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Parlaments-Doku bei 3sat : Die scheuen Politiker

  • -Aktualisiert am

Bild: ZDF/Christoph Rohrscheidt

Ein Jahr lang begleitete der Fernsehautor Siegfried Ressel Abgeordnete bei ihrer Arbeit. Jetzt lernt man selbstlose und nervenstarke Menschen kennen, die ihren Auftrag mit überraschender Ernsthaftigkeit betreiben.

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          Der Hype um das Duell kann leicht zu dem Missverständnis führen, es stünden am 22. September zwei Personen für ein Amt zur Wahl. Mancher muss vielleicht in sein altes Politikwissenschaftsbuch schauen, um zu erfahren, dass an diesem Datum mehr als sechshundert Abgeordnete gewählt werden, Merkel und Steinbrück sind zwei davon. Der ganze große Rest ist so gut wie nie im Fernsehen zu sehen und wenn, dann nur ganz kurz.

          Der Dokumentarfilmer Siegfried Ressel hat sich nun unseren Vertretern mit derselben Ruhe und Sorgfalt genähert, mit der an so einem Sendeplatz sonst scheue Tiere vorgestellt werden. Man sieht opulente Aufnahmen ihres natürlichen Habitats, nun also keine Steppen oder Wälder, sondern die hohen Säle und weiten Flure der irgendwie noch ganz neu und einschüchternd wirkenden Berliner Parlamentsgebäude. Ressel musste Geduld mitbringen, die Abgeordneten waren nicht gleich bereit, sich auf das Wagnis einzulassen, denn er hat sie über ein ganzes Jahr lang begleitet, und das ist in einem Politikerleben eine kaum zu kalkulierende Strecke.

          Abgeordnete für die Linke: Heike Hänsel
          Abgeordnete für die Linke: Heike Hänsel : Bild: ZDF/Christoph Rohrscheidt

          Eine der beobachteten Abgeordneten, die Hamburgerin Sylvia Canel (FDP), muss etwa im Laufe des Beobachtungszeitraums erfahren, dass sie nicht wieder aufgestellt wird, ein innerparteilicher Machtkampf. Man konnte sich freilich schon denken, dass es für sie schwierig werden würde, als sie erklärte, sie habe durch Merkels Wortbruch bei der Griechenland-Rettung das Vertrauen in die Bundeskanzlerin verloren. Eine andere der porträtierten Politikerinnen muss schwer um einen guten Listenplatz bangen, es ist die Grünen-Abgeordnete Elisabeth Scharfenberg. Ressel dokumentiert ihre Hilflosigkeit angesichts einer grünen Basis, die, wie sie sagt, „gnadenlos durchregiert“.

          Die wichtigste Erkenntnis des Films ist, dass ein Abgeordnetenmandat so individuell ist wie ein Fingerabdruck: Jeder und jede hat einen eigenen Weg dorthin, eigene Ambitionen und Methoden. Wir sehen hier keine austauschbaren Rädchen im Getriebe, sondern Handwerker, die ihren je eigenen Zugang zu Themen und Stoffen entwerfen. Besonders impulsiv und gewissenhaft erscheint die Linken-Abgeordnete Heike Hänsel. Auf langen Spaziergängen erzählt sie von ihrem Leben, ihren politischen Vorstellungen und Methoden. Ein schöner Moment ist der Kommentar ihres Kollegen von der SPD Rolf Mützenich, der Hänsel aufrichtig dafür bewundert, so einfallsreich und angenehm aufzutreten, wohingegen er „schon optisch nichts als Langeweile“ zu bieten habe. Er sagt das ohne Koketterie, überhaupt ist man über die Fähigkeit zur Selbstkritik erstaunt.

          Rolf Mützenich von der SPD
          Rolf Mützenich von der SPD : Bild: ZDF/Christoph Rohrscheidt

          Alle Abgeordneten können den eigenen Einfluss auf die Politik des Landes klug relativieren, ohne dies jedoch als Grund zur Resignation misszuverstehen. Dabei verzichtet Ressel auf übertriebene dramatische Effekte oder eine permanent emotionalisierende Musik und vertraut ganz seinen Bildern. Es hält Stille aus und spart sich jeden pädagogischen Hinweis, dadurch entsteht ein ganz besonderer Film. Man lernt daraus erst einmal, dass Parlamentarier mehr sind als Parteisoldaten und zum anderen, dass viele komplizierte kulturelle Voraussetzungen erfüllt sein müssen, bevor eine Gesellschaft in großer Zahl geeignete Kandidaten für so ein Mandat hervorbringt.

          Darum kann man Parlamentarismus so schlecht exportieren oder oktroyieren: Man braucht einfach ernsthafte, nervenstarke und selbstlose Menschen, die, obwohl sie es nicht müssen, sich zweihundert Abende im Jahr um die Sorgen der anderen kümmern. Und man braucht viele davon. Der beeindruckende Film gibt dem oft so verspotteten, ja verachteten Politikbetrieb frische Gesichter und trägt dadurch mehr zur Identifikation mit der parlamentarischen Demokratie bei als viele Talkshows. Jeder Wähler sollte ihn sich ansehen.

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