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„Die Fahnderin“ im Ersten : Und all der Müll bleibt liegen

  • -Aktualisiert am

Im Kampf gegen die Steuersünder schont Karola Kahanes (Katja Riemann) weder sich, noch andere - auch nicht den Zuschauer. Bild: WDR/Hans-Joachim Pfeiffer

Mitten im medialen Uli-Hoeneß-Hype wagt sich das Erste an das Thema Steuersünder: „Die Fahnderin“ mit Katja Riemann in der Hauptrolle gerät dabei allerdings zum plumpen Pädagogikfernsehen.

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          „Es war Zeit, dieses brisante Thema fiktional aufzugreifen“: Der erste Satz von ARD-Programmdirektor Volker Herres im Begleitheft zu „Die Fahnderin“ offenbart nicht nur das Selbstverständnis der öffentlich-rechtlichen Sender. Er enthält auch die Erklärung dafür, warum unser Fernsehprogramm so ist, wie es ist: Man denkt hierzulande nicht von den Geschichten her, sondern definiert Fiktion als Wirklichkeitskommentar mit anderen Mitteln, als gespielte Talkshow.

          Der Steuerkrimi „Die Fahnderin“, der die Auswirkungen der Steuer-CD-Ankäufe seit 2007 thematisiert und nun mitten im medialen Uli-Hoeneß-Overkill ausgestrahlt wird, zeigt beispielhaft, wohin die Unterdrückung von Kreativität im öffentlich-rechtlichen System führt. Das Lehrstück erinnert in seiner dramaturgischen Plumpheit an die Spielszenen von „Aktenzeichen XY“, es ist von einer kaum zu übertreffenden Klischeedichte und scheut die dickste Knüppel-aus-dem-Sack-Moral nicht: Hier läuft Debattenfernsehen vom Aufdringlichsten. Keine Frage, dass die ARD gleich einen Themenabend daraus macht und noch eine „Plusminus“-Sendung zum Steuerbetrug anhängt.

          Jagd auf ganz dicke Fische und Verräter in den eigenen Reihen

          Die Grundstruktur ist rührend schlicht: Gut gegen Böse. Im Zentrum steht die von Katja Riemann (nicht einmal schlecht) gemimte, für ihre Unbestechlichkeit bekannte, aber privat eher überforderte Steuerfahnderin Karola Kahane aus dem nordrhein-westfälischen Neuss. Durch eine Steuersünder-CD aus der Schweiz kommt Kahane achthundert Betrügern auf die Schliche.

          Es wird überdeutlich gesagt: Die Personalausstattung erlaubt lediglich die Verfolgung eines einzigen, besonders dicken Fisches. Man hofft auf viele Selbstanzeigen. Der dicke Fisch heißt Benedikt Sämann und ist die Karikatur eines selbstgerechten, bestens vernetzten Großindustriellen, der sich ständig darauf beruft, viel für das Land getan zu haben: Arbeitsplätze, Steuern, Wohltaten.

          Lieblose Nebenhandlung: Karolas Tochter Hanna (Sarah Horváth) flüchtet sich in Alkohol und Drogen, weil sie sich von ihrer Mutter vernachlässigt fühlt. Bilderstrecke

          Die Fahnderin hat Schwierigkeiten, Mitstreiter zu finden, weil sich die meisten Beamten aus Angst wegducken (eine ziemliche Beleidigung der Behörden). Natürlich gibt es auch wieder - das kennen wir aus unzähligen Krimis - einen Verräter in der eigenen Behörde. So geht Jeanne d’Arc aus NRW mit einem leicht chaotischen, aber über sich selbst hinauswachsenden Not-Team gegen Sämann vor.

          Sinnlose, braunstichige Retro-Ästhetik

          So lieblos wie die Nebenhandlung - Karola Kahanes Tochter flüchtet sich in Alkohol und Drogen, weil ihre Mutter nicht zu einem Trommelabend mit Mitschülern gekommen ist; dann blüht sie genauso unglaubwürdig wieder auf -, so dumpf sind auch die Methoden, mit denen die Aufrechten unter Druck gesetzt werden: Auf den geliebten Oldtimer des gemütlichen Jochen Busse (Heiko Pinkowski) hat beispielsweise jemand „schwule Sau“ gesprüht.

          Was die Dialoge besonders hölzern wirken lässt, ist eine Lieblingsangewohnheit des Pädagogikfernsehens: Viele Sätze sind eigentlich an das Publikum gerichtet und sollen Hintergrund vermitteln. Dafür werden ganze Szenen eingebaut wie jene, in der das Team auf Mülltonnen starrt, weil nämlich die Müllabfuhr streike: „Bei den Gehältern kein Wunder. Aber die Gemeinden haben kein Geld mehr. Meine Töchter haben keinen Schwimmunterricht mehr, weil die Halle baufällig ist.“ Baufällig ist hier vor allem das Drehbuch von Stefan Dähnert.

          Im verzweifelten Versuch, der komplett vorhersehbaren Handlung wenigstens im Formalen ein wenig artistischen Glanz zu verleihen, hat Regisseur Züli Aladag, dessen größter Erfolg bislang der Debattenfilm „Wut“ (2006) war, die Optik quasi holzvertäfelt. Das Design ist braunstichig in die sechziger Jahre verrückt, und besonders irre sind die Kostüme. Diese völlig sinnlose Retro-Ästhetik ist gerade wegen ihrer Sinnlosigkeit das einzig Charmante an diesem ärgerlichen Stück Zweckfiktion.

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