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Die dritte Staffel „Charité“ : Patienten gehen vor Politik

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Hier ist guter Rat teuer: Dr. Ella Wendt (Nina Gummich) weiß um den aussichtslosen Zustand ihrer Krebspatientin. Bild: ARD

Zur allgemeinen Gesundung: Die dritte Staffel der Medizinhistorienserie „Charité“ widmet sich dem Deutschland der sechziger Jahre, das unter Teilungsschmerzen leidet.

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          August 1961, wenige Tage vor dem Mauerbau. Auf der Kinderstation der Charité wird ein Junge mit hohem Fieber und Lähmungserscheinungen eingeliefert. Seine Eltern haben ihn aus dem Westen über die britische Sektorengrenze in das Krankenhaus im Ostteil der Stadt gebracht. Der Ruf der Charité als Heil- und Forschungsstätte ist wieder exzellent. Nach wechselhafter Geschichte in der Nazizeit arbeiten hier, in der DDR, erneut die Koryphäen. Manche davon auch am Aufbau des Sozialismus. Sie alle sind Heldinnen und Helden der Werktätigen der medizinischen Grundversorgung, die bislang keinen Unterschied zwischen Freund und Klassenfeind macht. Hier hat auch die wissenschaftliche Spitzenforschung ihren Platz, der es bloß um den Primat der Erkenntnis und das Gemeinwohl geht. Die SED-Staatsmacht findet das von Fall zu Fall verdächtig. Die Omnipräsenz des Parteisekretärs Lehmann (Nicholas Reinke) ist unübersehbar. Er lungert in Gängen, fordert Ärzte zum Parteieintritt auf und verspricht Promotionen.

          Aber in der DDR-„Charité“, so lässt es das Drehbuch der dritten Staffel der melodramatischen Medizinhistorienserie Oberschwester Gerda (Hildegard Schroedter) sagen, gehen Patienten – nach den Erfahrungen des Weltkrieges – immer vor Politik. „Die Wissenschaft“, sagt wiederum der Star des Hauses, der Serologe und Gerichtsmediziner Professor Dr. Otto Prokop (Philipp Hochmair), in seiner Vorlesung, sei die „einzig verlässliche Konstante“.

          Ideologien dagegen kommen und vereinnahmen und gehen. Neue Menschen im Sinne des Sozialismus sind hier die wenigsten. Bis auf die überzeugten Rapoports, Neonatologin Ingeborg (Nina Kunzendorf) und Forscher Mitja (Anatole Taubman), die vor McCarthys Kommunistenjägern zum zweiten Mal emigrieren mussten, sieht das Personal die Zustände klar – und verwaltet den Mangel, so gut es geht. Jeden Morgen schreibt Oberschwester Gerda, die gute Seele der Inneren Abteilung, neue Dienstpläne. Diejenigen vom Vortag sind wieder Makulatur.

          Gummihandschuhe werden gewendet statt entsorgt

          Wer nicht „rübermacht“, schiebt Doppelschichten, wie die neue Ärztin Dr. Ella Wendt (Nina Gummich). Sie ist die zentrale Figur in „Charité III“, eine brillante Diagnostikerin mit unerschöpflichem Elan, die darüber hinaus noch ihre eigene Krebsforschung forciert und sich bald zwischen zwei Medizinern entscheiden muss: Dr. Bruncken (Franz Hartwig), der leidenschaftliche Chirurg, vertritt das Freiheitspathos des rebellischen Geistes; Dr. Alexander Nowack (Max Wagner) schwenkt aus Karrieregründen auf Parteilinie.

          Gummihandschuhe werden gewendet statt entsorgt, Penicillin kommt in unzureichenden Dosen über Bulgarien und wird aufgehalten, in der Chirurgie weigert sich Bruncken, ohne Röntgenaufnahmen und Assistenten zu operieren. Im Trakt der Neonatologie, Ärztin Rapoports Insel der seligen Kinder, stehen die Zeichen schon im Sommer ’61 auf Überwindung der deutsch-deutschen Spaltung. Sie erkennt, dass der fiebernde Westjunge an Polio erkrankt ist. Während in der DDR flächendeckend mit einem Sowjetimpfstoff das Virus bekämpft wird, lehnt die Bundesrepublik die Impfung ab. Stellvertretend misstrauen die Eltern der Ärztin, die den Hausmeister Fritz Krug (Uwe Preuss) selbst die „Eiserne Lunge“ aus dem Keller holen lässt, um das Kind mit künstlicher Beatmung zu retten. Impfung vom Feind? Das muss Propaganda sein. Nicht erst, als Rapoport nicht nur den Jungen rettet, sondern auch bei einem Mädchen aus dem Westen deutsch-deutschen Teilungsschmerz als Krankheitsursache diagnostiziert und dessen Verschwinden prophezeit, als sie den arroganten Leiter der gynäkologischen Abteilung, Prof. Dr. Helmut Kraatz (Uwe Ochsenknecht), von der Zusammenlegung von Frauen- und Kinderheilkunde überzeugt hat. Auch weil sie mit unverbrüchlicher Treue zu dem Staat hält, der ihr ein neues Leben ermöglicht, wirkt „Charité“ wie ein Akzeptanzpflaster für Skeptiker der Relevanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus den östlichen Bundesländern.

          Vom melodramatischen, oft kitschig gewendeten Pathos der einzelnen verhandelten Krankheitsfälle abgesehen, gelingt der MDR-Produktion die Balance der zeithistorischen Bewertung. „Charité III“ zeigt ihre Mediziner – die Rapoports, Prokop und Kraatz sind mit manchmal übergroßem Respekt echten Biographien nachempfunden – empfindlich gegen die Zeitströme, insbesondere der Mauerbau bewegt die Gemüter. Über Nacht liegt die Charité direkt an der Grenze, wenige Stunden darauf muss Prokop das erste von Grenzern ermordete Maueropfer sezieren, und fertigt später ein heimliches Obduktionsprotokoll an. Das Hohelied der Medizinhistorie als Fortschrittsgeschichte mit Kontingenzdellen wird auch dieses Mal weiter gesungen, aber nun scheinen die sechs Folgen pandemiebedingt näher an der zeitgenössischen Erfahrung als je. Das Drehbuch von Stefan Dähnert, Regine Bielefeldt, John-Hendrik Karsten und Christine Hartmann (auch Regie) führt selbst eine Triage-Situation ein – die sich dank des aufopferungsvollen Einsatzes von Prof. Prokop in allgemeine Rundumgesundung auflöst. Holly Finks Bildgestaltung, die zwischen intimen Gewissenseinstellungen und breiter angelegten Zeitprospekten wechselt, sowie Christine Hartmanns konzentrierte Regie lassen „Charité“ an vielen Stellen weniger emotional aussehen, als die oft sülzigen Einzelfälle sind. Die frohe Botschaft der unermüdlichen Wissenschaftsanstrengung im Dienst der Gesundheit mag zur Zeit, in der die „Charité“ nicht nur wegen des Virologen Drosten wieder in aller Munde ist, etwas unkritisch tröstlich erscheinen.

          Charité III, heute 20.15 Uhr im Ersten.

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