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Verhaftet in Belarus : Wer hat hier Angst vor wem?

  • -Aktualisiert am

Fürchten sie die Ächtung der Gesellschaft? Die Schlägerpolizisten in Belarus treten nur maskiert auf. Bild: AFP

Die belarussische Philosophin Olga Shparaga war am Wochenende verhaftet worden und berichtet nun von ihren Erfahrungen. Bezeichnend fand sie es, dass selbst im Gefängnis alle Aufseher maskiert waren.

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          Die belarussische Philosophin Olga Shparaga, die dem oppositionellen Koordinationsrat angehört und am Sonntag in Minsk bei einem Protestmarsch verhaftet worden war, hat mit einem Facebook-Post über ihre Beobachtungen während ihrer kurzen Haft ein großes Echo bei ihren Landsleuten gefunden. Die Ordnungskräfte hätten vor allem Männer festgehalten, so Shparaga, darunter ihren Mann, den Philosophen Alexander Adamjanz, der das European College of Liberal Arts in Belarus leitet. Sie habe ihn nicht alleinlassen wollen – und dann als Wissenschaftlerin unschätzbares Material gesammelt.

          Im Gefangenentransporter habe ein Polizist die Männer angebrüllt und einige von ihnen geschlagen, berichtet Shparaga. Sie habe auch die Arbeit der „Tichari“ oder „Heimlichtuer“, wie die in Zivil gekleideten anonymen Mitarbeiter von Sicherheitsbehörden genannt werden, studieren können. Der Gefangenentransporter habe unterwegs angehalten, und die Ordnungshüter seien mit dem Ruf „An die Arbeit!“ herausgesprungen und hätten neue Häftlinge eingefangen. Auf der Polizeidienststelle, wo die Festgenommenen durchsucht und Protokolle aufgesetzt wurden, habe Chaos geherrscht, die Beamten hätten einander beschimpft, bezeugt Shparaga. Bezeichnend findet sie es, dass von den mehr als dreißig Personen, die mit ihr verhaftet wurden, fast alle einen Hochschulabschluss hätten.

          Maskierte Ordnungshüter sollen enttarnt werden

          Shparaga wurde mit einigen anderen nachts ins Strafgefängnis Schodino außerhalb von Minsk gebracht, wobei alle, wie sie betont, behandelt wurden, als seien sie besonders gefährliche Verbrecher: Sie mussten die Hände hinterm Kopf verschränken, ganz eng an der Wand stehen, nah am Nebenmann gehen. Die entsprechenden Kommandos wurden gebrüllt und mit Flüchen bekräftigt. Zugleich fiel Shparaga auf, dass selbst im Gefängnis die Aufseher Sturmmasken trugen. Die Frage dränge sich auf, wer hier eigentlich vor wem Angst habe. Damit spielt die Philosophin darauf an, dass die gewalttätigen Sonderpolizisten panisch reagieren, wenn sie ihren Gesichtsschutz verlieren und erkannt werden können.

          Unlängst kündigte der in Los Angeles lebende belarussische Computerspieldesigner Andrew Maximow an, er entwickle einen Gesichtserkennungsalgorithmus, der die Identität maskierter Ordnungshüter enttarnen könne. Zuvor hatte der aus Sibirien nach Minsk gezogene Kryptowährungsexperte Jewgeni Romanenko gemeldet, dass die Daten und Gesichter von rund der Hälfte der staatlichen Häscher inzwischen bekannt seien. Solche Leute würden von der Gesellschaft geächtet, sagt Romanenko, für den es nur eine Frage der Zeit ist, wann in diesem Krieg von „Neandertalern“, die mit Schlagstöcken auf IT-Partisanen losgehen, die Letzteren siegen werden.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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