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Internetkonferenz Re:publica : Hacker wie du und ich

Von vorne wie von hinten: Eine Demonstrantin in Baltimore trägt die Guy-Fawkes-Maske. Bild: Imago

Kennen Sie die ganz besondere Spezies der „Hacktivisten“? Sie sind zahlreich, die meisten aber bleiben unerkannt. Was bewirken sie? In Berlin geht man dem Phänomen auf den Grund.

          Von all den geheimnisvollen Stämmen der Moderne, die eine gestandene Anthropologin erforschen kann, gehören Hacker und Hacktivisten zu den wohl flüchtigsten. Gabriella Coleman von der McGill University in Chicago hat sich dieser scheuen Spezies zugewendet, ihr Spezialgebiet ist das ohnehin sehr unscharfe Kollektiv „Anonymous“.

          Auf der Internet-Konferenz Re:publica führte sie aus, wie unscharf die Trennung zwischen „Aktivist“ und „Terrorist“ durch die Obrigkeiten oft ist. In Zeiten, in denen – wie in Frankreich – die Bezeichnung „Pre-Terrorist“ für Personen eingeführt wurde, die sich bislang nichts zuschulden kommen ließen, aber verdächtig sind, landet man schnell auf einer schwarzen Liste. Dass es Anonymous gelungen ist, dem Verdacht des Cyberterrorismus weitgehend entkommen zu sein, ist erstaunlich, denn natürlich sind die Aktivitäten von Anonymous verdächtig.

          Anonymous als schwarzes Loch

          Das mag auch daran liegen, dass Anonymous aus einem identitären schwarzen Loch besteht – kein Name, kein Mensch ist greifbar –, sich aber mit starken Symbolen umgibt. Das wichtigste ist die Guy-Fawkes-Maske. Auch deren Karriere, so Gabriella Coleman, sei erstaunlich. Schon im 19.Jahrhundert mutierte diese Figur vom Hochverräter zum Actionhelden viktorianischer Jugendbücher. Mit dem Comic und erst recht mit dem Film „V for Vendetta“ nach Alan Moore wurde die Guy-Fawkes-Maske zum Bestandteil der Popkultur, nun endgültig positiv konnotiert. Und gesellschaftlich vollends akzeptabel erschien sie, als polnische Abgeordnete mit Fawkes-Masken im Parlament gegen das Handelsabkommen „Acta“ protestierten.

          Regierungen legen fest, wer ein „Terrorist“ ist, und Anonymous ist dem entgangen. Es gibt aber auch in der Hacktivistenszene immer wieder Abgrenzungsbemühungen, schließlich bedienen sich eindeutig terroristische Gruppierungen wie der „Islamische Staat“ der Waffen des Cyberkriegs. Allerdings sind die meisten Hacker eher antiautoritär geprägt, wie Frank Rieger vom Chaos Computer Club auf der Re:publica sagte.

          Doch welche Kontur hat das Phänomen des „Hacktivism“ nun? Die einstmals recht geschlossene Hackerszene, die in den achtziger Jahren noch in ein Vereinsheim passte, ist heute sehr groß und sehr divers. Und je mehr ihr Thema – der Kampf gegen digitale Monopole – ins Zentrum der Gesellschaft rückt, sagte Rieger, desto politischer werde der Hacktivismus. Und der diskutiert auch intern darüber, was legitim ist und was nicht: Wie akzeptabel sind DDOS-Attacken gegen die Websites großer Konzerne? Legitim und effektiv, sagt Gabriella Coleman, denn diese großen Player verstummten ja nicht, sie hätten die Mittel, sich über andere Kanäle zu äußern. Ja, sagt Frank Rieger, aber der DDOS-Angriff (bei dem ein Rechner von vielen Computern aus mit Anfragen und fehlerhaften Inhalten bombardiert wird), sei eben auch ein eher plumpes Mittel. Es geht nicht nur um den Kampf, es geht auch um den Stil, um Kreativität und Humor. Denn das Ziel ist auch Außenwirkung, ist Medienpräsenz.

          Auch in Guatemala City setzen Demonstranten beim Protest gegen politische Korruption auf den Look von Anonymous.

          Da ist es schwierig, mehr zu erreichen als nur einen kurzen Augenblick der Aufmerksamkeit. Denn am Ende will man etwas verändern. Besonders gut gelingt dies offenbar, wo man es nicht erwartet: Gabriella Coleman nennt die Gruppen „Lulsec Peru“ oder „Redhack Turkey“, die in ihren Ländern gegen Korruption und staatliche Willkür kämpfen. Und die der Verfolgung durch die Regierungen trotzen. Europa indes verfügt über eine deutlich höhere Hackerdichte als die Vereinigten Staaten. Nicht, dass es dort nichts gäbe, gegen das es zu protestieren lohnte. Aber es gehen wohl zu viele in die Silicon-Valley-Betriebe und bestreiten mit ihren Fähigkeiten ein geregeltes Leben. Risikoloser ist das allemal.

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