https://www.faz.net/-gqz-6yvmm

Pirat Christopher Lauer : Schlecker und Illner: Meine Tage im Fernsehen

  • -Aktualisiert am

Als die Sendung zum Nürburgring kommt, wo Rheinland-Pfalz 330 Millionen Euro (4,7 Transfergesellschaften für Schlecker) in den Sand gesetzt hat, ist Beck wieder ganz staatsmännisch und sagt sinngemäß: Passt schon alles, Rheinland-Pfalz bekommt das hin. Wenn man „Nürburgring“ googelt, findet man zum einen der Bericht vom 29. März, also dem Tag der Talkshow, in dem Kurt Beck die Investition als Fehler bezeichnet, und man findet zum andern einen Bericht über Massenentlassungen am Nürburgring vom 2. Dezember 2011. Damals wurden 148 Menschen entlassen, Kurt Beck wird im Artikel der Rhein-Zeitung nicht zitiert. Das entbehrt in dem Moment, da Kurt Beck bei Illner ankündigt, jedes Unternehmen in Rheinland-Pfalz zu retten, egal ob mit drei Mitarbeitern oder mit tausend, nicht der Ironie.

Schicksale verkommen zum Wahlkampf-Stunt

Ein Pfarrer, ein Ministerpräsident, ein Bundestagsabgeordneter, ein Landtagsabgeordneter, eine Wirtschaftsverbandsvorsitzende und eine Moderatorin in einem Studio - und sie reden nicht über Schlecker, sondern erzählen sich etwas vom Pferd. Einige, weil sie keine Ahnung vom tagesaktuellen Thema haben (ich), andere, weil sie Ahnung haben, aber das nicht sagen wollen (Beck). So verkommen die Schicksale von 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zum Wahlkampf-Stunt.

Die andere Frage ist, ob sich Piraten künftig an solchen Veranstaltungen überhaupt beteiligen sollten. Jetzt hatte ich das Glück, neben Frau Illner sitzen zu können und sah viele vorbereitete Fragen an mich. Eine davon: „Herr Lauer, kann man über die Euro-Rettung via Internet abstimmen?“ - diese wurde mir nicht gestellt. Allerdings auch interessant, dass man zumindest erwogen hatte, dem Mitglied einer 8,9 Prozent starken Oppositionsfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus die Frage zu stellen, ob man über die Euro-Rettung im Internet abstimmen kann. Andere Fragen wurden mir gestellt. Der Klassiker: „Herr Lauer, Sie fordern WLAN für alle“ - das fordert jetzt selbst Wowereit in seinem Rot-Schwarzen Koalitionsvertrag -, „fahrscheinlosen Nahverkehr und ein bedingungsloses Grundeinkommen, aber: Wer soll das bezahlen?“ Die Frage aus dem Mund einer Moderatorin, die für eine Rundfunkanstalt arbeitet, die jährlich rund 1,8 Milliarden Euro aus einer gemeinsamen Umlage bekommt, die alle Bürger, die ein Empfangsgerät besitzen, bezahlen müssen, ist bemerkenswert.

Es geht in solchen Situationen nicht mehr darum, Standpunkte auszutauschen. Man verkommt zum Abziehbild und wird zum Teil einer Performance, die wenig mit der Realität zu tun hat. Warum tun wir Piraten uns solche Situationen an? Sowohl ein Will-Auftritt, der vermeintlich gut lief, als auch ein Illner-Auftritt, der vermeintlich nicht gut lief, zementieren ein Bild von Politik und Politikern, das wir ablehnen. Selbst vermeintlich richtig auf diese Fragen zu antworten fühlt sich falsch an.

Das Thema der Sendung war übrigens der Schuldenstaat. Mir wurde gesagt, ich solle zu der Forderung der Piraten in Berlin sprechen, der Deutschen Oper die Mittel zu streichen, um damit die freie Berliner Kulturszene zu retten. Ich hätte auch etwas über den Haushalt des Innensenators sagen können und dazu, dass die Polizei im Winter die Berliner Stadtreinigung beauftragen muss, bei Staatsbesuchen den Schnee zu räumen, dass hier also am falschen Ende gespart wird. Wir hätten über Bürgerhaushalte reden können, wie es sie in Solingen, Berlin-Lichtenberg und Münster gibt, wo gemeinschaftlich gespart wird, und dass in dem Moment, wo Bürgerinnen und Bürger entscheiden können, auch die Bereitschaft da ist, es zu tun. Die einzig sinnvolle Variante wäre für mich wahrscheinlich gewesen, direkt zu Anfang einen Kinski zu pullen und nach Becks erstem Schlagabtausch das Studio zu verlassen. Wieder was dazugelernt.

Weitere Themen

Zu viel des Guten

TV-Kritik: „Maischberger“ : Zu viel des Guten

Sandra Maischbergers erste Sendung 2020 gerät zum wilden Ritt durch die Themen: Von den britischen Royals zu den iranischen Mullahs, von Buschbränden bis zum Dschungelcamp kommt alles vor. Mit teils erschreckenden Folgen.

Berlinale vor Jubiläums-Festival Video-Seite öffnen

Neues Führungsduo : Berlinale vor Jubiläums-Festival

Knapp einen Monat vor Eröffnung der 70. Internationalen Filmfestspiele besuchten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Produktion der Berlinale-Bären. Unterdessen sorgt der Jury-Präsident Jeremy Irons für Schlagzeilen.

Topmeldungen

Arbeitgeber in Panik : Keiner kennt die Kosten der Grundrente

1,5 Milliarden Euro könnten für die Grundrente womöglich nicht ausreichen, fürchten die Arbeitgeber. In der Union rumoren die Parlamentarier. Doch die Unions-Minister unternehmen keine hörbaren Anstrengungen mehr.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.