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Pierre Omidyars Pläne : Journalismus im Stil von Silicon Valley

  • -Aktualisiert am

Auf der Suche nach dem Journalismus der Zukunft: Pierre Omidyar Bild: AFP

250 Millionen Dollar ist Pierre Omidyar sein neues Projekt mit Glenn Greenwald wert. Eine neue Form des Journalismus soll daraus werden. Aber auch ein neues Massenmedium hat der Ebay-Gründer offenbar im Sinn.

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          Es schien ihm die Zeit zu handeln. Seit 15 Jahren sehe er die Geschäftsmodelle des Journalismus zusammenbrechen. In diesem Jahr sei nicht nur der wirtschaftliche Druck gewachsen, es habe auch auf politischer Ebene eine neue Eskalationsstufe gegeben. Westliche Politiker hätten Journalisten als Terroristen gebrandmarkt. Beamte seien in Redaktionen eingefallen, um Datensätzen vernichten zu lassen und sich mit drohendem Unterton nach dem Inhalt zukünftiger Artikel zu erkundigen. Pierre Omidyar, Gründer von Ebay und bis heute Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens, wollte da nicht länger mit der Suche nach einem neuen Modell für den Journalismus warten und ergriff die Initiative. Um nichts weniger als die Rettung der Demokratie sei es ihm dabei gegangen. Ob daraus später einmal ein Geschäftsmodell werden könne, das wisse er heute noch nicht.

          Das sagte Omidyar am Mittwoch dem New Yorker Journalismusprofessor Jay Rosen. Nur wenige Stunden zuvor war bekannt geworden, dass Omidyar mit Glenn Greenwald und Laura Poitras zusammengetroffen war, um über dieses neue Modell des Journalismus zu reden. Am 5. Oktober habe man sich geeinigt, gemeinsam daran zu arbeiten. Die Idee hatte Omidyar schon Wochen zuvor entwickelt. Omidyar bekannte gegenüber Rosen auch sein  Interesse an der „Washington Post“, als diese im August einen neuen Investor suchte. Hier hatte Omidyar noch Amazons Jeff Bezos den Vortritt lassen müssen.

          Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald
          Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald : Bild: AP

          Klar ist dagegen das finanzielle Volumen des neuen Unternehmens.  250 Millionen Dollar sollen in die neue Redaktion fließen, berichtete Rosen nach dem Gespräch mit Omidyar. Um das Geschäftsmodell des neuen Unternehmens, dessen Namen noch nicht enthüllt wurde, brauche sich demnach niemand zu sorgen. Im Mittelpunkt stünden andere Überlegungen. Glenn Greenwald soll eine Redaktion aufbauen, die die Bloggermentalität einzelner Autoren mit der Technikaffinität eines Silicon-Valley-Startups verbindet. Die Reputation und Expertise des einzelnen Journalisten soll durch Rechts- und Recherchehilfe, nützliche Technologien und Geld gestützt und geschützt werden.

          Was nach der Beschreibung ganz normaler Redaktionsarbeit klingt, wird von Omidyar aber offenbar anders herum verstanden. Es gehe weniger um die Etablierung einer Institution als um die Unterstützung einzelner Journalisten. Jeder solle im Rahmen seiner Fähigkeiten arbeiten. Der investigative Journalismus werde zentral sein, doch diese Tätigkeit „der Nische“ soll nicht allein stehen. Wie im Silicon Valley üblich, soll sich das Angebot an einem Markt orientieren und auf die Interessen der Nutzer Rücksicht nehmen.

          Die Macht des Einzelnen stärken

          Omidyar gründet sein neues Unternehmen als Startup. Er möchte es es wie damals Ebay ohne Orientierung an bestehenden Modellen aufbauen. Ein Printprodukt habe er nie in Erwärgung gezogen, sagte Omidyar gegenüber Rosen. Er will das Unternehmen auch abgrenzen von der Idee eines Massenmediums, die er offenbar auch verfolgt. Omidyar geht es nach eigenen Worten um das Verhältnis der Journalisten zu ihren Lesern. Dabei will er den Einzelnen viel stärker gewichten. Er selbst machte die Erfahrung, von der Washington Post direkt angesprochen zu werden, Glenn Greenwald aber über Monate nicht erreichen zu können. Das wertete er offenbar als Indiz für die Überlegenheit des Einzelnen über die Organisation.

          Pierre Omidyars Investition ist eine Abwandlung des Hobbys einiger amerikanischer Milliardäre. Warren Buffett kaufte im vergangenen Jahr mehr als 60 Lokal- und Regionalzeitungen für mehr als dreihundert Millionen Dollar. Jeff Bezos erwarb im August die „Washington Post“ für 250 Millionen Dollar. Diese Investitionen warfen unter Beobachtern die Frage nach ihrem Sinn auf. Jeff Bezos, so vermuteten damals viele, gehe es eher um das Vertriebsmodell Tageszeitung als um die Arbeit der Redaktion. Solchen Zweifeln begegnete Omidyar am Mittwoch konfrontativ. Er könne nicht länger mit ansehen, wie die Geschäftsmodelle scheiterten, während die Bedeutung das Journalismus wachse, sagte er. Durch die Vorabfinanzierung bekannter und unabhängiger Journalisten, solle es nun wieder um Journalismus gehen und nicht ums Geschäft.

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