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Neue David-Simon-Serie : Es war vielleicht in Amerika

Newark, 1940: Philip Levin (Azhy Robertson) und sein Vater (Morgan Spector) erleben den Aufstieg eines rechtsradikalen Regimes in ihrem Land. Bild: HBO

Was, wenn die Vereinigten Staaten einen Faschisten zum Präsident gewählt hätten? David Simon adaptiert Philip Roths „The Plot Against America“ als Serie. Kein Spiel mit historischen Analogien – ein Appell, sich einzumischen.

          4 Min.

          Als David Simon das Angebot bekam, eine Serie aus Philip Roths Roman „The Plot Against America“ zu machen, lehnte er ab: Barack Obama war soeben als Präsident wiedergewählt worden, und Simon hielt den Stoff dieses kontrafaktischen Romans – statt Roosevelts wird im Jahr 1940 der Antisemit Charles Lindbergh ins Weiße Haus gewählt, worauf Amerika in einen Abgrund aus Rassenhass taumelt – zwar für faszinierend, aber aus der Zeit gefallen. Immerhin hatten die Vereinigten Staaten ihren ersten schwarzen Präsidenten gerade erst im Amt bestätigt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und jetzt aber, kurz vor der nächsten Wahl eines amerikanischen Präsidenten, der erneut Donald Trump heißen könnte, ist Simons sechsteilige Serie auch auf Deutsch zu sehen: Anfang 2018 war bekanntgeworden, dass Simon, berühmt geworden mit der Dealer-und-Polizisten-Serie „The Wire“, sich umentschieden und den Roman doch für seinen Haussender HBO adaptiert hatte. So schnell ändern sich die Zeiten für historische Analogien.

          Als Roths Roman im September 2004 erschien, hatte man ihn noch als Parabel auf die Herrschaft George W. Bushs gelesen. Der sich damals ebenfalls gerade der Wiederwahl stellte (und sie gewann). Bushs populistisches Werben um das amerikanische Heartland, die Einrichtung der „Homeland Security“ nach dem 11. September, die antimuslimische Stimmung nach den Anschlägen, das Waterboarding als legitimes Mittel im Verhör von Terroristen: All das konnte man damals verstehen wie reale Echos auf Roths historische Dystopie.

          Heute wiederum, da Trump im Weißen Haus regiert, ist aus dem gleichen George W. Bush so etwas wie der gute Republikaner geworden. Das ist er zwar nie gewesen, im Gegenteil haben sich in seiner Amtszeit die rechtskonservativen, nationalen Tendenzen in seiner Partei formieren können, die Trump jetzt immer weiter verschärft. Aber im Lichte des jetzigen Amtsinhabers wirkt vieles milder, und tatsächlich gehört Bush ja zu den wenigen Mitgliedern des republikanischen Establishments, die Trump offen kritisieren.

          „The Plot Against America“ erzählt die Geschichte der jüdischen Familie Levin aus Newark, in der man die Umrisse der Familie Roth sofort erkennen kann (in der Romanvorlage heißt sie auch genauso). Der Vater, Herman Levin, ist ein Versicherungsvertreter bei Met Life. Die Mutter, Bess, arbeitet in einem Kaufhaus downtown. Der ältere Sohn der Levins, Sandy, ist ein ziemlich guter Zeichner, der jüngere, Philip, ist kaum älter als zehn und sammelt Briefmarken.

          Für Philip ist die Welt, was seine Familie ist, und nur langsam entdeckt er, dass es um die Wohnung der Levins in der Dewey Street von Newark herum noch mehr zu entdecken gibt.

          Der blonde, antisemitische Pilotenheld

          Philip zieht es in diese Welt hinaus, zugleich drängt die Welt aber in seine Familie hinein: Es ist 1940. Hitler hat Europa in einen Krieg gestürzt. Und Charles Lindbergh, der blonde Pilotenheld aus dem Mittleren Westen, der 1927 im Alleinflug der Atlantik überquert hatte, gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen den Demokraten Roosevelt: mit dem Versprechen, die Vereinigten Staaten aus diesem Krieg herauszuhalten. (In Wahrheit sind die beiden nie gegeneinander angetreten, Roosevelt hat 1940 gegen Wendell Willkie gewonnen.)

          Das ist die Ausgangslage des Romans und dieser Serie. Im Grunde hat Roth eine historische Variante von seiner eigene Familiengeschichte abgezweigt, um den Plot in Gang zu bringen – und den Lauf der Dinge zu ändern. Die Ausgangslage ist historisch verbrieft: Lindbergh hatte zu Kriegsbeginn tatsächlich Zehntausende Amerikaner zu Kundgebungen gelockt, auf denen er sich gegen die Entsendung von Truppen nach Europa aussprach; zu seinem „America First Committee“ gehörte auch Henry Ford, Pionier der Fließbandarbeit und Antisemit.

          In Roths Dystopie wird Ford später zu Lindberghs Innenminister, während die ersten Synagogen brennen, der Ku-KluxKlan im Mittleren Westen Juden lyncht, ein kritischer Journalist erst mundtot gemacht und dann umgebracht wird. Und Hitlers Außenminister Ribbentrop auf Staatsbesuch im Weißen Haus Walzer tanzt – und zwar mit Evelyn, der Tante des kleinen Philip.

          In „The Plot Against America“ drängt sich nämlich nicht nur die Geschichte in die Familie Levin hinein, sondern zugleich auch die Familie Levin in die Geschichte: Tante Evelyn und ihr Mann, Rabbi Lionel Bengelsdorf, gehören zum Beraterstab von Präsident Lindbergh.

          Absorption und Deportation 

          Sie arbeiten für das „Office of American Absorption“, das zuständig ist für die Landverschickung jüdischer Kinder in den Mittleren Westen, wo das „wahre Amerika“ zu Hause ist – und später für die Umsiedlung ganzer Familien. „Homestead 42“ nennt Lindbergh das Projekt, Deportation trifft es besser.

          Tante Evelyn wird hier gespielt von Winona Ryder, Bengelsdorf von John Turturro, und das sind nur die prominentesten Besetzungen in einer Serie, die bis in die letzte Rolle von großen schauspielerischen Leistungen getragen wird: angefangen mit Azhy Robertson, der den kleinen Philip spielt und aus dessen Augen die Verwunderung, Neugier, und Angst eines Jungen sprechen, über dem nach und nach die Welt einstürzt. Philips Vater wird gespielt von Morgan Spector, seine Mutter von der herausragenden Zoe Kazan.

          Bess Levin, gespielt von der herausragenden Zoe Kazan.

          Im Grunde halten Paare diese Serie in den Händen: hier Herman und Bess, dort Evelyn und ihr Rabbi. Hier der immer noch brandneue amerikanische Traum von einem Land, in dem Aufrichtigkeit, guter Wille, Lauterkeit und Rechtstreue walten – und dort die freien Kräfte der Selbstverwirklichung, verkörpert von Evelyn und Lionel: zwei Spieler, die, wenn man es gut mit ihnen meint, daran festhalten, dass man religiöse Bindungen hinter sich lassen kann, auf dem Weg nach oben. Die am Ende aber einfach nur karrieristische Aufsteiger sind. Und dabei mitwirken, die Vereinigten Staaten den Rassisten in die Hände zu geben.

          Je länger Simons Serie dauert, die etwas Anlauf braucht, um ihren Sog zu entfalten, desto stärker tritt die Frage in den Hintergrund, ob „The Plot Against America“ nun eine historische Analogie auf gegenwärtige Verhältnisse ist oder nicht. Manche Formeln des faschistischen Amerikas, das sich Roth ausgedacht hat, klingen in der Tat vertraut: „Heute haben wir uns Amerika zurückgeholt“, ruft Lindbergh, als er zum Präsidenten gewählt worden ist – eine Parole, welche die real existierenden Republikaner im Augenblick ausgegeben hatten, da Obama 2009 ins Weiße Haus einzog.

          Aber die eigentliche Stärke dieser Serie liegt gerade nicht in der Konstruktion von Verbindungen aus einer amerikanischen Vergangenheit, die es so nicht gab, in eine amerikanische Gegenwart, deren populistische und rassistische Tendenzen tatsächlich alarmierend sind: Es ist vielmehr die eindringliche Rekonstruktion dieses einen, wahren historischen Augenblicks, in dem die Vereinigten Staaten 1940 vor einer Entscheidung standen.

          Sie haben sich damals für Roosevelts dritte Amtszeit entschieden, und damit für die Einmischung. Und wenn sich diese Serie für irgendetwas starkmacht, dann, auf eine menschliche und gar nicht ideologische Weise, für die Einmischung. Dafür, die Dinge nicht sich selbst zu überlassen. Was wahrhaft amerikanisch ist, wie diese Geschichte suggeriert.

          Die stärksten Szenen in dieser Serie spielen deswegen auch zwischen Menschen, nicht Politikern, sie gehören den Eltern des kleinen Philip: „Ob es dir passt oder nicht“, sagt Bess, als die ersten jüdischen Einrichtungen brennen, es ist 1942 in diesem alternativen, abgründigen, unerträglichen Amerika, „aber Lindbergh lehrt uns, was es heißt, Juden zu sein. Wir glauben nur, dass wir Amerikaner sind.“ – „Nein“, antwortet Herman, „die glauben, dass wir nur glauben, dass wir Amerikaner sind.“ In der letzten Folge wird dann wieder gewählt. Und zittert man mit Roosevelt um den Sieg. Und zittert weiter.

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