Playboy“ ohne nackte Models ist da. Die Macher setzen inzwischen auf andere Erlösquellen als das Magazin. Doch auch das neue Erscheinungsbild sorgt für Proteste.

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          So sieht er also aus, der amerikanische „Playboy“ ohne Nackte: Wo die „Baywatch“-Nixe Pamela Anderson früher Körbchengröße DD hinter einer Perlenkette zu verbergen suchte und Playmate Lisa Matthews die Scham mit einem Strohhut tarnte, blickt den Lesern der März-Ausgabe die zwanzig Jahre alte Sarah McDaniel entgegen. Die junge Frau, die mit fast 300 000 Instagram-Abonnenten ein Star der sozialen Netzwerke ist, trägt auf dem Cover des Herrenmagazins Baumwollunterwäsche in schlichtem Schwarzweiß und zeigt ein eher dezentes Dekolleté. „Man soll mich aus der Perspektive meines Freundes sehen“, beschreibt das Model die Pose im Stil eines Schlafzimmer-Selfies.

          Als die amerikanische Ausgabe des Magazins im Oktober mitteilte, künftig auf hüllenlose Schönheiten zu verzichten, kündigten einige tausend Leser ihr Abonnement. „Playboy“ ohne Nackte? Für viele undenkbar. Die Zahl der Abonnenten sank zuletzt auf rund 700.000. In den Siebzigern, als der „Playboy“-Erfinder Hugh Hefner „Dream Girl“ Patti McGuire ohne Slip auf dem Titel zeigte und Model Janet Wolf nackt unter Wasser fotografierte, ließen sich noch mehr als fünf Millionen meist männliche Amerikaner das Heft nach Hause schicken.

          Das Internet hat alles verändert

          Scott Flanders, der Chef des kalifornischen Medienunternehmens Playboy Enterprises Inc., erklärte die von vielen als Wende zur Prüderie kritisierte Entscheidung mit dem Internet. „Jeder erdenkliche sexuelle Akt ist heute nur einen Klick entfernt“, sagte Flanders der „New York Times“. Ein weiteres Argument: Weil Apples Appstore, Facebook und Instagram freizügige Aufnahmen verbieten, haben es traditionelle Aktbilder im Internet schwer.

          Deshalb weicht die völlige Entblößung im „Playboy“ nun in Amerika - in Deutschland bleibt alles, wie es ist - einer fast privat anmutenden Sinnlichkeit. Sarah McDaniel räkelt sich im amerikanischen März-Heft in weißer Bettwäsche, das Model Myla Dalbesio posiert bäuchlings mit Bunny-Ohren, und Ernest Hemingways Urenkelin Dree, das „erste nicht nackte Centerfold“, bedeckt ihre Brüste und den Intimbereich mit den Händen. Ihre Mutter Mariel Hemingway zeigte mehr Haut, als sie sich vor fast 35 Jahren für das Magazin auszog.

          Dass weniger offenherzige Fotos gut für das Geschäft sein können, belegt die Website Playboy.com. Seit dort vor zwei Jahren „explicit nudity“ aus dem Programm flog, haben sich die Klicks vervierfacht. Ohne allzu viel nackte Haut, so das Medienunternehmen, gilt das Portal als „safe for work“, seriös genug für den Arbeitsplatz. Das Durchschnittsalter der Nutzer, die am Büroschreibtisch neben Erotikbildern auch Sportreportagen und Lifestyle-Tipps („Wie man seine eigene Grenadine macht“) anklickten, sei zudem um siebzehn Jahre auf etwa dreißig Jahre gesunken. Das ist die werberelevante Zielgruppe, die im Internet zu Hause ist. Sie will der Bunny mit Fliege erreichen, der weltweit inzwischen jedes Jahr Kosmetik und Kleidung für fast fünf Milliarden Dollar verkauft.

          Vom neu gestalteten Heft erhofft sich Playboy-Chef Flanders ähnliche Erfolge wie auf der Website. Ohne Nacktbilder darf das Magazin in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal seit mehr als dreißig Jahren ohne verhüllende Plastiktüte angeboten werden. Mit schwererem Papier und in größerem Format als sein Vorgänger liegt es deshalb in mehr Geschäften aus. Ob Flanders’ Rechnung aufgeht, ist dennoch ungewiss. Nach der Veröffentlichung des entschärften „Playboy“ brach in sozialen Netzwerken eine Debatte über die vermeintlich zu jungen Models los. Gerade die wenig offensiven, sich unschuldig gebenden Posen der neuen Playmates ließen bei vielen Amerikanern den Verdacht aufkommen, die Zeitschrift fotografiere nun für potentielle Kinderschänder. „Wollen Sie jetzt Pädophile bedienen? Das Mädchen auf dem Cover sieht aus wie zwölf“, empörte sich eine Nutzerin über die Selfie-Pose von Sarah McDaniel. „Safe for work“ sieht wohl auch in Zukunft anders aus.

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