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Dreißig Jahre „Wendy“ : Das ewige Fohlen

Kleinmädchenromantik: „Wendy“ lesen, gebettet auf Stroh Bild: dpa

Das Pferdemagazin für Kinder, die kein Pferd haben: Die Zeitschrift „Wendy“ ist so etwas wie „Landlust“ für kleine Mädchen. Ihre Themen wiederholen sich – aus guten Gründen.

          Die „Wendy“ wird dreißig, dabei wirkt sie jung wie der Frühling. Trendy Schals! Pferdeposter zum Träumen! Die besten Fohlenmuttis! Sofort muss man sich vorstellen, wie sie beim Egmont Ehapa Verlag zusammensitzen und grübeln: Was schreiben wir diesmal auf den Titel? Nennen wir den Schal jetzt „trendy“ oder „süß“?

          Bestimmt gibt es eine Redakteurin, deren heiligste Aufgabe es ist, die verwendeten Adjektive zu zählen, und die dann beschließt, der Schal müsse „trendy“ sein, weil ja schon die Przedswit-Pferde als „süß, aber selten“ und Covermodel Sisi als „süßes Shetlandpony“ annonciert werden. Die Faustregel „Nur zweimal süß auf dem Cover“ darf nämlich nur in Ausnahmefällen gebrochen werden. Schließlich ist schon die Farbgebung des Heftes nichts für Diabetiker: Wussten Sie, dass es mehr als achthundert Schattierungen der Farbe Pink gibt?

          „Wendy“ ist so etwas wie „Landlust“ für vorpubertäre Mädchen. Nominell zwar für alle Kinder, die Pferde mögen, aber die Zielgruppe der Jungs wird vernachlässigt, wie süße Armbänder und trendy Schals, die dem aktuellen Heft beiliegen, eindeutig zeigen. Aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das durchaus sinnvoll. In Deutschland reiten 1,03 Millionen Frauen und Mädchen, aber nur 140.000 Männer und Jungen.

          Neu! Die erste Ausgabe im Juni 1986 kostete 2,80 Mark und befasste sich auch mit „schnurrenden Stubentigern“. Bilderstrecke

          Die Hauptfigur der Rhapsodie in Rosatönen ist seit zwanzig Jahren ein Mädchen namens Wendy, mit deren Leben sich in jedem Heft der große Comic befasst. Wendy ist ewige fünfzehn Jahre alt, lebt mit ihren Eltern auf dem Gestüt Rosenborg, besitzt zwei Pferde und ein Fohlen, das natürlich immer Fohlen bleibt. Die Geschichten unterscheiden sich nicht groß von denen klassischer Pferderomane wie „Bille und Zottel“: Mal gibt es ein wichtiges Turnier, mal muss irgendwer (im Zweifel ein Pferd) gerettet werden, mal zerstreiten sich Freundinnen und finden wieder zusammen.

          Chefredakteur der Zeitschrift ist seit 2014 Peter Höpfner. Aber das will nicht viel heißen: Höpfner ist unter anderem auch noch für die Egmont-Ehapa-Titel „Sponge Bob“, „Girlfriends“, „Monster High“, „Barbie“ und „Hello Kitty“ verantwortlich. Ein quietschbunter Strauß also. Immerhin erklärt das, warum die Leserinnen im Editorial nicht mit einem Foto des Chefredakteurs begrüßt werden, sondern von der gezeichneten blonden Wendy, die darüber aufklärt, was Covermodel Sisi in ihrer Freizeit macht (Achtung, Spoiler: bald auf ein neues Gestüt umziehen).

          Wer so etwas kauft? Fast 55.000 Menschen, und zwar alle drei Wochen. Sie erfahren Aufregendes aus dem ereignisreichen Leben auf Rosenborg, lernen unbekanntere Pferderassen kennen, bilden sich fort zu Tierschutz und der drängenden Frage, ob Pferde schwimmen können. Etwa vier Jahre lang, dann wächst eine neue Generation heran, während die ehemaligen Leserinnen sich für den rosa Glitzerschweifkram bald schämen. Das ist der Kreislauf des Lebens. Kein Wunder, dass die Geschichten sich zu wiederholen scheinen – und Wendy dennoch gut und gerne sechzig Jahre oder älter werden dürfte.

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