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Neue David-Simon-Serie : Es war vielleicht in Amerika

In Roths Dystopie wird Ford später zu Lindberghs Innenminister, während die ersten Synagogen brennen, der Ku-KluxKlan im Mittleren Westen Juden lyncht, ein kritischer Journalist erst mundtot gemacht und dann umgebracht wird. Und Hitlers Außenminister Ribbentrop auf Staatsbesuch im Weißen Haus Walzer tanzt – und zwar mit Evelyn, der Tante des kleinen Philip.

In „The Plot Against America“ drängt sich nämlich nicht nur die Geschichte in die Familie Levin hinein, sondern zugleich auch die Familie Levin in die Geschichte: Tante Evelyn und ihr Mann, Rabbi Lionel Bengelsdorf, gehören zum Beraterstab von Präsident Lindbergh.

Absorption und Deportation 

Sie arbeiten für das „Office of American Absorption“, das zuständig ist für die Landverschickung jüdischer Kinder in den Mittleren Westen, wo das „wahre Amerika“ zu Hause ist – und später für die Umsiedlung ganzer Familien. „Homestead 42“ nennt Lindbergh das Projekt, Deportation trifft es besser.

Tante Evelyn wird hier gespielt von Winona Ryder, Bengelsdorf von John Turturro, und das sind nur die prominentesten Besetzungen in einer Serie, die bis in die letzte Rolle von großen schauspielerischen Leistungen getragen wird: angefangen mit Azhy Robertson, der den kleinen Philip spielt und aus dessen Augen die Verwunderung, Neugier, und Angst eines Jungen sprechen, über dem nach und nach die Welt einstürzt. Philips Vater wird gespielt von Morgan Spector, seine Mutter von der herausragenden Zoe Kazan.

Bess Levin, gespielt von der herausragenden Zoe Kazan.

Im Grunde halten Paare diese Serie in den Händen: hier Herman und Bess, dort Evelyn und ihr Rabbi. Hier der immer noch brandneue amerikanische Traum von einem Land, in dem Aufrichtigkeit, guter Wille, Lauterkeit und Rechtstreue walten – und dort die freien Kräfte der Selbstverwirklichung, verkörpert von Evelyn und Lionel: zwei Spieler, die, wenn man es gut mit ihnen meint, daran festhalten, dass man religiöse Bindungen hinter sich lassen kann, auf dem Weg nach oben. Die am Ende aber einfach nur karrieristische Aufsteiger sind. Und dabei mitwirken, die Vereinigten Staaten den Rassisten in die Hände zu geben.

Je länger Simons Serie dauert, die etwas Anlauf braucht, um ihren Sog zu entfalten, desto stärker tritt die Frage in den Hintergrund, ob „The Plot Against America“ nun eine historische Analogie auf gegenwärtige Verhältnisse ist oder nicht. Manche Formeln des faschistischen Amerikas, das sich Roth ausgedacht hat, klingen in der Tat vertraut: „Heute haben wir uns Amerika zurückgeholt“, ruft Lindbergh, als er zum Präsidenten gewählt worden ist – eine Parole, welche die real existierenden Republikaner im Augenblick ausgegeben hatten, da Obama 2009 ins Weiße Haus einzog.

Aber die eigentliche Stärke dieser Serie liegt gerade nicht in der Konstruktion von Verbindungen aus einer amerikanischen Vergangenheit, die es so nicht gab, in eine amerikanische Gegenwart, deren populistische und rassistische Tendenzen tatsächlich alarmierend sind: Es ist vielmehr die eindringliche Rekonstruktion dieses einen, wahren historischen Augenblicks, in dem die Vereinigten Staaten 1940 vor einer Entscheidung standen.

Sie haben sich damals für Roosevelts dritte Amtszeit entschieden, und damit für die Einmischung. Und wenn sich diese Serie für irgendetwas starkmacht, dann, auf eine menschliche und gar nicht ideologische Weise, für die Einmischung. Dafür, die Dinge nicht sich selbst zu überlassen. Was wahrhaft amerikanisch ist, wie diese Geschichte suggeriert.

Die stärksten Szenen in dieser Serie spielen deswegen auch zwischen Menschen, nicht Politikern, sie gehören den Eltern des kleinen Philip: „Ob es dir passt oder nicht“, sagt Bess, als die ersten jüdischen Einrichtungen brennen, es ist 1942 in diesem alternativen, abgründigen, unerträglichen Amerika, „aber Lindbergh lehrt uns, was es heißt, Juden zu sein. Wir glauben nur, dass wir Amerikaner sind.“ – „Nein“, antwortet Herman, „die glauben, dass wir nur glauben, dass wir Amerikaner sind.“ In der letzten Folge wird dann wieder gewählt. Und zittert man mit Roosevelt um den Sieg. Und zittert weiter.

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