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„Outlaw King“ bei Netflix : Seite an Seite mit den Seinen in den Kampf

Heute, in der Schlacht, denk an mich: Robert the Bruce (Chris Pine) muss viele Niederlagen erleiden, bevor die Aussicht auf einen Sieg winkt. Bild: Netflix

Netflix hat das Leben des schottischen Rebellen Robert the Bruce verfilmt. In ihrer Opulenz gehört die Geschichte eines Ritters ins Kino. Dabei besticht sie nicht mit Schlachten, sondern mit Charakterskizzen.

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          Sie mögen uns das Leben nehmen, aber niemals nehmen sie uns unsere Freiheit!“ Ein Vierteljahrhundert nachdem Mel Gibson im Hollywood-Blockbuster „Braveheart“ als schottischer Rebell William Wallace seinen Mannen diese Gewissheit vom Schlachtross aus zugerufen hat – und der Aufständische wenig später mit einem letzten, der Folter abgerungenen Freiheitsschrei sein Leben aushauchte –, geht der Kampf gegen die Engländer weiter.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Robert the Bruce, verkörpert von Chris Pine, führt fort, was Wallace nicht zu Ende bringen konnte. Bis in die Schlacht von Loudoun Hill anno 1307 folgen wir dem legendären König der Schotten. Mit fünfhundert Fußsoldaten steht er einer berittenen englischen Übermacht von dreitausend Mann gegenüber. Es regnet, natürlich. Silbernes Morgenlicht liegt über dem Land, und in epischer Breite fängt David Mackenzie das Gemetzel ein: Unter stürzende Leiber wirft er uns, zwischen von Schwerten durchbohrte oder von Streitäxten gefällte Krieger und niederbrechende Pferde. Das Gesicht des Königs ist bedeckt von Schlamm und Blut. Da erhebt sich die Kamera und blickt aus der Vogelperspektive auf das wogende Meer der Körper – ein gleichermaßen grausames und heroisches Panorama, wie gemacht für die Kinoleinwand.

          Doch Mackenzie, Drehbuchautor, Produzent und Regisseur in Personalunion, hat „Outlaw King“ für Netflix gedreht, den Streamingdienst mit der nicht ganz so mutigen Kinostrategie. Und so kämpft Chris Pine auf Fernsehschirmen, Tablets, Smartphones und Smartwatches. Dabei hatte Netflix-Programmchef Ted Sarandos zum Angriff auf die etablierten Studios geblasen. Nicht etwa, weil das Kinogeschäft boome wie der Streamingmarkt, es kämpft im Gegenteil mit schwindenem Zuschauerzuspruch, sondern weil es mit prestigeträchtigen Preisen lockt, die mehr Online-Abonnenten auf die Plattformen ziehen könnten. Die Konkurrenz um Jeff Bezos schläft schließlich nicht: Amazon hat schon drei Oscar-Auszeichnungen mit Spielfilmen erobert (für „Manchester by the Sea“ und „The Salesman“), Netflix nur eine für einen Dokumentarfilm („Ikarus“). Wer aber Academy Awards will (oder andere schicke Preise), muss sich erst exklusiv im Kino zeigen. Bisher hat Netflix genau das zu vermeiden versucht und wollte extrem kurze Laufzeiten auf der Leinwand bei gleichzeitigem Online-Start erzwingen –, was wiederum Kinopartner und Festivals zu Boykotten trieb.

          Jung, aber nicht unbedarft: Florence Pugh spielt Elizabeth.
          Jung, aber nicht unbedarft: Florence Pugh spielt Elizabeth. : Bild: Netflix

          Doch alles soll anders werden. Drei Netflix-Produktionen, die als Oscar-Kandidaten gelten, starteten in Amerika im Kino: „The Ballad of Buster Scruggs“ der Coen-Brüder, „Roma“ von Alfonso Cuarón und „Bird Box“ von Susanne Bier mit Sandra Bullock. Für den „Outlaw King“ war kein Platz. Zwar feierte das mit neun Millionen Dollar budgetierte Epos beim Filmfestival in Toronto Premiere und blitzte kurz in wenigen Lichtspielhäusern auf – mehr aber auch nicht. Hält man bei Netflix so wenig von dem Film? Oder sieht man ihn als Idealkonkurrenz zu Serien wie „Game of Thrones“ (der Schlachten wegen), „Poldark“ (weil der Held nicht nur mit freiem Oberkörper, sondern nackt auftritt) und „Outlander“ (für Schottland-Fantasy-Süchtige)?

          Welchen filmischen Anspruch David Mackenzie und sein Kameramann Barry Ackroyd erheben, führt schon die Eingangssequenz vor Augen, ein phänomenales Exposé, das mit einem um eine brennende Kerze gezwirbelten Ballhaus-Kreisel beginnt und achteinhalb Minuten ohne Schnitt später mit dem Abschuss eines feuerspeienden Katapults endet. Dazwischen erleben wir, erst im Dunkel eines Zelts, dann im bleichen Licht davor, wie Robert, noch nicht König und nicht wieder Rebell, sich 1304 dem englischen König Edward unterwirft, von dessen Sohn gleichen Namens zum Schwertkampf herausgefordert wird und den Beschuss einer Festung mitansehen muss, die sich nicht ergeben durfte.

          Besiegte zu demütigen war noch nie eine gute Friedensgrundlage. Robert wird zähneknirschend Vasall, weil sein Vater auf eine Krone von Englands Gnaden spekuliert. Aber der Patriarch ist alt, seine Zeit läuft ab. Gleiches gilt für den englischen Herrscher. Edward der Jüngere, mit Topfschnitt-Undercut zwischen erdigen Heavy-Metal-Rittern optisch als Charakternull gezeichnet, wetzt die Schwerter. Mit John Comyn tritt Roberts übelster schottischer Widersacher auf, mit James Douglas sein potentieller Verbündeter. In der heimischen Burg stößt schließlich die weibliche Hauptfigur zu den Bruces: Elizabeth, eine englische Braut, die König Edward dem Witwer Robert untergejubelt hat. Wider Erwarten sorgt sie für einen romantischen Sub-Plot, der diesen Namen verdient und dank Florence Pughs Spiel Glanzpunkte setzt.

          Geschichte aber machen im Mittelalter Männer. Zwei Ausritte bringen die Handlung in Gang. Auf dem ersten sieht Robert die geschändete Leiche vom letzten Aufständischen Wallace; den zweiten tritt er an, um Comyn für eine neue Rebellion zu gewinnen, was im Mord an diesem endet. Robert, nun Geächteter, entsetzt über seine eigene Tat, wird von den machtbewussten schottischen Bischöfen durch Beichte vor dem päpstlichen Bann bewahrt und zum Krönungsplatz in Scone geführt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Der „Outlaw King“ muss sein Land von den heranrückenden Engländern zurückerobern.

          Mackenzie breitet auf verblüffend konventionelle Weise eine Rittergeschichte aus, in der Charaktere aus einem fernen Jahrhundert von Fremdartigkeiten wie Lehnstreue, Familienehre und Gottesfurcht umgetrieben werden, aber auch von bis heute anschlussfähigen Sehnsüchten nach Selbstbestimmung und Familienglück. Momente des Friedens wechseln mit denen explosiver Gewalt ab, und Robert durchwatet einen Sumpf der Niederlagen, bis er den Hauch einer Chance spürt. Mal fühlt man sich an Western erinnert, wenn die Heroen von einer Anhöhe auf das feindliche Heer hinabspähen; mal an Klassiker wie „Giganten“, wenn Elizabeth aus dem Saal geworfen wird, weil jetzt die Männer reden; mal sogar an Asterix-Verfilmungen. Wie dort Caesar über die Gallier jammert Edward: „Ich habe diese Schotten dermaßen satt!“ Der Spannungsbogen des zweistündigen Films ächzt unter der auf Addition, Variation und Wiederholung bauenden Dramaturgie. So sehr er mit kinematographischen Bildern prunkt, erzählt wird, als müsse das Ganze, bei Bedarf in vier Teile zerlegt, als Miniserie gesendet werden können – mit monströs kitschigem Finale. Vielleicht ist das der Fluch des Auftraggebers.

          Dass „Outlaw King“ sich dennoch wacker schlägt, verdankt sich – untypisch für einen Schlachtenfilm – den sensiblen Charakterskizzen. Mackenzie lässt seine Hauptfiguren nicht viel reden. Das bewahrt ihnen ein Geheimnis. Er weigert sich, das Mittelalter als Vergewaltigungsorgie oder Epoche des Präfeminismus zu inszenieren, sondern dosiert emanzipatorische Ausbrüche, huldigt der Rekonstruktion von Ritualen und folgt historischen Abläufen.

          Chris Pine, ohne den kaum eine Einstellung auskommt, vermag es, den Stoiker und sanften Vater zu geben, den erst ein Angriff auf seine Familie zum Krieger macht. So singt „Outlaw King“ das zeitlose Lied vom Helden, den erhöht, dass er in den Matsch hinabsteigt, um Seite an Seite mit den Seinen zu kämpfen.

          Outlaw King ist auf Netflix abrufbar.

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