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Das aktuelle Titelblatt der Zeitschrift „Das Magazin“. Bild: Das Magazin

Ostdeutsche Zeitschriften : Erkennen sich Ossis gegenseitig?

In der vom Westen dominierten gesamtdeutschen Öffentlichkeit kommen ostdeutsche Erfahrungen bloß als etwas Fremdartiges vor. Doch zum Glück gibt es auch ostdeutsche Zeitschriften.

          6 Min.

          Kürzlich kündigte die „Superillu“ auf ihrer Ti­telseite die Erörterung ei­ner folgenschweren Fra­ge an: „Ist das Wort ‚Ossi‘ eine Belei­digung?“ Im Inneren des Hefts fand sich dann nur eine kleine Notiz dazu, es ging um ein Gerichtsurteil aus dem Jahr 2019. Doch man versteht sofort, dass die dort verhandelten Ein- und Zuordnungen für die „Su­perillu“ von grundsätzlicher Bedeutung sind. Ein Redakteur eines ungenannt bleibenden anderen Mediums hatte seinen Vorgesetzten vorgeworfen, ihn fortwährend als dummen „Os­si“ stigmatisiert und gedemütigt zu haben, und forderte wegen der da­rauffolgenden Erkrankung von seinem Verlag ein Schmerzensgeld. Das Arbeitsgericht Berlin wies die Klage nun vor allem mit der Begründung zurück, dass Ostdeutsche nicht Mitglieder einer ethnischen Gruppe oder Träger einer einheitlichen Welt­anschauung seien; deshalb handele es sich nicht um eine Benachteiligung im Sinne des Paragraphen 1 des Allgemeinen Gleich­be­hand­lungs­gesetzes.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          So weit der Bericht der „Super­illu“. Schon 2010 hatte das Arbeitsgericht Stuttgart befunden, dass die „manifestierbare Unterschiedlichkeit der Menschen“, auf welcher der Be­griff der ethnischen Herkunft be­ruhe, im Fall des „Ossis“ nicht gegeben sei. Die Fachzeitschrift „Rechtswissenschaft“ hatte daraus 2018 die ultimative Formulierung abgeleitet, dass „der ‚Ossi‘ als Deutscher in Deutschland nicht als schutzbedürftig er­scheint“. Doch wie ließe sich, wenn von einer manifestierbaren Unterschiedlichkeit nicht die Rede sein kann, die Existenz von Zeitschriften er­klären, die mit ihrer Ansprache eines ostdeutschen Publikums nach wie vor Erfolg haben? Außer der „Superillu“, die 1990 von dem westdeutschen Burda-Verlag ins Leben gerufen wurde, sind das vor allem die Nachfolger der DDR-Zeitschriften „Eulenspiegel“, „Mosaik“ und „Das Magazin“. Offensichtlich lässt das Argument der Stuttgarter Richter, Ost- und Westdeutsche teilten eine „gemeinsame Kultur der letzten 250 Jahre“, die vierzig Jahre in jüngerer Vergangenheit außer Acht, in denen die Deutschen in nicht nur verschiedenen, sondern entgegengesetzten Gesellschaftssystemen lebten. Und deshalb bleibt es nicht ohne Folgen, dass die gesamtdeutsche Öffentlichkeit, die sich seit 1990 formiert hat, in Wirklichkeit eine von Medien im westdeutschen Besitz und mit überwiegend westdeutschem Personal gestaltete westdeutsche Öffentlichkeit ist.

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