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Ende eines Prozessmarathons : Einigung zwischen „Bild“ und Ottfried Fischer

Ottfried Fischer, bekannt in der Rolle des Kriminalhauptkommissar Benno Berghammer in „Der Bulle von Tölz“ sowie als Hauptdarsteller in der Krimireihe „Pfarrer Braun“ - auf die Rolle im Gerichtsverfahren hätte er sicher gerne verzichtet. Bild: dpa

Ein Sex-Video, ein Exklusiv-Interview mit der „Bild“-Zeitung und ein jahrelanger Prozess: Im Gerichtsverfahren um den Schauspieler Ottfried Fischer stimmten die Parteien dem Urteil zu.

          3 Min.

          Wie das Landgericht München am heutigen Donnerstag mitteilte, ist der mehrjährige Prozessmarathon um ein Sex-Video mit dem Schauspieler und Kabarettisten Ottfried Fischer beendet. Der angeklagte Journalist der „Bild“-Zeitung muss 3500 Euro an eine Organisation für Parkinson-Patienten zahlen, damit wurde das Verfahren eingestellt. Diesem Urteil stimmten sowohl der „Bild“-Journalist als auch die Staatsanwaltschaft als Haupt- und der Vertreter Fischers als Nebenkläger zu.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Geschichte um Ottfried Fischers Sex-Video geht zurück auf das Jahr 2009. Damals hatten zwei Prostituierte heimlich ihren Geschlechtsverkehr mit Fischer gefilmt und die Aufnahmen zusammen mit ihren Zuhältern für 3500 Euro an den Journalisten verkauft, der für die „Bild“-Zeitung arbeitet. Der „Bild“-Reporter setzte daraufhin Fischers damalige Presseagentin über den Besitz des Videos in Kenntnis, woraufhin diese die Zusammenarbeit Fischers bei drei Stücken für die „Bild“-Zeitung vereinbarte, unter anderem ein Exklusiv-Interview mit dem Titel „Die Huren nutzten meine Krankheit aus!“.

          Journalistisches Recht auf Recherche?

          Was folgte, war gleich eine Reihe von Prozessen mit der Staatsanwaltschaft als Haupt- und Fischer als Nebenkläger: Gegen die Prostituierten und ihre Zuhälter, die nicht nur heimlich das Video drehten, sondern auch noch 27 Kreditkartenbelege von Fischer manipulierten. Zudem ein Verfahren gegen einen Erpresser, der in den Besitz einer Filmkopie gekommen war. Vom Amtsgericht München wurden Prostituierte, Zuhälter und Erpresser allesamt zu Geld- und Haftstrafen verurteilt.

          Das Verfahren gegen den „Bild“-Reporter erwies sich jedoch als komplizierter: Die Anklage der Staatsanwaltschaft lehnte sich an Fischers Darstellung an, er habe die Zusammenarbeit mit der „Bild“-Zeitung damals nur vereinbart, da er andernfalls die Veröffentlichung des Videos erwartet habe und folglich um seine berufliche Existenz bangen musste. Fischer sprach von Nötigung, die Staatsanwaltschaft von einer „konkludenten Drohung“, aus der sie in der Anklageschrift Nötigung sowie die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch unbefugte Bildaufnahmen formulierte. Dem gegenüber stand von Beginn an die Aussage des Journalisten, der das Video in dem Glauben annahm, es zeige wie Fischer Leistungen von Prostituierten nicht zahlen wollte. Zudem sei nie von einer Drohung die Rede gewesen, bei ausbleibendem Interview mit der „Bild“ das Video für eine Veröffentlichung zu nutzen. Vielmehr verwies er auf sein Recht als Journalist, in einer solchen Angelegenheit zu recherchieren.

          Ein schmaler Grat im Boulevardjournalismus

          2010 hatte das Münchner Amtsgericht in erster Instanz den angeklagten „Bild“-Reporter zu einer fünfstelligen Geldstrafe verurteilt. Dieses Urteil wurde ein Jahr später jedoch vom Landgericht aufgehoben, dessen Urteil 2012 seinerseits vom Oberlandesgericht revidiert und an eine andere Kammer des Landgericht zurück verwiesen wurde. An zusätzlicher Schärfe gewann die Auseinandersetzung im Dezember 2012, nachdem der ehemalige Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, Winfried Hassemer, ein Gutachten mit dem Titel „Strafbarkeit von Journalisten und Pressefreiheit“ veröffentlichte. Darin gab Hassemer seinerzeit zu bedenken, dass eine rein strafrechtliche Argumentation außer Acht ließe, dass der Angeklagte Journalist nicht als Privatperson, sondern ausschließlich in seiner Eigenschaft als professioneller Medienvertreter gehandelt habe. Hassemer betonte demnach die verfassungsrechtlichen Bestimmungen der Medienfreiheit, aus denen die Rechtmäßigkeit der Videoannahme abzuleiten sei.

          Im Januar 2013 sprach das Landgericht den  „Bild“-Reporter schließlich in allen Punkten frei: Dass der Journalist damals die Forderung nach einem Interview gestellt habe, sei ebenso wenig zu beweisen wie die Drohung, dass ansonsten Video veröffentlicht werden würde. Zudem sei der höchstpersönliche Lebensbereich Fischers nicht verletzt worden. Der Richter bezeichnete die ganze Angelegenheit zwar als „eine Riesensauerei“, sah aber keine persönliche Schuld des Angeklagten. Diese Entscheidung wurde im März 2014: vom Oberlandesgericht bestätigt und wurde damit rechtskräftig – allerdings nur in der Frage der Nötigung.

          Ob der Journalist durch Annahme des Videos nach §201a StGB Fischers höchstpersönlichen Lebensbereich durch Bildaufnahmen verletzt habe, wies das Oberlandesgericht zur Klärung hingegen abermals an eine andere Strafkammer des Landgerichtes zurück. Mit deren Urteil endet ein jahrelanges Verfahren, das sich zu einer Auseinandersetzung über Persönlichkeitsrechte und Pressefreiheit entwickelte und den schmalen Grat im Boulevardjournalismus vor Augen führte.

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