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Pauli als Fotomodel : Das Teufelsweib im Stretchmini

Höhere Ämter wird die CSU ihr nun kaum mehr antragen wollen Bild: AP

Ein öffentliches Begräbnis erster Klasse: Die Fotos, die Gabriele Pauli von sich in Tüll, Seide und Latex schießen ließ, werden die politische Karriere von Stoibers Widersacherin beenden. Zu spät hat sie ihren Fehler erkannt.

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          Wer hätte gedacht, dass die Prominenten-Illustrierte „Park Avenue“ irgendwann doch einmal einen Scoop landet? Zu früh gestartet, weil man der Konkurrenz der deutschen „Vanity Fair“ zuvorkommen wollte, weit hinter den Auflagen erwartungen zurückbleibend - nie hatte man den Eindruck, dass irgendjemand in der Redaktion genau wusste, was das Magazin eigentlich will und soll. Seit der „Stern“-Chefredakteur Andreas Petzold das Blatt im Nebenjob führt, hat sich das geändert.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und wie: Die Geschichte, mit der er sogar auf der ersten Seite der „Bild“-Zeitung landete, hätte sein Mutterblatt wohl auch gerne gehabt: eine Bilderstrecke mit der CSU-Politikerin Gabriele Pauli in Tüll, Seide und Latex. Die Königsmörderin in Schlangenleder, die Rebellin, die „unter den Kleidern, Blusen, Röcken“ - was man nur ahne - ein „dickes Fell trägt“ und so herrlich „unkompliziert“ ist: „Die Unterhose drückt sich unfotogen unterm Kleid durch? Sie zieht sie aus und lässt sie diskret in ihrer Handtasche verschwinden.“

          Peinlich? Sie ahnt es wohl selbst

          Man muss kein Mitglied des Parteivorstandes der CSU sein, um zu ahnen, was diese Geschichte, was diese Kostümierung im miefigen Retro-Schick der Siebziger, was diese Metamorphose bewirken wird. Sie bestätigt alle jene, denen das Aufbegehren dieser Politikerin gegen den Landesvater Edmund Stoiber von Beginn an suspekt war. Auch die Staatspartei der Bayern hat immer recht und jemand, der den nackten König nackt nennt, es schwer, den Augenblick nach dem Dolchstoß selbst zu überleben.

          Das ist die Kluft, in der man Karriere macht

          Als ruchbar wurde, dass man in der Staatskanzlei ihr Privatleben auszuforschen begann, hatte Gabriele Pauli die Gunst der Stunde noch auf ihrer Seite, zumindest bei den Beobachtern von der Presse. Und vielleicht wäre die Taktik, ihren Anspruch, eine führende Rolle in der Politik zu spielen, von außen, über die Medien, in Auftritten in Talkshows, zu formulieren, erfolgversprechend geblieben, wäre Gabriele Pauli darauf verfallen, sich in eher konventioneller Weise zu inszenieren, als Staatsfrau, vielleicht sogar als Vamp. Doch in Latex-Handschuhen, mit roter Perücke und schwarz umrandeten Augen? Diese Pose wirkt nun einmal leider nichts als peinlich, und wenn man auf das Bild schaut, meint man zu erkennen, Gabriele Pauli ahne das auch.

          Im goldenen Stretchmini

          Die „Park Avenue“-Macher ahnen es nicht, sie wissen es, und sie tun so, als sei das genau der Plan, die gezielte Provokation in einer Gesellschaft, die sich durch fast nichts mehr provozieren lässt: „Dass sie den Kopf höher halten soll, muss unser Fotograf ihr nur einmal erklären. Nichts lieber als das. Soll nur jeder sehen, dass sie sich nicht kleinkriegen lässt, nicht von ein paar Hundert besoffenen Kerlen. Wie ein Model dreht und wendet sie sich auf abenteuerlich hohen Absätzen, lächelt leise triumphierend. Bald wird sie das bodenlange Seidenkleid eintauschen gegen einen goldenen Stretchmini, dann schwarze Latexhandschuhe überstreifen. Sie weiß, diese Bilder werden für Wirbel sorgen, sollen sie auch. Manche Medienberater hätten ihr die Aufnahmen sicher gern ausgeredet.“

          Da wird die Basis grölen. Und nicht bloß manche Medienberater, jeder Wohlmeinende, der die politische Karriere von Gabriele Pauli nicht beenden will, hätte ihr abgeraten und auf das „Bin Baden“-Erlebnis von Rudolf Scharping verwiesen, die Bilder des mit seiner Partnerin im Pool planschenden SPD-Vorsitzenden, der nun vor allem Rad fährt. Die Fotostrecke in der „Bunten“ war der Einstieg in den Ausstieg Scharpings aus der Politik. Mit den Posen Gabriele Paulis in „Park Avenue“ dürfte es sich genauso verhalten. Was verspricht sie sich davon? Wie eine Johanna auf dem Scheiterhaufen steht sie im künstlichen Nebel, wendet den Blick wie eine Erleuchtete gen Himmel und will nicht länger Landrätin sein: „Ich will Neues erfahren. Ich will große Politik steuern. Ich stehe für ein höheres Amt zur Verfügung.“

          Für mehr Lebensqualität

          Mit der CSU wird das nichts mehr zu tun haben, Auftritte in Talkshows zwar noch nach sich ziehen, sonst nichts. Da waren die kalkuliert privaten Auftritte eines Gerhard Schröder von ganz anderem Kaliber. Gabriele Paulis Ausflug auf den Boulevard dürfte einer ohne Rückfahrkarte ein, verbindet er sich doch nicht mit einer einzigen konkreten politischen Aussage. Sie wolle „Politik machen für mehr Lebensqualität“, heißt es in „Park Avenue“. Wer das will, schaltet sich besser - zum Beispiel - in die Debatten zur Familien- und Bildungspolitik ein, als einen Fototermin in Designerklamotten zu vereinbaren.

          Am Tag der Veröffentlichung scheint das auch Gabriele Pauli begriffen zu haben, hält sie „Park Avenue“ doch vor, man habe die „provokante Aufmachung“ mit ihr absprechen und ihr „den Text zur Autorisierung vorlegen müssen“. Text und Bilder erweckten „bei vielen Betrachtern eine Assoziation, die ich nicht hinnehmen kann.“ „Darf sich eine Politikerin so zeigen?“ mahnte die „Bild“- Zeitung. Als ob das die Frage wäre. Klar darf sie. Doch gut überlegt ist diese Lachnummer nicht. Es ist ein öffentliches Begräbnis erster Klasse.

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