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Probleme bei Sky : Was darstellen, wenn die Welt untergeht?

  • -Aktualisiert am

Auch er tritt auf bei Sky: Bill Hader spielt in der Serie „Barry“ einen Auftragskiller, der, je mehr er dem Schlamassel zu entrinnen sucht, desto tiefer hineingerät. Bild: obs

Knappe Entwicklungszeiten, fehlende Schauspieler: Der Sender Sky kämpft. Gegen Netflix und Amazon muss er sich behaupten. Die Produzenten von Serien, die nicht nur Sky braucht, sind fein raus.

          Wir erleben gerade eine Zeitenwende in der deutschen Fernsehlandschaft“, sagte der Produzent Marco Mehlitz von der Lago Film auf dem „Sky Panel“ am Mittwoch in München. Der Abosender hatte die Macher seiner selbstproduzierten Serien eingeladen, um diese vor geladenen Gästen über die Arbeitsmöglichkeiten bei und mit Sky schwärmen zu lassen. En passant wurden ein paar Personalien und der Start einer neuen Serie verraten.

          Der Produzent Michael Polle (X Filme) kündigte an, dass in der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ der Ton ein anderer werde – nämlich härter und politischer. Sogar ein paar Takte des neuen, verführerischen Soundtracks mit dem Titel „Du bist alles, was ich will“ waren kurz zu hören. In der zweiten Staffel von „Das Boot“, die noch bis zum 27. Juli gedreht wird, taucht ein zweites U-Boot auf, als neue Hauptdarsteller heuern Clemens Schick und Thomas Kretschmann an. Die zweite Staffel sei „immer schwerer als die erste“, sagte Bavaria-Produzent Moritz Polter. Die Entwicklungszeit sei knapper, und man wisse nie, ob man die Schauspieler wieder verpflichten könne. Und schließlich müsse man vollbringen, es bei zurzeit dreißig Grad am Drehort Malta wie Winter aussehen zu lassen.

          Jede verrückte Idee hat eine Chance

          Die nächste neue Serie zu verkünden war dem Fiktionschef von Sky Deutschland, Marcus Ammon, vorbehalten. Er sei, sagte er, schon immer ein Fan von David Schalkos ORF-Serie „Braunschlag“ (2012) gewesen. Nun habe man dessen neuestes Werk eingekauft: „Ich und die anderen“ handelt von einem Mann, der sich insgeheim wünscht, wie sich seine Freunde und Bekannten ihm gegenüber verhalten sollen, und davon, wie das dann auf ihn wirkt, wenn alles nach seinem Willen läuft. Eine Serie von sechs Mal 45 Minuten soll daraus werden, gedreht vom kommendem Frühjahr an in Wien, zu sehen bei Sky Ende 2020. Das Casting, hieß es, laufe unter Hochdruck. Gerade die Hauptrolle müsse „stimmig besetzt sein. Immerhin ist der Hauptdarsteller in jedem Bild zu sehen“, sagte Produzent John Lüftner. Das Projekt habe man einzig und allein Sky angeboten. „Es geht um Empathie und darum, wie sich die Gesellschaft in dieser Person spiegelt. Wir nennen es eine Diskurskomödie, die es bislang in dieser Form noch nicht gibt.“ Und weil es für dieses Ensemblestück um die Spiegelungen der Hauptperson gehe, müsse man eben jemanden finden, der so etwas leisten kann und – für eine so große Sache auch zur Verfügung stehe.

          Das war für die von Sky versammelten Produzenten das Stichwort zu einem der anscheinend drängendsten Probleme der Produktionsbranche in diesem Land: Weil praktisch „Vollbeschäftigung“ herrsche, bekomme man nur mühsam oder gar nicht das Ensemble vor und hinter der Kamera besetzt. Das ziehe höheren finanziellen Aufwand nach sich. Marco Mehlitz, der für Sky „die erste deutsche Horrorserie“ namens „Hausen“ gedreht hat (über ein Haus, dessen Bewohner ungewollt in dessen Macht stehen), meinte, man befinde sich bei hochwertigen Serien preislich und optisch auf der Höhe von Kinoproduktionen.

          Um Engpässe zu überwinden, schlug der Produzent Max Wiedemann ein Fördersystem wie jenes vor, das den amerikanischen Bundesstaat New Mexico unabhängig von Hollywood gemacht habe: „Dort wurde eine Extra-Förderung gezahlt, wenn jemand zum ersten Mal eine Funktion in der Filmcrew bekleidet. Nun ist New Mexico in dieser Hinsicht autark.“ Wiedemann & Bergs Serie „Der Pass“ wird auch eine Fortsetzung erfahren – wieder mit Nikolaus Ofczarek, wie der Schauspieler gegen den Willen seines Produzenten schon verriet. Man habe sich abermals bemüht, die Eigenheiten von Österreichern und Deutschen genau abzubilden. „Wir achten darauf, dass wir mit unseren Projekten geerdet sind“, sagte Max Wiedemann und lobte, dass Sky nichts dagegen hatte, dass man sich in „Der Pass“ auch mit der Denkweise des Täters ausgiebig beschäftigt. Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Schwarz und Weiß lösten sich auf. Hiesige Serienmacher, bemerkte man an dieser Stelle, sind für den Bedarf an Zwischen- und Grautönen, die amerikanische Produktionen seit sehr langem auszeichnen, immer noch dankbar.

          Die Produzentin Hana Geißendörfer, die für Sky die Serie „Souls“ (zu sehen 2021) entwickelt hat über einen Jungen, der behauptet, die wiedergeborene Seele des Piloten eines abgestürzten Flugzeugs zu sein, formuliert es deutlich: „Im Moment kann man gar nicht verrückt genug denken. Jede verrückte Idee hat zurzeit eine Chance.“

          Doch bevor die Runde zum Rundumschlag gegen die Öffentlich-Rechtlichen ausholte, die ja doch nur phantasielos für bestimmte Sendeplätze produzierten, hob Michael Polle hervor, dass man gerade eine besondere Serie fürs ZDF gedreht habe. Er sehe, „dass bei ARD und ZDF, nicht zuletzt durch den Erfolg von ,Babylon Berlin‘ ein ziemlicher Wandel stattfindet. Es gibt heute keine Idee, die man nicht denken darf. Es gibt kein Dogma, wie eine Serie und ein Film zu sein hat. Es geht nur noch darum, wo und wie man die Vision optimal umsetzt.“ Am liebsten selbstverständlich bei Sky. Dessen Fiktionschef Marcus Ammon empfahl seinen Sender weiterhin als Anlaufstelle für Projekte, die in kein Raster passen. Zurzeit sei man auch in Gesprächen über eine Fortsetzung der Serie „Acht Tage“, die sehr gut gelaufen sei. „Doch wie stellst du das dar, wenn die Welt untergegangen ist?“, fragte Ammon. Genau darüber redet man gerade.

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