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Pierre Omidyar : Jeder schreibt für sich

  • -Aktualisiert am

Neue Pläne für den Journalismus aus Sorge um die Demokratie: Pierre Omidyar Bild: AP

Mit den Plänen von Ebay-Gründer Pierre Omidyar erreicht das Silicon-Valley-Denken den Journalismus. Sein Projekt mit Glenn Greenwald versucht ein gesellschaftliches Problem individuell zu lösen.

          3 Min.

          Schon dreimal war Jeff Bezos Pierre Omidyar einen Schritt voraus. Bezos gründete Amazon ein Jahr früher als Omidyar Ebay, und er führte sein Unternehmen ebenso ein Jahr früher an die Börse. Milliardäre sind freilich beide geworden, aber auch in der Frage, was mit dem Geld anzufangen sei, war Bezos einmal mehr schneller. Er bekam im August dieses Jahres für 250 Millionen Dollar den Zuschlag für die „Washington Post“, für die Omidyar mitbot. Bezos sicherte der ratlosen Verlegerfamilie Graham zu, „erfinderisch“ zu sein.

          Tatsächlich erfinderisch war zuvor allerdings Omidyar. Er orientierte sich, als das Internet in den Startlöchern war, nicht an dessen Wachstumszahlen, um sie mit Hilfe eines Versandhandels in Geld umzumünzen. Omidyar verwandelte mit Ebay stattdessen jedes Wohnzimmer in ein Warenlager und gab jedem Menschen die Möglichkeit, Kaufmann seiner selbst zu sein – was ohne Internet tatsächlich unmöglich war. Mit diesem Elan und dem zuvor für die „Washington Post“ verplanten Geld begab sich Pierre Omidyar nun auf die Suche nach dem neuen Journalismus und nach Glenn Greenwald.

          Zum Handeln gezwungen

          Erreicht habe er den in Brasilien lebenden Enthüllungsjournalisten lange nicht, sagte Omidyar am Donnerstag. Aber nun, da früher als geplant bekanntgeworden sei, dass Greenwald den „Guardian“ für Omidyars „traumhaftes Angebot“ verlassen werde, könne er auch öffentlich über seine Idee reden. Dem New Yorker Journalismusprofessor Jay Rosen, der ihn als Erster befragte, erzählte Pierre Omidyar von seinen Sorgen. Mit Erschrecken habe er die Entwicklungen des Sommers verfolgt, in dem Edward Snowden den Mut für seine Enthüllungen über die Arbeitsweise der Geheimdienste fasste – und die Medienhäuser und Journalisten, die anhand der geheimen Dokumente darüber berichteten, öffentlich angefeindet wurden. Es gehe ihm, so Omidyar, um den Schutz der Demokratie, die bedroht sei, wenn Politiker Journalisten als Terroristen oder deren Unterstützer brandmarkten und Behörden Redaktionen aufsuchten, um die Vernichtung von Daten zu verlangen, und in die legitime, verfassungsrechtlich geschützte Berichterstattung einzugreifen versuchten.

          Da dieser staatliche Druck nun zusammenfalle mit dem Kollaps der Geschäftsmodelle des Journalismus, sah er sich zum Handeln gezwungen. Gemeinsam mit Greenwald, der Filmemacherin Laura Poitras, die von Beginn an mit Greenwald an den NSA-Dokumenten arbeitete, und dem Journalisten Jeremy Scahill – die ihrerseits an Ideen arbeiteten –, habe er sich am 5.Oktober auf die Zusammenarbeit geeinigt, sagte Omidyar.

          Sorge um die Demokratie

          Die Ideen des institutionellen Journalismus, die sich gerade auflösen, sind in den darauffolgenden Beschreibungen Omidyars allerdings kaum wiederzufinden. Ihm gehe es um die Verknüpfung der Bloggermentalität mit der Technikaffinität eines Silicon-Valley-Unternehmens, sagte Omidyar. Er habe Greenwald beauftragt, eine Redaktion aufzubauen, die einzelnen Journalisten die Freiheit für ihre Tätigkeit geben, ihnen allerdings mit Rechts- und Recherchehilfen, Technologien und Geld den Rücken freihalten soll. Der Kern der noch unbenannten Unternehmung sei die Expertise und Reputation der einzelnen Autoren. Selbstbewusste und unabhängige Kollegen seien nun gefragt. Der investigative Journalismus soll im Zentrum stehen, gerahmt von einem breiteren massenmedialen Angebot.

          Dafür greift Omidyar auch auf eigene Erfahrungen zurück. Vor drei Jahren gründete er in seiner Heimat Honolulu die werbefreie, leserfinanzierte Nachrichtenseite „Civil Beat“. Seit diesem Jahr kooperiert er mit der „Huffington Post Hawaii“, die auf einer gänzlich anderen Finanzierung beruht. Ein zufriedenstellendes Geschäftsmodell habe er auch diesmal nicht, sagte Omidyar. Die Suche solle auch nicht im Vordergrund stehen.

          Reputation als Währung

          Damit beantwortet Omidyar eine wichtige Frage. Anders als John Henry, der den „Boston Globe“ jüngst als persönliches Schmuckstück neben der städtischen Baseballmannschaft kaufte, und auch anders als Warren Buffett, der im vergangenen Jahr mehr als dreißig Zeitungen kaufte, um der Investition Renditen folgen zu lassen, gehe es Omidyar um den Schutz der Demokratie und erst in zweiter Linie um neue Finanzierungsmodelle für journalistische Organisationen. Er verbindet mit Journalismus demnach zumindest eine Idee, während Jeff Bezos die Öffentlichkeit über dessen Kauf der „Washington Post“ weiterhin rätseln lässt. Gerüchten nach geht es ihm tatsächlich kaum um mehr als um das Studium des Vertriebsmodells Tageszeitung, das noch immer schneller ist, als der Warenvertrieb.

          Die Reaktionen fielen entsprechend positiv aus. Omidyar gilt als Philanthrop, seit 2004 fördert er mit seinem Vermögen soziale Initiativen. Die Freude wird jedoch getrübt von der Einsicht, dass auch die nächste Journalismus-Idee wieder zwischen Ausbeutern und Mäzenen entschieden wird. Wie bei der „Huffington Post“ basiert Omidyars Modell auf persönlicher Reputation als Währung, die das Geld ersetzt. Es ist dadurch allenfalls eine individuelle Lösung für ein Problem, dass auch Omidyar als gesellschaftliches beschreibt.

          Arianna Huffington gratulierte bereits. Sie erhoffe sich Innovationen von Omidyars Initiative und freut sich auf den Beitrag. Zu Recht. Denn die „Huffington Post“ leistet ihren Beitrag. Sie ködert junge Autoren mit dem Versprechen der Reputation. Wer von ihnen auf Geld so wenig angewiesen ist wie die Milliardäre des Silicon Valley, wird die Reputation später an Greenwalds Seite einlösen können.

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